Auch sein Kollege Gezen hatte nicht zur Revolte aufgerufen, sondern kritisiert: "Er (Erdoğan) beschimpft jeden, erhebt ständig seinen Finger und sagt jedem, er solle seine Grenzen kennen. Ich sage Dir, Recep Tayyip Erdoğan, du kannst unsere Liebe zu unserem Vaterland nicht auf die Prüfung stellen. Kenne deine Grenzen."

Erdoğan reagiert zunehmend aggressiver. Warum attackiert er Kulturschaffende so massiv, während das Land politisch und wirtschaftlich unruhige Zeiten erlebt und es viele Probleme gibt, die weit wichtiger sind als Kritik aus der Kulturszene?

Gülfem Saydan Sanver ist Trägerin des Pollie-Preises für Politikberatung des Verbandes Amerikanischer Politikberater (American Association of Political Consultants). Für sie liegt die Antwort auf diese Frage in den im März anstehenden Kommunalwahlen.

Klima der Angst und Polarisierung nutzt Erdoğan

In der Vergangenheit habe Erdoğan in allen Wahlkämpfen versucht, sich selbst ins Zentrum jeder Diskussion zu bringen, erklärt Sanver. "Wenn wir uns die Ergebnisse der jüngsten Wahlen anschauen, sehen wir, dass die Polarisierung der Gesellschaft, die Erdoğan betreibt, ihm nutzt. Das öffentliche Anprangern der Künstler ist Teil dieser Strategie."

Erdoğan erwecke den Anschein, die konservativen Kreise in der Gesellschaft seien bedroht. Er versuche zum einen, seine eigenen Wähler zu mobilisieren, zum anderen die Opposition daran zu hindern, ihre Botschaften ans Volk zu liefern.

"Außerdem will Erdoğan die Auswirkungen der Wirtschaftskrise vertuschen", glaubt Sanver. "Er ist sich auch bewusst, dass ein Klima der Angst der bestehenden Regierung in die Hände spielt. Denn eine Gesellschaft, die Angst hat, unterstützt immer das bestehende System. Die harten Worte und die Ermittlung gegen Künstler vermitteln die Botschaft: Kritik an der Regierung kostet einen hohen Preis."

Der Theaterkritiker Atilla Dorsay betont, in allen demokratischen Ländern zollten Regierungen den Künstlern besonderen Respekt und die Gesellschaft schätze sie. Nur diktatorische Regime versuchten, sie zu unterdrücken. "Künstler, die die Regierung auch nur ein bisschen kritisieren, werden auf den Kanzeln, in den Gerichtssälen und im Gefängnis verurteilt. Das ist die traurige Realität der Türkei."

Die Kulturschaffenden, die die Regierungspartei AKP kritisierten, täten das nicht nur aus einer oppositionellen Haltung heraus, so Dorsay. Sie brächten damit auch die Sorge in weiten Teilen der Gesellschaft zum Ausdruck. "Eine schlaue Regierung würde diese Künstler an ihre Seite holen und damit bei der Bevölkerung punkten. Doch diese Künstler kommen vor Gericht. Ich lehne das entschieden ab."

Aram Ekin Duran

© Deutsche Welle 2019

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