Vergangene Woche erschütterte ein noch weitreichender Vorfall die Kulturszene. Der 76-jährige Müjdat Gezen und der 78-jährige Metin Akpınar sind zwei Schauspiel-Legenden. Ihre Filme und Theaterauftritte schätzen Konservative wie Linke. Der derzeitigen Regierungspolitik stehen die beiden alten Männer distanziert gegenüber. Im oppositionellen Fernsehsender Halk TV äußerten sie sich kritisch gegenüber dem Staatspräsidenten. Erdoğan bezeichnete sie daraufhin als "Möchtegern-Künstler".

Schauspieler fordern mehr Demokratie

Doch Müjdat Gezen und Metin Akpınar wurden nicht nur vom Staatspräsidenten verhöhnt. Gegen sie wurden Ermittlungen eingeleitet, Begründung: "Beleidigung des Staatspräsidenten, Androhung von Putsch und Mord".

Anhänger Erdoğans und seiner regierenden AKP; Foto: picture-alliance/AP Photo/E. Morenatti
Einschüchterung von Kulturschaffenden als politischer Schachzug vor den anstehenden Wahlen: In der Vergangenheit habe Erdoğan in allen Wahlkämpfen versucht, sich selbst ins Zentrum jeder Diskussion zu bringen, erklärt Politikberaterin Sanver. "Wenn wir uns die Ergebnisse der jüngsten Wahlen anschauen, sehen wir, dass die Polarisierung der Gesellschaft, die Erdoğan betreibt, ihm nutzt. Das öffentliche Anprangern der Künstler ist Teil dieser Strategie."

Nach einem Verhör kamen die beiden Schauspieler vorerst unter Auflagen auf freien Fuß. Allerdings dürfen sie die Türkei nicht verlassen, dafür wurden ihnen die Pässe abgenommen, und sie müssen einmal in der Woche bei der Polizei vorstellig werden. Die Staatsanwaltschaft legte diese Woche einen Untersuchungsbericht vor zu ihren Ermittlungen wegen "Aufwiegelung zum bewaffneten Aufstand gegen die Regierung der Republik Türkei".

"Aufwiegelung zum bewaffneten Aufstand"? Was hatten die beiden Filmstars gesagt?

"Der einzige Weg, wie wir die Polarisierung und das Chaos überwinden, ist Demokratie", das war Akpınars Äußerung in der Sendung "Volksarena". "Wenn uns das nicht gelingt, geschieht bei uns vielleicht das gleiche wie bei jedem Faschismus. Man hängt sogar den Anführer an seinem Bein auf oder er wird in einem Verlies vergiftet."

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