Elisabeth-Norgall-Preis für Aicha Chenna

Inkarnation der Mütterlichkeit

Um ledigen Müttern zu helfen, gründete Aicha Chenna vor 20 Jahren die Selbsthilfeorganisation "Solidarité Féminine". In Frankfurt erhielt sie jetzt für ihr Engagement den Elisabeth-Norgall-Preis 2005. Von Martina Sabra

Um ledigen Müttern und ihren Kindern zu helfen, gründete Aicha Chenna vor 20 Jahren die Selbsthilfeorganisation "Solidarité Féminine". In Frankfurt erhielt sie jetzt für ihr Engagement den Elisabeth-Norgall-Preis 2005. Martina Sabra hat Aicha Chenna in Casablanca besucht.

Foto: Martina Sabra
Bei Solidarité Féminine in Casablanca führen unverheiratete Mütter ein Restaurant, bilden sich weiter und unterstützen sich gegenseitig.

​​Freunde und Mitarbeiterinnen nennen sie als Mekka-Pilgerin liebevoll "Hadscha", während Hassprediger in Marokkos Moscheen sie als gottlos verunglimpfen, und ihr unterstellen, sie fördere Prostitution und Unglauben.

Doch Aicha Chenna lässt sich nicht beirren: "Ich bin muslimisch im Herzen und weltlich im Kopf", bringt die 64jährige ihr persönliches Glaubensbekenntnis schlagfertig auf den Punkt. Und sie kämpft weiter für die Rechte lediger Mütter und ihrer Kinder, wie schon seit über 20 Jahren, obwohl sie sich selbst eher als konservativ einschätzt.

"Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn meine eigene Tochter außerhalb der Ehe schwanger geworden wäre", räumt sie lächelnd ein. "Aber ich bin gegen Ungerechtigkeit, vor allem Kindern gegenüber. Das betrifft nicht nur die Babies. Auch viele der betroffenen Mütter wurden als Kinder missbraucht."

"In diesem Augenblick hat es bei mir geklickt"

Unverheiratet schwanger – in Marokko gilt das immer noch als Schande, und wird im Extremfall sogar mit Gefängnis bestraft. Auch außerehelicher Sex ist in Marokko strafbar und ein Anlass für soziale Ächtung, vor allem Frauen gegenüber.

Dass sie "h’schuma" seien, eine Schande für ihre Familie und die Gesellschaft, haben viele unverheiratete Mütter in Marokko tief verinnerlicht. Lange Zeit war es deshalb selbstverständlich, uneheliche Kinder direkt nach der Geburt zur Adoption frei zu geben, ob die jungen Mütter es wollten oder nicht.

Als Aicha Chenna Anfang der achtziger Jahre im Sozialministerium arbeitete, hatte sie täglich mit solchen Schicksalen zu tun, bis sie es eines Tages nicht mehr aushielt.

"In meinem Büro saß eine junge Frau, die ihrem Baby die Brust gab. Sie war im Begriff, die Adoptionsurkunde zu unterschreiben, und nahm dem Kleinen die Brust aus dem Mund. Der Kleine schrie und weinte. In diesem Augenblick hat es bei mir geklickt. Ich hatte damals selbst ein Kind bekommen und war gerade aus dem Mutterschutz zurückgekehrt. In der folgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Die Geschichte ging mir nicht mehr aus dem Kopf."

Die Inkarnation der Mütterlichkeit

Die gelernte Krankenschwester und Sozialarbeiterin dachte nach, wie sie den betroffenen Frauen helfen könnte, ihre Kinder zu behalten. Klar war, dass die Frauen Geld verdienen mussten, denn Sozialhilfe gab und gibt es in Marokko nicht. Da die meisten unverheirateten Mütter Dienstmädchen waren und von klein auf in Haushalten gearbeitet hatten, lag es nahe, ein einfaches Restaurant oder eine Kantine zu eröffnen.

Aicha Chenna überlegte hin und her, suchte Gleichgesinnte, und gründete schließlich den Verein "Solidarité Féminine", Frauensolidarität. Die Organisation richtete zwei Garküchen und mehrere Kioske ein, die rund zwei Dutzend ledigen Müttern das Auskommen sicherten.

Das war 1985. Heute ist "Solidarité Féminine" eines der bekanntesten Frauenprojekte in Marokko und Aicha Chenna eine der populärsten Frauen im Land. Sie wirkt wie die Inkarnation der Mütterlichkeit.

