Einladungen in die USA (1974 als Gastdozent an der Universität von Los Angeles) flößen seiner kristallinen Poesie neue Rhythmen ein, den Spirit von Gospel, Jazz und Blues. 2003, in Dibs Todesjahr, erscheint der mit amerikanischen Einsprengseln versetzte Versroman LA-Trip, der im Netz als bilinguale Edition zirkuliert; für L'Enfant-Jazz, vom algerischen Kalligraphie-Künstler Rachid Koraichi illustriert, wird ihm 1998 der prestigiöse Prix Mallarmé zuerkannt.

Von Schnee und Wüstensand

Dib gilt als Monolith in der algerischen Literaturlandschaft, dessen Werk in seiner überwältigenden Fülle, seiner großen Diversität und radikalen Originalität alles überragt. Sein philosophisch-verrätselter Kosmos ist nicht immer so zugänglich wie in seinem altersweisen, märchenhaften Roman L'Infante Maure, 1994 (dt. 1997 und 2016: Die maurische Infantin), in dem die neunjährige Lyyli Belle, Spross zweier Migranten, einer polnischen Mutter und eines maghrebinischen Vaters, in einer finnischen Mittsommertraumnacht ihrem imaginären Großvater, einem Wüstenscheich, den Schnee erklärt.

Ausschnitt aus dem Triptychon des marokkanischen Künstlers Nabili 1997; Foto: Regina Keil-Sagawe
Ausschnitt aus dem Triptychon, das der marokkanische Künstler Nabili 1997, vom Roman "Die maurische Infantin" inspiriert, im Rahmen der "Kulturmeile Maghreb in Heidelberg" mit Wüstensand geschaffen hat: den Satz "Ich kenne jetzt also den Sand und den Schnee ...etc", in 3 Sprachen: Französisch - Deutsch - Arabisch)

Am Ende sieht sie ein, dass es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen beiden gibt: "Ich kenne jetzt also den Sand und den Schnee. Und in gewisser Weise sind sie Geschwister", lautet der Schlüsselsatz dieses Romans, der sich als poetisches Plädoyer für interkulturelle Toleranz lesen lässt, als literarisches Manifest gegen Huntingtons Clash-of-Civilizations-These, die im Jahr zuvor erschienen war.

Frankreich - Algerien: Highlights im Dib-Gedenkjahr

Events, die den "Centenaire Mohammed Dib" markieren, sind die jüngst erschienene, von Hervé Sanson edierte  Sondernummer "Mohammed Dib" der renommierten Pariser Literaturzeitschrift Europe (Juni-Aug.2020), sowie ein von der Société Internationale des Amis de Mohammed Dib organisiertes Symposium im erlauchten Rahmen des Schlosses Cérisy in der Normandie vom 1.-5. September.

In Algerien selbst wurde das Dib-Gedenkjahr, das im Februar 2020 hätte beginnen sollen und eine Fülle an Veranstaltungen auf der Agenda hatte, coronabedingt vertagt.

Einzig erhaltener Programmpunkt: die Vergabe des Prix Mohammed Dib. Vergeben wird er von der in Dibs Geburtsstadt Tlemcen angesiedelten Association Culturelle La Grande Maison, der einstigen Fondation Mohammed Dib. Am 27. Juni trat die Jury online zusammen, auf der Longlist 23 AutorInnen und sämtliche in Algerien vertretenen Literatursprachen: Arabisch, Französisch und Amazigh; zudem ist für den 17.-19. Oktober unter dem Titel "Atlals" (Spuren) eine internationale Tagung zu Dibs Oeuvre geplant.

Dib selbst sprach von seinem Oeuvre gern als von einer "constellation". Dass der 100. Geburtstag dessen, der der Welt, so die algerische Dib-Spezialistin Naget Khadda, mit seinem Werk einen "sprühenden Lichtschweif" hinterlässt, ausgerechnet mit dem seltenen Schauspiel eines Kometenflugs koinzidiert, dürften Dib-Fans weltweit als Fingerzeig des Kosmos werten ...

Regina Keil-Sagawe

© Qantara.de 2020

Regina Keil-Sagawe hat u.a. Mohammed Dibs Roman "Die maurische Infantin" ins Deutsche übersetzt und 2005 in der Reihe "Expressions Maghrébines" (Vol. 4/2) die erste Sondernummer zu seinem lyrischen Werk (mit Beiträgen in englischer und französischer Sprache) herausgegeben: "Mohammed Dib poète".

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