Die florierende Drogenökonomie wird auch von der weiterhin schlechten Sicherheitslage im Land beflügelt. Zum einen hat sich das illegale Geschäft seit Jahrzehnten professionell organisiert und ist inzwischen weitgehend immun gegen jegliche Bekämpfungsmaßnahmen – die aber ohnehin nur spartanisch und punktuell durchgeführt werden.

Die Politik, ehemalige Warlords bewusst in das neue politische System und die Regierung zu integrieren und ihnen wichtige Machtpositionen zuzugestehen, hat dazu geführt, dass diese als legale politische Akteure agieren konnten, de facto aber in das illegale Wirtschaftsgeflecht der Drogenökonomie eingebunden blieben. So konnten sie wichtige Patronage-Funktionen im Drogensektor übernehmen und in der Hierarchie aufsteigen.

Glaubwürdigkeitsverlust der Regierung

Ehemalige Warlords nahmen von höchster staatlicher Stelle Einfluss auf die neu geschaffenen Institutionen der Drogenbekämpfung – allen voran die Sicherheitskräfte – und torpedierten Maßnahmen wie Verhaftungen, Zerstörung von Feldern, Aufspüren von Schmuggelringen und Sicherstellungen größerer Drogenmengen. Diese Patronage von allerhöchster politischer Ebene hat nicht nur den Drogenmarkt angeheizt, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Regierung stark beschädigt. Es blieb bei symbolischen Maßnahmen der Vernichtung von Feldern in kleinem Stil und der Verhaftung von Schlafmohnbauern und Drogenhändlern auf unteren Ebenen.

Weil sich der Anbau seit Jahrzehnten auf die Südprovinzen konzentriert, wo sich auch das traditionelle Einflussgebiet der Taliban und anderer aufständischer Gruppen befindet, hat sich die Behauptung festgesetzt, die Drogenökonomie diene vor allem als deren Finanzierungsquelle. Diese Lesart greift aber viel zu kurz und ignoriert die Komplexität der nationalen und regionalen Drogengeschäfte. In der Tat profitieren die Taliban und andere Aufständische davon. Aber sie stellen nur eine Gruppe unter vielen Nutznießern dar. Regionale Milizenführer, Mullahs und Dorfälteste bis hin zu hochrangigen Amtsträgern auf Ebene der Provinz- und Zentralregierung nehmen landesweit als Empfänger von Schutzgeldern und Zöllen einen Teil der Drogengelder ein.

Außerdem wird der größte Teil der Profite aus dem Drogenschmuggel außerhalb Afghanistans verdient. Auf der wichtigsten Route nach Westeuropa, der sogenannten Balkanroute, dominieren türkische und kurdische Mafiaorganisationen und Clans das illegale Geschäft.

Janet Kursawe

© Zeitschrift Entwicklung & Zusammenarbeit 2018

Janet Kursawe lehrt politische Soziologie und Drogenpolitik an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

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