Drogenschmuggel in Tadschikistan

Auf verlorenem Posten

In Tadschikistan versucht man den Schmuggel von Heroin und Opium aus Afghanistan bereits an der Grenze zu stoppen. Doch das Vorhaben überfordert das bitterarme Land – und zeigt die absurden Versäumnisse im Kampf gegen die Drogen. Tobias Asmuth informiert

Fast 80 Prozent des weltweiten Opiums und Heroins kommen aus Afghanistan. Nach dem Willen der USA und Europas soll ihr Weg bereits an der Grenze zu Tadschikistan gestoppt werden. Doch das Vorhaben überfordert das bitterarme Land – und zeigt die absurden Versäumnisse im Kampf gegen die Drogen. Tobias Asmuth berichtet

Verbrennung konfiszierter Drogen in Tadschikistan, Foto: Tobias Asmuth
Allein in den letzten fünf Jahren wurden in Tadschikistan 43 Tonnen Rauschgift beschlagnahmt und vernichtet, davon 22 Tonnen Heroin.

​​Dort wo die Front beginnt, fließt träge der Fluss Pjanj durch die Ebene, erschöpft von seiner Reise, die an den Gletschern des Pamir-Gebirges beginnt.

Drüben auf der anderen Seite leuchten Baumwollfelder, am Horizont Berge - Afghanistan. Von dort "kommt der Feind". Er kommt in Booten, in Autos und Lastern über Brücken, und manchmal fliegt er nachts einfach in Hubschraubern über den Fluss Pjanj hinweg.

Kommandeur Halimov hat den Befehl, den Feind zu stoppen, er soll mit seinen Soldaten die Drogen, das Opium und Heroin aufspüren, das über Tadschikistan nach Russland und Westeuropa geschmuggelt wird. Das Land zu schützen, ist ihre heilige Pflicht, sagen die Generäle.

Regierung unter Erfolgsdruck

Seit letztem Sommer bewacht die tadschikische Armee die 1344 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan, nicht mehr die russischen Verbündeten. Der Kampf gegen die Drogen ist jetzt nationale Aufgabe, Tadschikistan braucht Erfolge, die es der internationalen Öffentlichkeit präsentieren kann, weshalb Zahlen eine große Rolle spielen.

Unten am Fluss, im Schilf versteckt, hat seine Truppe ein kleines Fort gebaut. Hinter Maschinengewehren verschanzt. Wenn in Afghanistan die Mohnfelder geerntet werden, kommen die Schmuggler. Sie sind gut ausgerüstet, steuern schnelle Landrover und besitzen sogar Hubschrauber.

Halimovs Leute spähen mit veralteten Nachtsichtgeräten in die Dunkelheit und fahren in klapprigen Jeeps staubige Feldwege ab. Wenn das Wetter schlecht ist, haben die Soldaten im Fort keine Funkverbindung.

Die Europäische Union und die USA wollen in den kommenden Jahren die Grenztruppen mit 25 Millionen Euro für eine neue Ausrüstung unterstützen. Doch die Gegner von Kommandeur Halimov sind nicht mit mehr PS und störungsfreiem Empfang zu besiegen.

Die Drogen-Schmuggler haben einen mächtigen Verbündeten, die Armut in Tadschikistan. Das Land ist unter den fünf Republiken Zentralasiens die kleinste, die rohstoffärmste, zweifellos auch die abhängigste.

Schon in der Sowjetunion galt das Gebirgsland an der Grenze zu China als rückständig und wurde mit Milliarden Dollar von der Moskauer Zentrale unterstützt. Nach der Unabhängigkeit 1991 stürzte es in einen grausamen Bürgerkrieg. Anders als bei den Nachbarn Kirgisien oder Usbekistan konnte sich der Chef der kommunistischen Partei nicht als neuer Präsident behaupten.

"Jurtschikis" gegen "Wovtschikis"

Die Milizen des alten Regimes, die "Jurtschikis", kämpften gegen islamistische Kriegsherren, die "Wovtschikis". Beide plünderten Städte und Dörfer und ermordeten fast 60.000 Menschen. Am Ende des Krieges 1997 stand der ehemalige kommunistische Parteifunktionär Emomali Rachmonov als neuer Präsident fest.

Tadschikischer Soldat am Fluss Pjanj, Foto: Tobias Asmuth
Allein auf weiter Flur im Kampf gegen den Drogenschmuggel - tadschikischer Soldat am Fluss Pjanj

​​Sein zerstörtes Land rechnet die Weltbank zu den 30 ärmsten Ländern der Welt. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf liegt bei 190 Dollar im Jahr.

