Ende des politischen Islam?
Iran: Sehnsucht nach einem modernen Islam

Revolutionärer Prozess im Iran: 43 Jahre nach Khomeinis Revolution steht das Regime vor seiner größten inneren Herausforderung. Der Staatsislam wackelt von unten.

Die Bilanz der Proteste im Iran, die seit gut elf Wochen im Schatten des Ukraine-Kriegs das Land erschüttern, ist längst ein Staatsverbrechen. Menschenrechtler sprechen von bisher mehr als 450 getöteten Demonstranten und 18.000 Verhaftungen.

Informationen sind nicht leicht zu bekommen, weil das Regime Internetkommunikation und Berichterstattung behindert. Aber dass die Zusammenstöße in mehr als 230 Städten - anders als von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) im September reflexhaft behauptet - sehr wohl mit dem Islam bzw. dem iranischen Staatsislam zu tun haben, war von Anfang an klar.

Im Unterschied zu den Aufstandsbewegungen in den Jahren 2009 und 2019 entzündete sich der Funke nicht an Wahlbetrug oder höheren Benzinpreisen, sondern am Kopftuchzwang. Nach dem Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini, die nach einem Verstoß gegen die islamische Kleiderordnung im Gewahrsam der Sittenpolizei starb, stellt die daraus entstandene Bewegung den Gottesstaat vor die größte innenpolitischen Herausforderung seit der islamischen Revolution von 1979.

Absage an den Gottesstaat

Unter dem Slogan "Zan, Zendegi, Azadi!" - "Frau, Leben, Freiheit!" - solidarisieren sich seitdem Studentinnen und einfache Bürgerinnen mit Studenten, Arbeitern aus dem wichtigen Öl- und Gassektor und Geschäftsleuten gegen das theokratische Regime unter dem Obersten Führer Ayatollah Ali Khamenei. "Das Ausmaß der aktuellen Proteste ist beispiellos", analysiert die Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

Dabei kam eine Gallup-Umfrage schon 2006 zu dem Ergebnis, dass 56 Prozent der Menschen im Iran eine Kontrolle des öffentlichen Lebens durch die Religion ablehnten. Heute gilt das Land als die am stärksten säkular gesinnte Gesellschaft des Nahen Ostens. Die Mehrheit der Iranerinnen und Iraner will offenbar keinen Islam mehr, der von Konformität und Regeln besessen ist. Keine Mullahs, die ihnen im vergangenen Jahr das Halten von Hunden verbieten wollten, weil sie "unrein" sind.

"Hier hat das System genau das Gegenteil von dem erreicht, was es wollte", sagte die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Wunsch nach einem spirituellen persönlichen Glauben, der die Ablehnung des Kopftuchs als private Entscheidung respektiert, sei in der Bevölkerung jedoch tief verankert - auch bei der westlich orientierten Jugend, so die in Paderborn lehrende Deutsch-Iranerin. Es ist die Sehnsucht nach einem modernen Islam, der die eigene Kultur mit demokratischer Freiheit verbindet und von so vielen in der islamischen Welt erträumt wird.

'Im Iran ist der Kampf der Ideen entschieden''

Diesem Bedürfnis kommt die debattenfreudige Tradition der im Iran vorherrschenden Zwölferschiiten im Grunde entgegen. Jahrhundertelang waren ihre Gelehrten geistig flexibler - und unpolitischer - als die sunnitische Orthodoxie. Statt weltlicher Macht erwarteten sie die Rückkehr des 12. Imams, Nachkomme von Mohammeds Vetter Ali.

Anders als die Sunniten betrieben schiitische Gelehrte immer den Idschtihad, die selbstständige Rechtsfindung auf Grundlage des Koran, statt einer erstarrten Scharia. Man blieb sogar offen für die Spekulationsfreude abendländischer Philosophie.

 

Deshalb erscheint es wie eine Paradoxie der schiitischen Geschichte, dass ausgerechnet ein iranischer Ayatollah den Aufstieg des politischen Islam im 20. Jahrhundert begründete. Khomeinis Staatskonzept einer "Herrschaft der Rechtsgelehrten" war ein Bruch mit der Tradition und wurde von einigen hohen Klerikern sogar als unzulässig kritisiert. Das Revolutionsversprechen, damit den Volkswillen zu garantieren, wich bald einem totalitären Machtanspruch. Seit den gefälschten Wahlen von 2009 sitzen im Parlament nur noch ultrakonservative Mehrheiten, weil der Wächterrat reformorientierte Kandidaten von den Listen streicht.

Mit Khamenei als Oberstem Führer und dem früheren Blutrichter und jetzigen Präsidenten Ebrahim Raisi sitzen zwei Hardliner aus der schiitischen Geistlichkeit in den höchsten Staatsämtern. Allerdings ist der Klerus auch - oder gerade - 43 Jahre nach der Revolution kein monolithischer Block. Zwar gibt es Berichte, wonach Regimegegner kleinen Mullahs den Turban vom Kopf reißen oder sie von Taxifahrern stehengelassen werden. Trotzdem haben laut Beobachtern viele Kleriker Verständnis für die Proteste oder sind zumindest dialogbereit. So haben Würdenträger aus den theologischen Zentren Qom und Isfahan zuletzt das brutale Vorgehen der Revolutionsgarde, die auch die Wirtschaft kontrolliert, und der systemtreuen Basidsch-Milizen öffentlich kritisiert.

Islamische Republik ohne islamische Mehrheit

Selbst die Ayatollahs, von denen es einige Tausend gibt, sind nicht mit dem Regime gleichzusetzen. Nur ein Bruchteil von ihnen ist in staatlichen Ämtern. Ihre geistliche Autorität und ihre Gefolgschaft, von der sie auch Spenden erhalten, macht sie weitgehend unabhängig vom Staat. Ein Beispiel ist der prominente Ayatollah Ali Ayazi (Jahrgang 1954) aus Qom, der mehr Rechte für Minderheiten und Frauen einfordert, den Gottesstaat in Frage stellt und dies aus dem Islam begründet.

Doch die iranische Gesellschaft ist auch gespalten, betont Theologin Mohagheghi. "Millionen Menschen, die unter Armut leiden, geben sich mit kleinen staatlichen Hilfen zufrieden und lassen ihre Stimme kaufen. Ihre Armut halten sie für eine Eintrittskarte ins Paradies und hoffen auf die Rückkehr des verborgenen 12. Imams." Mit simplen Heilsversprechen und antiwestlicher Propaganda manipuliere das System diese Menschen. Sichtbar wird das dieser Tage immer wieder bei herbeizitierten Massenversammlungen, mit denen sich das Establishment feiern lässt.

Welchen Erfolg die Proteste haben werden, ob weitere Gewalt und kleine Zugeständnisse an die Freiheit sie ersticken, ist derzeit kaum zu sagen. Bisher fehlen den Aufständischen auch charismatische Führungsfiguren, die den Protest formieren könnten. Die größte Katastrophe wäre indes ein Bürgerkrieg, bei dem das Regime über die größere militärische Macht verfügt. (KNA)

 

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