Engagiert für Menschen- und Minderheitenrechte
Nachruf auf Dogan Akhanli: "Schreiben ist meine Waffe"

Er war ein Kämpfer für die Menschenrechte in der Türkei und weltweit. Nun ist der Schriftsteller Dogan Akhanli nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

Ich traf Dogan Akhanli 2019 in einem Berliner Café. Er saß vor einer Tasse Espresso und knabberte an einem Keks. Dass er jetzt - mit 64 Jahren - viel zu früh verstarb, war ein Schock. Der türkischstämmige Schriftsteller war ein literarischer und historischer Spurensucher. Seine Texte mäandern zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Sprachen und Heimaten.

Dogan Akhanli engagierte sich schon früh politisch

Geboren wurde Akhanli 1957 im Südosten der Türkei, in der Provinz Artvin nahe der georgischen Grenze. Mit zwölf Jahren wurde er auf eine Schule nach Istanbul geschickt. Er studierte Geschichte und Pädagogik, engagierte sich politisch und wurde Mitglied der verbotenen Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei (TDKP). Nach dem Militärputsch 1980 ging er in den Untergrund.

Im Mai 1985 wurden er, seine Frau und sein 16 Monate alter Sohn verhaftet. Zwei Jahre saß er als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul, Frau und Kind wurden nach einem Jahr entlassen. 1992 floh Dogan Akhanli aus der Türkei und erhielt politisches Asyl in Deutschland. Seitdem lebte er in Köln. Die Türkei erkannte ihm seine Staatsbürgerschaft ab, nachdem er sich mehrfach weigerte, den türkischen Militärdienst abzulegen.

Widerstand durch Schreiben

Mit dem Schreiben begann Akhanli im deutschen Exil. "Hier habe ich die Ruhe gefunden, über all das, was ich erlebt habe, nachzudenken", erinnerte er sich in unserem damaligen Gespräch. "Meine Frau und ich wurden gefoltert, unser Kind musste dabei zusehen. Wir waren verletzte Menschen, als wir hier ankamen. Doch ich wollte diese Ungerechtigkeiten, die mir, meiner Familie und der ganzen Gesellschaft angetan wurden, nicht akzeptieren. Ich benutzte das Schreiben als meine Waffe. Das war das einzige, was ich tun konnte. Das war meine Art, meine Stimme zu erheben und Widerstand zu leisten", erzählte er.

In seinen Schriften setzte sich Akhanli mit Gewalt auseinander. Doch nicht nur mit der Gewalt, die er persönlich erfahren hatte, sondern auch mit der Gewalt gegen Frauen, gegen Minderheiten und mit historischer Gewalt, dem Völkermord an den Armeniern genauso wie mit  dem Holocaust. Vier seiner Romane wurden ins Deutsche übersetzt. Zuletzt "Madonnas letzter Traum", eine Spurensuche in der NS-Zeit. "Durch das Schreiben kann ich mich auf literarische Weise mit historischer Gewalt auseinandersetzen. Das Schreiben ist für mich ein Werkzeug, mit dem ich die gesellschaftlichen Gegensätze und Kämpfe lösen will", sagte Akhanli.

Immer wieder geriet er ins Visier der türkischen Staatsmacht. Als er 2010 seinen kranken Vater in der Türkei besuchen wollte, wurde er bei seiner Einreise festgenommen. Die türkischen Behörden beschuldigten ihn, an einem Raubüberfall im Jahr 1989 beteiligt gewesen zu sein. Er saß mehrere Monate in Untersuchungshaft. Aus Mangel an Beweisen wurde er freigelassen.

2017 kam es erneut zu einer Festnahme. In seinem Urlaub in Granada nahm ihn die spanische Polizei in seinem Hotelzimmer aufgrund eines Interpol-Gesuchs der Türkei vorläufig fest. Deutsche Politiker sowie die internationale Schriftstellervereinigung PEN, deren Mitglied Akhanli ist, hielten die Festnahmen für politisch motiviert.

Akhanli: "Regierung will Schriftsteller und Journalisten zum Schweigen bringen"

"Besonders nach dem gescheiterten Putschversuch haben die Verletzung der Menschenrechte und die Einschränkung der Meinungsfreiheit stark zugenommen", stellte Akhanli damals fest. Besonders betroffen seien Schriftsteller und Journalisten.

"Die Regierung verfolgt die Strategie, die Stimmen der Schriftsteller und Journalisten zum Schweigen zu bringen, um den Informationsaustausch zu verhindern", so Akhanli. "Dass tausende Akademiker, Gewerkschafter und Journalisten gezwungen werden, die Türkei zu verlassen, schadet vor allem dem Land. Am Ende ist es die Türkei, die verliert, denn das alles führt nur in eine Sackgasse. Das einzige, was wir von hier aus tun können, ist, uns mit den Menschen zu solidarisieren, die im Gefängnis sitzen, und ihr Sprachrohr zu sein."

"Gewalt ist willkürlich"

"Gewalt geht jeden etwas an", war der Schriftsteller überzeugt, auch wenn sie an einem entlegenen Teil der Erde geschehe und nicht direkt erfahren werde. Denn früher oder später könne jeder zur Zielscheibe gemacht werden. "Diese Gewalt ist willkürlich. Das galt für die Juden in Europa genauso wie für den Völkermord an den Armeniern. Diese Menschen wurden durch die willkürliche Ausübung von Macht umgebracht." Damit sich die Vergangenheit nicht wiederhole, müssten diese Völkermorde des 20. Jahrhunderts immer wieder aufgearbeitet werden, so Akhanli. Dafür engagierte er sich auch zivilgesellschaftlich, etwa in dem Projekt Flucht-Exil-Verfolgung.

2018 wurde er mit dem Europäischen Toleranzpreis für Demokratie und Menschrechte ausgezeichnet. 2019 erhielt er die Goethe-Medaille des Goethe-Instituts - für seinen Mut, "sich mit künstlerischen und publizistischen Arbeiten gegen politische, religiöse oder gesellschaftliche Widerstände durchzusetzen", wie es in der Laudatio hieß.

Am 31.10.2021 starb Dogan Akhanli nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin. "Als Präsident trauere ich um das Mitglied des deutschen PEN, als Leser um einen großartigen Schriftsteller, als Weggefährte um einen Streiter für Menschenrechte, Frieden und Aufarbeitung der Verbrechen an den Armeniern", schreibt der amtierende deutsche PEN-Präsident Deniz Yücel

Mit Dogan Akhanli Tod verliert die literarische Welt einen der bedeutendsten Kämpfer für Menschenrechte und Demokratie. 

Ceyda Nurtsch (bb)

© Deutsche Welle 2021

Dieses Porträt wurde erstmals am 28.08.2019 veröffentlicht, als Dogan Akhanli gemeinsam mit der Regisseurin Shirin Neshat und dem Verleger Enkhbat Roozon die Goethe-Medaille erhielt. Zum Tod von Akhanli wurde der Text aktualisiert.

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