Dror Zahavi: "Alles für meinen Vater"

Liebesgruß aus Bombensplittern

In seinem dritten Kinofilm hat der israelische Regisseur Dror Zahavi ein Tabu gebrochen: Der Protagonist ist ein palästinensischer Selbstmordattentäter, der sich in eine Israelin verliebt. Nach Protesten und Boykottaufrufen wurde der Film schließlich für sieben israelische Filmpreise nominiert. Von Stefan Franzen

"Von Geburt an durfte ich nicht einmal Träume haben", sagt der militante palästinensische Aktivist zum jungen Palästinenser Tarek. "Wir haben keine Flugzeuge, also bist du unser Flugzeug." Der Sprengstoffgürtel, den Tarek in seinem Auftrag trägt, ist gespickt mit Nägeln. Er soll größtmögliche Verheerung anrichten, mitten auf einem Marktplatz von Tel Aviv. Doch der Schalter ist defekt, die Bombe zündet nicht – und Tarek durchlebt 48 Stunden, die sein Leben verändern.

Auf der Suche nach einem Ersatzteil für den tödlichen Zünder gerät er geradewegs in den jüdischen Alltag der kleinen Leute. Es ist nicht das moderne, jugendliche Tel Aviv mit seiner schicken Strandpromenade, das Regisseur Dror Zahavi interessiert. In eine schmuddelige Seitenstraße lässt er seinen Protagonisten Tarek (Shredi Jabarin) eintauchen, der liebenswert kauzige Elektrohändler Katz (Shlomo Vishinski) hat dort seinen Laden, daneben schmeißt die junge, aufbegehrende Keren (Hili Yalon) einen Kiosk.

Eine Frage von Ehre und Schuld

Filmplakat "Alles für meinen Vater" von Dror Zahavi

In diesem heruntergekommenen Milieu entspinnt sich am Shabbat eine Romanze, die offen legt, wie ähnlich Juden und Palästinenser unter Vorstellungen von Ehre und Schuld leiden, die hüben wie drüben fest betoniert sind. Hauptdarsteller Jabarin, Nachwuchstalent vom Nationaltheater in Tel Aviv, spielt das Gefangensein in der Ausweglosigkeit mit trotziger Melancholie. Sofort nimmt man ihm die Biographie des viel versprechenden Fußballstars, der einst in Nazareth kickte, bis die Einreise verweigert wurde. Damit sein Sohn weiter eine Chance auf den Lebenstraum haben sollte, kooperierte der Vater mit den israelischen Grenzsoldaten. Als menschliche Bombe soll Tarek die Ehre nun wieder herstellen.

Stattdessen rettet Tarek aber das Leben der schwermütigen Ehefrau von Katz und dem anfänglichen Misstrauen zum Trotz freundet er sich auch zögernd mit dem sturköpfigen Elektrohändler an. Katz scheint zu erahnen, was in dem jungen Araber vor sich geht und weiht ihn schließlich sogar in seine eigenen familiären Abgründe ein. Er erzählt Tarek davon, wie sein eigener Spross seinerzeit als Rekrut der israelischen Armee der perversen Praxis der "Wasserdisziplin" zum Opfer fiel. Wir müssen den tragischen Zyklus der Gewalt durchbrechen, so die unterschwellige Botschaft des alten Mannes.

Im Lauf der Ereignisse findet er in Tarek sogar eine Art Ersatzsohn. Schmerzliche Nähe der Fiktion zur Realität: Fünf Wochen vor Beginn der Dreharbeiten hatte der großartige Katz-Darsteller Vishinski seinen Sohn im Libanonkrieg verloren. Gegen eine andere Front muss sich Keren zur Wehr setzen: Religiöse Blockwarte drangsalieren die junge Frau, die sich aus ihrer ultra-orthodoxen Familie ausgeklinkt hat.

Dass sie ihr Kind verloren hat, gilt als Strafe Gottes für unsittlichen Lebenswandel. Als Tarek sie beschützt, entbrennen die beiden füreinander, und je stärker Keren sich verliebt, desto intensiver geht die Schauspielerin Hili Yalon in ihrer Rolle auf. Wie sich nach dem klassischen Muster die Unausweichlichkeit des Dramas immer enger um die Seele schnürt, das hat Zahavi beklemmend eingefangen, verstärkt durch die raffiniert und dynamisch eingesetzte Kameraführung.

Kritische Reaktionen in Israel

Der Regisseur Dror Zahavi; Foto: AP
Der israelische Regisseur Dror Zahavi absolvierte in den 80er Jahren die Filmhochschule Potsdam. "Alles für meinen Vater" ist sein Kinodebüt.

Hautnah erlebt man, wie sich politische Bruchlinien in Privatem fortpflanzen, auf Einzelschicksale auswirken. Dabei ist dem Regisseur und dem erst 21-jährigen Drehbuchautor Ido Dror das Kunststück gelungen, mit einer packenden Dramaturgie Parteinahme und Rührseligkeit gleichermaßen zu umschiffen. Gerade weil er den Rückzug ins abstrakte Reden über den Nahost-Konflikt verwehrt, hat Zahavi, der ehemalige Student der Filmschule in Babelsberg bei Berlin, der aus der israelischen Friedensbewegung kommt und gerade die Biographie von Marcel Reich-Ranicki verfilmt, heftige Reaktionen hervorgerufen. ​​ Israelische Zuschauer kritisierten, dass eine palästinensische Mutter gezeigt wird, die um ihren Sohn weint – Emotionen wollte man ihr nicht zugestehen.

Jabarin, nach endlosen Casting-Bemühungen der Einzige, der sich als Israeli traute, in die Haut eines palästinensischen Selbstmordattentäters zu schlüpfen, wurde auf der Straße als "Nestbeschmutzer" bepöbelt. Die Koproduzentin Zvi Spilman ("Schindlers Liste") berichtet, dass sich die Trennlinie zwischen Ablehnung und Befürwortung des Films selbst quer durch Jabarins Familie ziehe.

Trotz aller Kritik wurde die deutsch-israelische Koproduktion schließlich in sieben Kategorien für den israelischen Filmpreis nominiert. Und die Kritik weckte während der Dreharbeiten bis hin zu den Beleuchtern und Fahrern, Kulturverständnis für die jeweils andere Seite, so Produzentin Heike Wiehle-Timm.

Am Ende des Films kleben Kinder Märtyrerplakate an Hauswände – ein stumpfes Ritual bar jeden Hoffnungsschimmers. Doch noch etwas bleibt zurück, was man nicht aus gängigen Nachrichtensendungen kennt: Ein Ring, den Tarek für Keren aus Nägeln der Bombe gebastelt hat. Sein letzter Gruß an die Welt ist einer der Liebe.

Stefan Franzen

© Qantara.de 2009

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