In Ländern wie Marokko, Tunesien und Jordanien wurde das Mindestheiratsalter im Einklang mit internationalen Konventionen zwar auf 18 Jahre heraufgesetzt, doch mittels richterlicher Ausnahmegenehmigungen werden vor allem in ländlichen oder von Armut geprägten Milieus sowie in Konfliktzonen Mädchen oft schon mit 14 oder 15 Jahren verheiratet. Nach einer aktuellen Studie des "Population Reference Bureau" von 2013 ist in den arabischen Ländern durchschnittlich jedes siebte Mädchen unter 18 Jahren verheiratet. Laut derselben Studie sind in Marokko insgesamt 13 Prozent und in Jordanien insgesamt acht Prozent aller verheirateten Frauen minderjährig.

In den meisten arabischen Ländern haben Frauen nach wie vor nicht das Recht, selbst ihren Ehevertrag zu unterschreiben, sondern brauchen zwingend die Zustimmung des Vaters oder eines männlichen Vormundes (wali, mahram). Zu den Ausnahmen zählen Tunesien, Marokko und Algerien. Ein weiterer Zwangsfaktor ist die sogenannte Cousinehe, die unter anderen in einigen arabischen Golfstaaten sowie im Libanon, Jordanien, Palästina, Saudi-Arabien und Marokko verbreitet ist und die sowohl Frauen als auch Männer trifft. Hierbei verfügt die Familie, dass Cousins ersten Grades miteinander verheiratet werden. Generell geht diese Tradition aber zurück. Sie wird heutzutage vor allem in ländlichen Gebieten und in Konfliktzonen praktiziert. In Marokko sind derzeit noch rund 15 Prozent aller Eheschließungen Cousinehen, in Jordanien sollen es rund 20 Prozent sein.

Libysches Hochzeitspaar; Foto: picture alliance/dpa/Mohamed Messara
"Rechtliche, soziale und kulturelle Zwänge spielen in arabischen Gesellschaften nach wie vor eine erhebliche Rolle, wenn es ums Heiraten geht. Doch gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die sozialen Strukturen, die Mentalitäten und damit auch das Heiratsverhalten in den Gesellschaften der arabischen Welt einen tiefgreifenden Wandel durchmachen", schreibt Sabra.

Tiefgreifender Wandel

Rechtliche, soziale und kulturelle Zwänge spielen in arabischen Gesellschaften also nach wie vor eine erhebliche Rolle, wenn es ums Heiraten geht. Doch gleichzeitig lässt sich beobachten, dass die sozialen Strukturen, die Mentalitäten und damit auch das Heiratsverhalten in den Gesellschaften der MENA-Region einen tiefgreifenden Wandel durchmachen.

Die massive Landflucht, die rasante Verstädterung, der bessere Zugang von Mädchen zu Bildung, gepaart mit veränderten Ansprüchen an Ehe und Familie, sind die Ursachen. Viele junge Männer können aufgrund ökonomischer Krisen und Veränderungen ihre klassische Versorgerrolle in der Familie nicht mehr erfüllen. Gleichzeitig wollen viele gebildete junge Frauen sich nicht länger dem Diktat der überkommenen Rollenmuster und Großfamilien unterwerfen. Sie wünschen sich stattdessen romantische Ehen und die Kleinfamilie nach westlichem Vorbild mit zwei bis drei Kindern. Das durchschnittliche Heiratsalter von Frauen ist in Marokko auf 27 Jahre, in Jordanien auf 25 Jahre gestiegen – Tendenz weiter aufwärts.

Widad, 30 Jahre, Ingenieurin aus Jordanien, hat ihren Traumpartner gefunden. Anders als für die Marokkanerin Kenza war das Single-Dasein für sie nie eine Option, auch nicht theoretisch. Denn in Jordanien bleibt eine Frau, die nicht heiratet, ihr Leben lang ein Kind: "al-bint" (arabisch: die Tochter). Erst wenn sie heiratet, gehört sie zur Welt der Erwachsenen.

"In demokratischen Familien wie unserer wird die Tochter vorher gefragt", berichtet Widad. "Ich habe klar gesagt, dass ich erst mein Studium abschließen und danach heiraten will. Als schließlich Rami um meine Hand angehalten hat, wusste ich sofort – der ist es!" schwärmt sie.

"Ich habe in den Ehevertrag schreiben lassen, dass ich nach der Heirat und der Geburt der Kinder weiter berufstätig bleiben konnte. Außerdem haben wir festgelegt, dass wir in einer eigenen Wohnung leben und nicht im selben Haus wie meine Schwiegereltern." Diese Bedingungen akzeptierte ihr Zukünftiger. Widad lehnt arrangierte Ehen aber nicht rundheraus ab. Nicht jede Liebesehe führe zu einer glücklichen Familie, so ihr Fazit: "Ich habe Freunde, die als Cousins verheiratet wurden und die mit ihrem Leben zufrieden sind. Wichtig ist, dass man nicht gezwungen wird."

Martina Sabra

© Zeitschrift für Entwicklung und Zusammenarbeit 2016

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