Mehr als eine Million der insgesamt 6,3 Millionen Tadschiken arbeiten saisonweise in Russland, daheim ist jeder zweite arbeitslos. Da ist die Versuchung groß, im Drogenhandel zu Geld zu kommen.

Die Gewinnspannen sind enorm. Im nordafghanischen Kundus kostet ein Kilogramm Heroin 1.500 Dollar, in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe steigt der Preis schon auf 20.000 Dollar, in Moskau auf knapp 100.000 Dollar und in Westeuropa werden 250.000 Dollar bezahlt.

Auch Rustam Nasarov kennt Zahlen. Er ist Direktor der tadschikischen Anti-Drogen-Behörde in Duschanbe und soll den Kampf gegen den Feind aus Afghanistan organisieren. Nasarov erklärt, dass er in den vergangenen fünf Jahren 43 Tonnen Rauschgift beschlagnahmt habe, davon 22 Tonnen Heroin.

Seidenroute als Drogen-Highway

"Die Route über Tadschikistan ist wichtiger als die über Usbekistan oder Turkmenistan." Das Opium und Heroin wird in Autos und Lastern über Russland, Weißrussland und die Ukraine nach Mitteleuropa transportiert.

Diese so genannte Seidenroute wird nach Schätzungen von Europol an Bedeutung gewinnen, da die Drogenbehörden auf der so genannten Balkanroute über die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Serbien-Montenegro, Ungarn, Tschechien und Österreich strenger als bisher kontrollieren und wesentlich härter durchgreifen.

Auf solche Verluste reagieren die großen internationalen Schmugglerbanden schnell und flexibel. Auf Rustam Nasarov wird viel Arbeit zukommen. Seine Behörde hat fast 350 Mitarbeiter, sie wird seit 1999 von den Vereinten Nationen unterstützt und erhält bis Ende 2006 noch 4.5 Millionen Dollar.

Besonders stolz ist Nasarov auf das Labor im fünften Stock des alten Bürogebäudes. Die neuen Computer sind von Dell und Compaq, Gas-Chromatograph, der die Zusammensetzung des Rauschgifts bestimmt, kommt aus Deutschland.

Es wäre schön, wenn die internationale Gemeinschaft den Drogenanbau in Afghanistan stärker bekämpfen würde, sagt Außenminister Talbak Nasarov. Seit elf Jahren ist Nasarov Außenminister, ein alter Herr mit gutem Ruf und vielen Falten im Gesicht. "Weniger Drogen bedeuten für uns weniger Schmuggel."

Nasarov bittet an einen mächtigen Tisch in seinem Amtsitz im Zentrum Duschanbes und erklärt, dass sich Tadschikistan auch weiter dem Kampf gegen die Drogen verschreiben werde. "Wir unternehmen alle Anstrengungen, unsere Grenztruppen und unsere Polizei gut auszurüsten."

Allerdings seien die Mittel beschränkt, die Ausgangslage sei schwierig. In den fünf Jahren Bürgerkrieg sei die Wirtschaftskraft auf unter ein Drittel gefallen, nun sei man immerhin schon wieder bei knapp der Hälfte. Dazu komme die geografische Lage:

Gefährdung der wirtschaftlichen Entwicklung

"Wir Tadschiken leben in einem Sack; rundherum hohe Berge und andere Länder, das nächste Meer ist weit." Ohne Hilfe aus dem Ausland könne es keine Fortschritte geben. "Der Drogenhandel gefährdet zusätzlich unsere Entwicklung."

Eine Einschätzung, die viele internationale Beobachter in Duschanbe teilen. Eine UNDCP-Studie sieht im Schmuggel die wichtigste Ursache für die wachsende Kriminalität in Tadschikistan.

Die Drogenmafia, gestützt auf die traditionellen Clanstrukturen, unterwandere den Staat. Die "International Crisis Croup" vermutet, dass Militärs, Justizbeamte, selbst hohe Regierungsvertreter am Drogengeschäft verdienen.

Das schmutzige Geld heizt die Korruption an. In einem Land, in dem ein Arzt drei und eine Lehrerin fünf Dollar im Monat verdienen, ist fast alles käuflich. Informationen, Stillschweigen, Wegschauen.

In ein korruptes System aber fließen keine ausländischen Investitionen, die die Energiewirtschaft oder der Baumwollanbau dringend brauchen. So wächst die Armut. Für die Schmuggler ist das eine gute Nachricht, für die Soldaten am Fluss Pjanj nicht.

Tobias Asmuth

© Qantara.de 2006

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