Erinnerungen an die Operation "Desert Storm"

Der Kriegsbeginn war das Ende meiner Kindheit

Am 2. August 1990, vor zwanzig Jahren, überfielen Saddam Husseins Truppen Kuwait und lösten damit die Operation "Desert Storm" aus. Ein Augenzeugenbericht des irakischen Journalisten Emad M. Ghanim, der den Krieg als 15-Jähriger im Süden des Landes erlebte.

US-Kampfjets über der irakischen Wüste; Foto: AP
Am 17. Januar 1991 traten die Streitkräfte der westlichen Koalition unter der Führung der USA mit einem massiven Luftschlag in den Krieg mit dem Irak ein.

​​ Ich erinnere mich noch genau an den 2. August 1990: An jenem Donnerstagmorgen weckte mich meine Mutter in unserer südirakischen Heimatstadt Maysan mit den Worten "Saddam ist in Kuwait einmarschiert".

Ich war damals erst 15 Jahre alt, aber ich spürte, dass sie Angst hatte. "Woher weißt du das?", fragte ich - damals gab es noch kein Al-Jazeera, der Irak war weitgehend von der Außenwelt abgeschirmt. "Dein Vater hat mich von der Arbeit aus angerufen", erwiderte sie.

Solche Telefonate waren riskant. Aber meine Eltern hatten schon während des iranisch-irakischen Krieges eine Geheimsprache entwickelt, die es ihnen ermöglichte Informationen weiterzugeben, auch wenn Telefonate abgehört wurden.

Propaganda und Kriegslieder

Ich griff zu meinem kleinen Transistorradio, wollte wie mein Vater den Nachrichten von Radio Kuwait lauschen. Inzwischen waren aber fast alle Sender gestört, nur das irakische "Hauptprogramm" war zu hören: Eine unendliche Abfolge von Kriegsliedern, die den "Führer" Saddam Hussein, den Irak und seine Baath-Partei priesen.

Unterbrochen wurde die Propaganda nur von der Stimme des Nachrichtensprechers Muqdad Murad, der immer wieder ankündigte, dass in Kürze ein wichtiges Kommuniqué verlesen würde. Dass ausgerechnet Saddams langjähriger Lieblings-Ansager das Kommuniqué verkünden sollte, ließ jeden Iraker ahnen, dass Ungeheuerliches geschehen ist oder geschehen würde.

Schulkinder bekamen Kalaschnikows

Emad M. Ghanim in Bagdad, kurz nach dem Sturz Saddam Husseins; Foto: Emad M. Ghanim
"Die größeren Schüler bekamen eine Kalaschnikow, die sie jeden Tag zusammen mit ihren Büchern in die Schule bringen mussten": Der Krieg stellte auch für das Leben von Emad M. Ghanim eine tiefe Zäsur dar.

​​ Um mir ein klareres Bild zu verschaffen, schaltete ich das alte russische Radio meines Vaters an, mit dem er immer heimlich die Nachrichten von BBC, Deutsche Welle und Radio Monte Carlo hörte. Und tatsächlich: Saddams Truppen waren in Kuwait einmarschiert, mit ungefähr 100.000 Mann - ein Akt der Aggression.

In den irakischen Medien hieß es später, es habe einen "Aufstand" von Kuwaitis gegen die regierende Scheichfamilie gegeben und dass die Aufständischen ein "Band der Einheit" mit dem Irak bildeten. Im Fernsehen und in den Zeitungen, später auch in der Schule, wurde dann nur von der "Weisheit" der politischen Führung gesprochen, den "historischen Irak zu vereinigen".

Statt Sportstunden gab es für uns in der Schule fortan Militärausbildung. Die größeren Schüler bekamen eine Kalaschnikow, die sie jeden Tag zusammen mit ihren Büchern in die Schule bringen mussten. Mit Begeisterung plapperten einige meiner Mitschüler die Worte der Lehrer nach, dass der Irak jetzt das stärkste Land der Welt sei, die größten Erdölreserven und einen Zugang zum Meer habe.

Minderjährige an die Front

Es dauerte nicht lange, da wurden meine Onkel als erste Mitglieder unserer Familie zu den Waffen gerufen. Wir ahnten, dass die Situation noch dramatischer werden könnte als im Krieg gegen den Iran. Denn sogar mein Cousin, nicht einmal 18 Jahre alt, musste nun plötzlich eine Uniform tragen und wurde mit den Truppen der Volksarmee nach Kuwait geschickt.

