Die Demonstrationen, die in den schiitischen Regierungsbezirken ihren Ausgang genommen hatten, wurden gewaltsam niedergeschlagen. Und auch bei der Auflösung der wichtigsten Demonstration auf dem Tahrir-Platz in Bagdad gingen die Sicherheitskräfte unverhältnismäßig brutal vor. Aktivisten, die daran teilgenommen hatten, wurden verfolgt, verhaftet und mehrere Tage in geheimen Haftanstalten und an anderen inoffiziellen Orten festgehalten. Ein derartiges Vorgehen ist nichts anderes als Entführung und Folter mit dem Ziel sie einzuschüchtern.

Das bekannteste Opfer dieser spontanen sozialen Erhebung gegen die korrupten Behörden war der Journalist und Schauspieler Hadi al-Mahdi, der am 8. September 2011 in seiner Wohnung im Bagdader Stadtteil Karrada ermordet wurde. Währenddessen fehlt von Jalal al-Shahmani weiterhin jede Spur, nachdem der Demonstrationsteilnehmer am 23. September 2015 in Bagdad entführt wurde. Mittlerweile geht man aber davon aus, dass er von "unbekannten" Entführern bereits getötet worden ist.

Klima der Straflosigkeit

Staatliche Stellen sprechen in ihren offiziellen Erklärungen meistens von solchen Unbekannten, wenn sie über die Entführer oder Attentäter reden. Menschenrechts- und zivilgesellschaftliche Organisationen verurteilen die Taten zwar, aber auch sie vermeiden es in ihren Statements, die Täter  zu benennen, obwohl sie bekannt sind. Schließlich stehen die Behörden mit ihnen in Kontakt, um die Freilassung der Entführten zu erreichen, oder wenigstens mehr über das Schicksal derjenigen zu erfahren, die getötet wurden.

Demonstration von sunnitischen Stämmen aus Ramadi gegen die Regierung al-Maliki am 23. Dezember 2012; Foto: Joy Bhowmik
Historisch gewachsenes Misstrauen in die ehemalige Regierung Nuri al-Malikis und Widerstand gegen eine schiitische Dominanz in Politik, Verwaltung und Armee: Demonstration sunnitischer Stämmen aus Ramadi gegen die Regierung Al-Maliki am 23. Dezember 2012.

Dadurch, dass sie die Namen der Täter nicht aufdecken, lassen Regierung und zivilgesellschaftliche Organisationen nicht nur bewusst alles im Dunkeln, sondern ermuntern auch die sich in den irakischen Städten wie ein Krebsgeschwür ausbreitenden bewaffneten Gruppen regelrecht dazu, ihr Terrorgeschäft zu professionalisieren. Hinzu kommt ein Klima der Straflosigkeit und eine Zivilgesellschaft, die angesichts der effektiven Dauereinschüchterungstaktik und der Untätigkeit der Behörden eingeknickt ist.

Sowohl die Entführung der Journalistin Afrah Shawqi (am 27. Dezember 2016 entführt und eine Woche später freigelassen) als auch die Entführung von sieben Aktivisten (am frühen Morgen des 8. Mai 2017 aus ihrer Wohnung in der Saadoun-Straße verschleppt und später auf einem entlegenen Acker nördlich von Bagdad ausgesetzt) und weitere ähnliche Fälle in südlichen Regierungsbezirken zeigten eine neue Herangehensweise der Täter.

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Leserkommentare zum Artikel: Die Ausweitung der Agitationszone

Ein informativer und aufschlussreicher Artikel. Nur ein Hinweis: In Gesellschaften, in denen Gewalt und Gegengewalt zum Alltag gehören, hilft nur Kultur gegen die Logik der Gewalt. Kunst und Bildung sind für den Aufbau einer zivilen Gesellschaft elementar. Hier sollte man ansetzen.

Karl Heimann 17.02.2018 | 11:13 Uhr

Das Fiasko im Irak war doch programmiert.

John Karl 17.02.2018 | 16:20 Uhr