Schon während ich für die Deutschen gearbeitet habe, gab es Anrufe und auch Briefe, in denen mir mit dem Tod gedroht wurde. Ich habe den Deutschen im Camp Marmal acht solcher Vorfälle gemeldet. Das wurde immer geprüft und nach einigen Tagen hieß es: Antrag abgelehnt, die Gefahrenlage ist nicht eindeutig. Ich frage mich, welche Beweise es braucht, um meine Gefahrenlage deutlich zu machen: Braucht es erst meinen toten Körper, um den Beweis zu haben, dass mein Leben in Gefahr ist? Letztlich habe ich dann sogar meinen Job verloren, weil es hieß, wenn du in Gefahr bist, ist es auch eine Gefahr für unsere Truppe. Wenn du mit den Soldaten unterwegs bist, weil die Aufständischen hinter dir her sind, ist das eine Gefahr. Das habe ich nicht verstanden, das Vorgehen der Deutschen hat mich verwirrt.

Wir waren Übersetzer, Unterstützer, kulturelle Berater

Ich habe eine Gruppe für Übersetzer und andere Arbeitskräfte gegründet, die für die Deutschen gearbeitet haben, und regelmäßig in den vergangenen Jahren mit ihnen vor dem Camp Marmal demonstriert, um auf unsere Lage aufmerksam zu machen. Wir wollten darauf hinweisen, dass wir Hilfe von den Deutschen benötigen. Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich vor allem seit 2014 sehr verschlechtert, als die internationalen Truppen die Verantwortung an die afghanischen Truppen übergeben haben.

Wir Übersetzer waren Unterstützer, Helfer, kulturelle Berater - Männer wie ich haben fast zehn Jahre mit den Nato-Truppen gearbeitet. Ich habe in dieser Zeit auch viele kritische Situationen erlebt. Einmal sind wir bei einer Flussüberquerung in der Provinz Baghlan stecken geblieben, weil eines der Dingo-Fahrzeuge Probleme hatte. Wir mussten zwei Tage ausharren und hatten Angst, weil das Terrain von den Aufständischen vermint worden war. Ich war auch an Fußpatrouillen an vorderster Front beteiligt, da war jede Minute von Angst begleitet. Ich habe mit 450 US-Dollar pro Monat angefangen, später wurde der Betrag auf 950 Dollar erhöht, das ist ein sehr gutes Gehalt.

 

 

 

Es heißt, wir sollen uns an die UN wenden

Viele der deutschen Soldaten, mit denen ich zusammengearbeitet habe, waren tapfer und freundlich. Sie haben auf Zivilisten wie mich aufgepasst. Aber nun fühlen wir uns im Stich gelassen. Die Deutschen haben gesagt, sie würden einen Antragsprozess für uns auf den Weg bringen, aber wir haben keine offiziellen Informationen dazu bekommen. Nun sind sie weg. Ich weiß auch nicht, ob die Deutschen überhaupt noch ein Konsulat in Masar-i-Scharif betreiben. Es hieß, wir sollten uns an die Internationale Organisation für Migration der Vereinten Nationen wenden, aber deren hochrangige Beamte sind bereits mit dem Flugzeug aus der Stadt geflüchtet, seit die Taliban auf allen Seiten der Stadt vorrücken.

Niemand von der deutschen Seite hat sich an uns gewandt. Ich habe aus den Medien erfahren, dass die Deutschen vor Kurzem die Zwei-Jahres-Regel geändert haben, dass also auch Übersetzer wie ich in den Auswahlprozess kommen sollten, deren Arbeitszeit für die Deutschen schon länger zurückliegt. Aber wir sind alle absolut im Unklaren: Wir wissen nicht, an wen wir uns wenden sollen. Nach Pakistan oder Iran zu fliehen, ist für mich keine Option, auch möchte ich keinem Schleuser Geld bezahlen, damit er versucht, meine Frau und mich nach Europa zu bringen.

Alle meine Optionen sind gerade sehr düster. Ich bin traurig, hoffnungslos und habe Angst. Ich fühle mich als Opfer eines Krieges, den auch die Deutschen in meinem Land geführt haben. Die Deutschen betonen, dass sie aus einem demokratischen, freien Land kommen, das die Menschenrechte achtet. Meine Bitte an die Deutschen ist, die Menschenrechte in diesem Fall über die Bürokratie zu stellen. Unser Leben ist in Gefahr, solange ihr noch von uns hört, trefft bitte die Entscheidung, uns zu retten. Wir haben Schulter an Schulter gekämpft. Wir waren Kollegen.

Ahmad Jawid Sultani

© Sueddeutsche Zeitung 2021

Ahmad Jawid Sultani, langjähriger Übersetzer für die Bundeswehr in Afghanistan, ist Vorsitzender der "Vereinigung deutscher Ortskräfte" (German Local Employees Union) in Masar-i-Scharif.

 

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