„Ein Sklave zwischen den Weltmächten: Eine transimperiale Geschichte Nordafrikas“: An den Streitigkeiten um Husayns Nachlass nach seinem Ableben beteiligten sich Anwälte, italienische Senatoren, Pariser Bankiers, Husayns tunesische Diener, Muslime, christliche und jüdische Pächter seiner Besitztümer und Mitglieder der Sufi-Bruderschaft im Maghreb, in Ägypten und Istanbul
„Eine transimperiale Geschichte Nordafrikas“

Die Entkolonialisierung der Geschichte des Maghreb

M'hamed Oualdi erzählt die Geschichte eines freigelassenen Sklaven, der in der damaligen osmanischen Provinz Tunis zu einem Würdenträger wurde. Die Auseinandersetzungen um dessen Nachlass dienen ihm als Fallstudie zur Dekonstruktion der modernen Geschichte Tunesiens und der Maghreb-Region im weiteren Sinne. Von Muhammed Nafih Wafy

Geboren in den 1820er Jahren im Kaukasus, als Sklave verkauft auf den Märkten Anatoliens und aufgewachsen als „Mamluk" im Palast der osmanischen Gouverneure in Tunesien: Husayn Ibn 'Abdallah erhielt seine Erziehung und Ausbildung in einer der damaligen Eliteschulen. Er stieg in der Verwaltung schnell auf und wurde in den 1860er Jahren Bürgermeister von Tunis.

Später wurde er zum ersten Bildungsminister Tunesiens und übte diese Funktion bis zur Übernahme des Landes durch die französischen Streitkräfte 1881 aus, die damit der drei Jahrhunderte langen osmanischen Herrschaft ein Ende setzten. 'Abdallah war daraufhin gezwungen, in die italienische Stadt Florenz ins Exil zu gehen, wo er 1887 starb. Sein Ableben löste neue Auseinandersetzungen über sein Erbe aus, bei denen die Osmanen, die tunesische, französische und italienische Regierung sowie Vertreter der muslimischen und jüdischen Diasporagemeinschaften gegeneinander antraten.

Husayn Ibn 'Abdallah – aus der Sklaverei entlassen und zum Würdenträger in der osmanischen Provinz Tunis aufgestiegen – war das Produkt osmanischer Reformen. Er selbst trat energisch für sozioökonomische Reformen und die Abschaffung der Sklaverei ein. A Slave Between Empires: A Transimperial History of North Africa (dt. Ein Sklave zwischen den Weltmächten: Eine transimperiale Geschichte Nordafrikas) von M'hamed Oualdi erzählt die Geschichte von Husayn Ibn 'Abdallah und analysiert die Auseinandersetzungen um dessen Nachlass als Fallstudie zur Wiederentdeckung der transnationalen Dimensionen der Geschichte Tunesiens und seiner Nachbarn.

Viele Historiker und Wissenschaftler haben sich bislang mit der Geschichte des modernen Maghreb aus einer kolonialen Perspektive auseinandergesetzt, wobei sie sich vor allem auf französische Archive und andere europäische Quellen stützten. Nordafrikanische Menschen wurden darin oft als Schatten im Hintergrund eines großen eurozentrischen imperialen Narrativs behandelt. 

Dies bewirkte die Vernachlässigung einer Fülle von Primärquellen in arabischer, osmanisch-türkischer und berberischer Sprache sowie eines ganzen Kanons jüdisch-arabischer Dokumente.

Cover von M'hamed Oualdi's "A Slave Between Empires: A Transimperial History of North Africa" (erschienen bei Columbia University Press)
Gefangen zwischen den Weltmächten: An den Streitigkeiten um Husayns Nachlass nach seinem Ableben beteiligten sich Anwälte, italienische Senatoren, Pariser Bankiers, Husayns tunesische Diener, Muslime, christliche und jüdische Pächter seiner Besitztümer und Mitglieder der Sufi-Bruderschaft im Maghreb, in Ägypten und Istanbul

Das große Narrativ dekonstruieren

Oualdi versucht in seinem Buch, dieses gravierende historiographische Versäumnis zu benennen und neue Linien der Geschichtsauslegung aufzuzeigen. Unter Bezugnahme auf ein breites Spektrum arabischer, französischer, italienischer und englischer Quellen stellt das Buch die große Erzählung infrage, die sich um die negativen Folgen der Kolonialisierung dreht, und fordert eine Neuinterpretation des Kolonialismus selbst, indem es die koloniale Geschichte des Maghreb mit der umfassenderen Geschichte seiner Nachbarregionen und mit dem weiteren Erbe der vorkolonialen Zeit verbindet.  

Oualdi behauptet, die Geschichte des kolonialen Nordafrikas sei weit davon entfernt, ein Fragment der französischen bzw. europäischen Geschichte zu sein, sondern werde von mehreren transimperialen Strömungen geprägt, an denen Nordafrikaner, osmanische Akteure aus dem Nahen Osten, Italiener und andere afrikanisch-mediterrane Gesellschaften beteiligt gewesen seien.

