Entführungen, Morde, Verfolgung und Hetze: all das ist Gewalt, ausgeübt durch Bewaffnete und deren Hintermänner. Hinzu kommen die Autoren und Journalisten auf ihren Gehaltslisten: Sie übernehmen die schäbige Aufgabe, die freien und aufbegehrenden Stimmen zu überwachen, zu verunglimpfen und die sozialen Netzwerke gegen sie aufzuwiegeln.

Diese sozialen Netzwerke sind inzwischen zum Dreh- und Angelpunkt der konfessionellen Spalter und "Online-Söldner" geworden, die gegen jede Stimme agitieren, die ihrer zerstörerischen Agenda zuwiderläuft, um sie zum Schweigen zu bringen. Die bewaffneten Gruppen wiederum fühlen sich durch diese Hetze geradezu legitimiert und berufen, Abweichler zu entführen, oder gar zu ermorden – Facebook ist heute tödlich geworden.

Eine Angst einflößende Macht

Die vergangenen Monate waren im Irak gekennzeichnet durch exzessive Hetzkampagnen gegen all jene, die ins Visier geraten waren und mundtot gemacht werden sollten. Und jedes Mal kommt nach einer solchen Kampagne ans Licht, dass es wieder eine Entführung gegeben hat: Es trifft Aktivisten, Schriftsteller, Journalisten und Künstler, aber auch ganz normale Menschen, die eine eigene Meinung haben.

Handelt es sich um bekannte Gesichter, besteht zumindestens Hoffnung, dass es glimpflich endet und sie letztlich freikommen. Unbekannte hingegen werden irgendwann tot auf der Müllhalde gefunden, wie im Falle des Schauspielers Karar Nushi, den eine dieser Hetzkampagnen das Leben kostete.

Rückeroberung Mossuls vom "Islamischen Staat"; Foto: Reuters
Al-Maliki als vermeintlicher Helfershelfer des "Islamischen Staates"? Dem früheren irakischen Ministerpräsidenten wird vorgeworfen, am Aufstieg des IS mitverantwortlich zu sein. Denn seine sektiererische Politik schloss die sunnitischen Araber, die Saddam Hussein zuvor begünstigt hatte, vom Aufbau des neuen Irak aus. Einzig Schiiten wurden an der Macht beteiligt. Ein Grund, weshalb die Dschihadisten des IS vielen Sunniten zunächst als Retter erschienen, als sie Teile des Irak 2014 überrannten.

Mit dem gleichen Eifer stürzt sich der Mob auf junge Menschen wie Naba al-Jubouri, die mit kompromittierendem Material erpresst werden.

Ein Unbekannter, von dem vermutet wird, dass er eine Beziehung mit der Teenagerin hatte, postete Videos und Bilder im Internet, die sie in privaten und intimen Momenten zeigen. Als das Material sich verbreitete, reagierte die "Facebook-Maschinerie" indem sie sie verurteilte. Die geleakten Bilder und Videos wurden weiterverbreitet, um die "Tugendhaftigkeit" der jungen Frau in Zweifel zu ziehen. Naba al-Jubouri wurde kurze Zeit später ermordet, während der wahre Kriminelle dank des vorherrschenden patriarchalen Gesellschaftssystems ein freier Mann blieb.

Im Irak von heute gibt es keine Kraft, die mächtiger ist als die Milizen und keine Stimme, die lauter ist als die Stimme der konfessionellen Spalter. Eine Haltung zu vertreten, die den Ansichten der bewaffneten Gruppen zuwiderläuft, gilt in dem Land als nicht legitim. Mord und Entführung sind das unausweichliche Resultat des Zerfalls eines Staates, der sich bemüht, angesichts der politischen und sozialen Auflösungserscheinungen, der Interventionen aus dem Ausland und der Milizen und Fraktionen, die die Sicherheitspolitik diktieren, nicht auseinanderzubrechen.

Der Horror, den selbst die weniger von Konflikten heimgesuchten Städte im Irak aufgrund der von den Milizen verbreiteten illegalen Waffen erleben, stellt nicht nur ein ernsthaftes Problem für die Durchsetzung des Gesetzes und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit dar. Er verhindert auch den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt und eine Verbesserung der derzeit miserablen Leistungen im öffentlichen Sektor.

Safaa Khalaf

© Qantara.de 2018

Safaa Khalaf ist ein Irakischer Publizist und Schriftsteller.

Übersetzt aus dem Arabischen von Thomas Heyne

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Die Ausweitung der Agitationszone

Ein informativer und aufschlussreicher Artikel. Nur ein Hinweis: In Gesellschaften, in denen Gewalt und Gegengewalt zum Alltag gehören, hilft nur Kultur gegen die Logik der Gewalt. Kunst und Bildung sind für den Aufbau einer zivilen Gesellschaft elementar. Hier sollte man ansetzen.

Karl Heimann 17.02.2018 | 11:13 Uhr

Das Fiasko im Irak war doch programmiert.

John Karl 17.02.2018 | 16:20 Uhr