Saddam Hussein; Foto: dpa
Propagandistische Gehirnwäsche: Im irakischen Radio erklang Tag für Tag eine "unendliche Abfolge von Kriegsliedern, die den 'Führer' Saddam Hussein, den Irak und seine Baath-Partei priesen", so Emad M. Ghanim.

​​ In den darauffolgenden Wochen verschwanden die Lebensmittel aus den Regalen der Läden, die Märkte blieben leer, es wurden Wirtschaftssanktionen gegen den Irak verhängt.

Das Monatsgehalt meines Vaters "im stärksten Land der Welt" reichte plötzlich nur noch für vier Kilo Mehl, einen Kilo Zucker und einen Kilo Reis. Wir mussten auf eine Tagesmahlzeit verzichten, um uns einen kleinen Lebensmittel-Vorrat zuzulegen. Jeder wusste: Der Krieg wird auch zu uns kommen.

Saddam verhöhnte die Amerikaner

Am Abend des 16. Januar 1991 saß meine Familie vor dem Fernseher, um zu hören, wie Saddam auf die letzten internationalen Appelle reagierte, die ihn mahnten, aus Kuwait abzuziehen, um einen Krieg zu vermeiden. Wir hörten, wie Saddam das später berühmt gewordene Wort von der "Um al-Ma'arik" aussprach, der "Mutter aller Schlachten".

Ich erinnere mich daran, wie höhnisch er dabei wirkte, vor allem als er behauptete, im Zweifelsfall könne jeder irakische Schafshirte die amerikanischen Kampfflugzeuge vom Himmel holen. Die Operation "Desert Storm" war unausweichlich geworden.

In unserer Heimatstadt Maysan begann der Krieg mit einem ungeheuer lauten Knall in den frühen Morgenstunden. Eine Bombe hatte die sogenannte "Jugoslawische Brücke" getroffen und zerstört, unweit von unserem Haus. Der Einsturz dieser Brücke bedeutete für mich persönlich, dass ich nicht mehr problemlos in den anderen Teil der Stadt kam. Wir alle hatten große Angst.

Ich weiß noch, wie meine Mutter uns Kinder unter einer Treppe versammelte, zum Schutz vor tödlichen Glassplittern. Ich glaube, für Mutter stand fest, dass wir entweder alle zusammen leben oder sterben würden.

Drei tödliche Schüsse auf meinen Bruder

Nach endlosen Nächten, die wir dann auf dem Land verbrachten und in denen wir die Luftangriffe auf Maysan hörten, war der Krieg am 28. Februar endlich vorbei. Saddam war vernichtend geschlagen worden – aber er blieb an der Macht, noch mehr als zehn Jahre lang.

Emad M. Ghanim; Foto: DW
"Rückblickend habe ich das Gefühl, der Kriegsbeginn war zugleich das Ende meiner Kindheit", sagt Emad Ghanim.

​​ Es folgte ein Aufstand der Schiiten im Südirak. Mein älterer Bruder Ali war beteiligt. Er wollte mitwirken am Sturz Saddams, aber er hatte keine Chance. Der Aufstand wurde niedergeschlagen. Am 8. März 1991 stürmten Soldaten der Republikanischen Garde unser Haus: Drei Schüsse beendeten Alis Leben. Er war gerade 18.

Rückblickend habe ich das Gefühl, der Kriegsbeginn war zugleich das Ende meiner Kindheit. Hunderttausende meiner Landsleute sind seitdem durch Krieg und Terror ums Leben gekommen. Saddam wurde zwar 2003 gestürzt, aber der Irak kommt bis heute nicht zur Ruhe, findet keine Sicherheit, keine Stabilität und keine Hoffnung.

Ich weiß, dass 1990 ein Jahr mit vielen besonderen Ereignissen war, die auch mich berührt haben: Deutschland wiedervereinigt, Deutschland Fußballweltmeister, Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen, die erste Website im Internet. In meiner Erinnerung bleibt jedoch der 2. August 1990 dominant. Als Saddam unsere kuwaitischen Nachbarn angriff, bedeutete das für mich das Ende eines persönlichen Friedens, den ich erst 2004 in Deutschland im Exil wiedergefunden habe.

Emad M. Ghanim

© Deutsche Welle 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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