So plädiert das Buch für eine verschlungene Geschichte des Maghreb, die sich nicht nur aus europäischen kolonialen Quellen speist, sondern auch dem nachgeht, was ihr vorausging und was sich mit ihr überschneidet: in erster Linie die osmanische Provinzkultur, die in der Region über mehr als drei Jahrhunderte hinweg florierte.

Gefangen zwischen Weltmächten

Husayn wird als typische transimperiale Figur dargestellt, die gefangen ist inmitten des Kampfes zwischen osmanischen und französischen Streitkräften um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum. Die Geschichte seines Lebens und seines Nachlasses zeigt, wie tief die tunesische, nordafrikanische, französische, italienische und osmanische Geschichte miteinander verflochten sind.

Die Streitigkeiten um Husayns Nachlass nach seinem Ableben umfassten ein weites Feld von Personen: Rechtsanwälte, italienische Senatoren, Pariser Bankiers, Husayns tunesische Diener, Muslime, christliche und jüdische Pächter seiner Besitztümer und Mitglieder der Sufi-Bruderschaft im Maghreb, in Ägypten und Istanbul.

Darüber hinaus entlarvt die Erforschung der Geschichte Tunesiens zu Husayns Lebzeiten und nach seinem Tod mehrere Bereiche, die in dem großen Narrativ übersehen oder unterschätzt wurden. So zeigen uns Husayns Erlebnisse in der Sklaverei beispielsweise die Rollen lokaler Akteure bei der juristischen Abschaffung der Sklaverei, während die europäisierte Geschichtsschreibung dies allein auf europäische Interventionen zurückführt. Ein Beleg dafür ist der liberale Ton und Tenor eines Briefes, den Husayn 1864 an den US-Konsul in Tunis schrieb, in dem er darlegt, wie Tunesien seinen Sklavenhandel beendete, und in dem er seine ausdrückliche Unterstützung für die Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten zum Ausdruck brachte.

Das erste Kapitel des Buches befasst sich mit Husayns Leben nach seiner Ankunft in Tunis als Sklave in den 1820er Jahren bis zu seinem Exil in Florenz 1880. Das zweite Kapitel befasst sich mit Husayns Vermögenswerten – wie seinen Immobilien, beweglichen Gütern und Guthaben – und gibt somit Einblick in den transimperialen Charakter der Debatten um öffentliches und privates Eigentum im Maghreb. Das dritte Kapitel vertieft diese Diskussion, indem es Husayns Umgang mit zwei Finanzskandalen in seiner späteren Laufbahn behandelt. Der Skandal betraf zwei tunesische Würdenträger, die nach der Veruntreuung tunesischer öffentlicher Gelder nach Europa flohen. Husayn vermittelte im Namen des tunesischen Staates in dem darauf folgenden Finanzstreit.

 

 

Der Hauptschwerpunkt von Oualdis Buch liegt auf der Kontextualisierung der Geschichte der kolonisierten Gesellschaften Nordafrikas mit Blick auf ihr osmanisches Erbe. Obwohl die Osmanen vier Jahrhunderte lang die Herrschaft über Algier, Tunis und Tripolis innehatten, stellen die meisten historischen Abhandlungen diese Provinzen immer noch als autonome, von Istanbul unabhängige Regionen dar.

Oualdi nimmt eine Neubewertung des osmanischen Charakters des Maghreb vor und untersucht die bleibenden Auswirkungen des osmanischen Erbes in der Region. Er vertritt die Ansicht, Nordafrika sei nicht nur Grenzland des Osmanischen Reiches gewesen, sondern auch „einer von vielen Schauplätzen von Zusammenstößen und Begegnungen zwischen konkurrierenden imperialen Ambitionen“.

Das Buch enthüllt zudem mehrere Ungereimtheiten, die dem imperialen Narrativ anhaften. Beispielsweise den Widerspruch zwischen den hehren republikanischen Prinzipien, die die Großmächte im eigenen Land vertraten, und ihrem Verhalten in den von ihnen besetzten Kolonien. 

Integrierte Perspektive

Oualdi hält es für unverzichtbar, die koloniale und die sogenannte präkoloniale Zeit in einem Gesamtrahmen zusammenzuführen, damit die Debatten und Divergenzen innerhalb der maghrebinischen Gesellschaften nachvollziehbar werden. Die Kolonialgeschichte aus einer solchen integrierten Perspektive zu lesen, kann dazu beitragen, bestehende Analysestrukturen zu überdenken und neu zu justieren. Sie kann auch dazu beitragen, die bedeutenden finanziellen, intellektuellen und familiären Netzwerke im Mittelmeerraum aufzudecken, die von Historikern entweder unterschätzt oder übersehen wurden.

Eine solche transimperiale Perspektive sei auch hilfreich, um die missliche Lage maghrebinischer Einwanderer zu verstehen, die sich in Europa niedergelassen haben. Ihre Präsenz in Europa sei nicht nur das Ergebnis der Kolonialisierung, sondern gehe auch auf frühere Verbindungen zwischen den maghrebinischen Gesellschaften und dem nördlichen Rand des Mittelmeers in der frühen Neuzeit zurück.

Muhammed Nafih Wafy

© Qantara.de 2020

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