Doch Aicha Chenna ist keine barmherzige Samariterin. Was sie antreibt, sind ihr liberaler Geist und ihr Sinn für Gerechtigkeit. "Warum sollen Frauen bestraft werden, weil sie ein Kind bekommen? Sind Kinder aus legalen Verbindungen irgendwie anders? Jedes Kind hat das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und jede Mutter hat das Recht, ihr eigenes Kind selbst aufzuziehen."

Ein Hammam für zahlungskräftige Kundinnen

Getreu dieser Maxime hat Aicha Chenna "Solidarité Féminine" in den letzten Jahren beharrlich ausgebaut und die Aktivitäten ständig erweitert: Unter anderem um ein Beratungszentrum, das allen ledigen Müttern offen steht.

Im Projekt selbst können mittlerweile mehr als 40 junge Mütter Arbeit und Ausbildung erhalten, unter anderem im neu erbauten Frauenbadehaus. Das hochmoderne, kastenförmige Gebäude in freundlichem Blau-Weiß mutet mit seinen runden Fenstern von weitem wie ein großes Schiff an, und Aicha Chenna wie der Kapitän.

"Wir wollten einen echten marokkanischen Hammam bauen, mit allem, was marokkanische Frauen erwarten", erklärt Aicha Chenna bei einem Rundgang. "Aber er sollte auch modern sein, hell und groß, und mit zusätzlichen Angeboten, wie medizinischer Massage, Schönheitssalon und Fitness-Raum, damit zahlungskräftige Kundinnen aus aller Welt sich angesprochen fühlen, einschließlich Touristinnen aus dem Ausland."

Dass der Hammam kein kommerzielles, sondern ein soziales Projekt ist, zeigt die oberste Etage: hier werden die Babies der ledigen Mütter in der nagelneuen projekteigenen Krippe betreut.

Königliche Unterstützung

Der schmucke Hammam, der vom Christlichen Friedensdienst (CFD) mitfinanziert wurde, und bei dessen Einweihung im Herbst 2004 die Gemahlin des marokkanischen Königs, Prinzessin Salma persönlich zugegen war, ist die vorläufige Krönung des Lebenswerks von Aicha Chenna.

Angesichts des wachsenden Medieninteresses im In- und Ausland und der neuerdings sogar königlichen Unterstützung für "Solidarité Féminine" vergisst man leicht, welcher Mut und welche Kraft in Marokko nach wie vor nötig sind, um ledigen Müttern und ihren Kindern zu ihren elementaren Menschenrechten zu verhelfen.

Dank der Familienrechtsreform von Anfang 2004 ist Sex außerhalb der Ehe in Marokko zwar nicht mehr in jedem Fall strafbar, es wurden endlich Vaterschaftstests eingeführt und die rechtliche Situation unehelicher Kinder wurde verbessert.

Doch nach wie vor werden unverheiratete Mütter gesellschaftlich geächtet, während die Väter meist unbehelligt bleiben. Manchmal ersticke sie an den Tabus und der Doppelmoral ihrer Gesellschaft, sagt Aicha Chenna. Dann flüchtet sie für ein paar Tage in ihre Heimatstadt Marrakesch, um ihr seelisches Gleichgewicht wieder zu gewinnen.

Woher sie immer wieder ihre Energie schöpft? "Ich weiß es nicht. Vielleicht, wenn ich eine Mutter sehe, die sich über ihr Kind freut. Oder wenn mir jemand auf der Straße begegnet, und sagt, Aicha, wir haben dich gestern im Fernsehen gesehen, und wir stimmen Dir von ganzem Herzen zu! Das macht mir Mut."

Martina Sabra

© Qantara.de, 2005

Zum Gedenken an Elisabeth Norgall wird alljährlich im März der mit 5500 Euro dotierte "Elisabeth-Norgall-Preis" an eine Frau verliehen, die sich für die Probleme und Belange von Frauen und Kindern einsetzt. Seit 1978 zeichnet der "International Women's Club of Frankfurt e.V." abwechselnd eine Deutsche und eine Ausländerin mit dem Preis aus.

Von Aischa Chenna ist 1997 auf französisch das Buch "Miséria" (Le Fennec, Casablanca) erschienen.

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