Diese Fälle werfen nicht nur ein Schlaglicht auf die Hilflosigkeit der Behörden, sondern auch auf ihre Verstrickung, denn in beiden Fällen waren ihnen die Täter wohl bekannt. Aber weder versuchten sie, das Gesetz durchzusetzen oder die Täter anzuklagen und sie zu Terrormilizen zu erklären, noch ermutigten sie die Entführungsopfer dazu, ihrerseits Klage einzureichen, um sie vor Gericht zu bringen. Stattdessen schützten die Behörden die Täter vor strafrechtlicher Verfolgung.

Am Ende fügten sich die Opfer den Drohungen ihrer Entführer und der Empfehlung der Sicherheitskräfte, die Identität der Täter nicht preiszugeben, um Unruhe in der Öffentlichkeit hinsichtlich der Rolle der Milizen im Kampf gegen den Terror zu vermeiden und ihre eigene Sicherheit nicht zu gefährden. Und so "danken" Behörden und Entführte zum ersten Mal Entführern für "die Wohltat, ihre Opfer am Leben gelassen zu haben".

Milizen gegen die Gesellschaft

Die ungehemmte und anarchische Aufrüstung in den Straßen des Iraks stärkte vor allem einige bewaffnete Gruppierungen, die mittlerweile mächtiger als Staat und Behörden geworden sind. Ihr systematischer Terror steht dem des sogenannten "Islamischen Staates" in nichts nach, vielleicht führt er ihn sogar fort. Auf jeden Fall aber begünstigt er ihn dadurch, dass er den Staat schwächt.

PKW im Irak mit der Aufschrift "Nein zur konfessionellen Spaltung"; Foto: DW
Nein zur konfessionellen Spaltung: Insbesondere die Milizen profitieren vom Instrument der konfessionell geschürten Gewalt als Einschüchterung ihrer Rivalen. Zudem sind im Irak inzwischen die sozialen Netzwerke zum Dreh- und Angelpunkt der konfessionellen Spalter und "Online-Söldner" geworden, die gegen jede Stimme agitieren, die ihrer zerstörerischen Agenda zuwiderläuft, um sie zum Schweigen zu bringen. Die bewaffneten Gruppen wiederum fühlen sich durch diese Hetze geradezu legitimiert und berufen, Abweichler zu entführen, oder gar zu ermorden.

Doch gerade um den dschihadistischen Terrorgruppen das Handwerk zu legen, ist es zwingend notwendig, im Kampf gegen den Terror auf illegale Waffen aus dem Ausland zu verzichten, nicht umgekehrt. Denn diese Waffen werden früher oder später gegen die Iraker selbst gerichtet sein, insbesondere gegen jene gesellschaftlichen Akteure, die einen zivilen Staat fordern und sich gegen das Machtkartell aus Parteien und Polizei engagieren.

Diese Waffen werden dazu missbraucht werden, die Menschen dem extremistischen Weltbild dieser Gruppierungen zu unterwerfen und eine eindimensionale und abgeschottete Gesellschaft zu errichten, in der die Menschen ihren extremistischen religiösen Auslegungen Glauben schenken - eine Gesellschaft auf Basis ethnischer, konfessioneller und geografischer Spaltung. Und letztlich werden diese Waffen auch dazu dienen, die zivilgesellschaftlichen und demokratischen Kräfte aus den Städten zu vertreiben, um den Traum vom Griff nach der Alleinherrschaft endlich wahr werden zu lassen.

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Leserkommentare zum Artikel: Die Ausweitung der Agitationszone

Ein informativer und aufschlussreicher Artikel. Nur ein Hinweis: In Gesellschaften, in denen Gewalt und Gegengewalt zum Alltag gehören, hilft nur Kultur gegen die Logik der Gewalt. Kunst und Bildung sind für den Aufbau einer zivilen Gesellschaft elementar. Hier sollte man ansetzen.

Karl Heimann 17.02.2018 | 11:13 Uhr

Das Fiasko im Irak war doch programmiert.

John Karl 17.02.2018 | 16:20 Uhr