Dr. Stephan Kinnemann, 18. September 2006

zu: Vortrag von Papst Benedikt XVI., von Clemens Finzer

Die beschwichtigenden Worte des Vatikan-Sprechers (nicht etwa eine Richtigstellung Ratzingers selbst, oder eine Entschuldigung von seiner Seite) können die Rede ebenso wenig uminterpretieren wie der Autor der Deutschen Welle oder (besonders amüsant, ihn zu zitieren) ein ehemaliger Assistent von Ratzinger.

Nein, wer die Rede im Zusammenhang liest, erkennt die ebenso bewusst wie eindeutig gegen den Islam gerichtete Tendenz.

Ratzinger wählt für sein Thema nicht Beispiele aus der Geschichte der christlichen Lehre und Tradition, die bis in die jüngste Vergangenheit zahlreiche Belege für die Verwendung und Rechtfertigung der gewaltsamen Ausbreitung des Christentums in der Welt enthält (nicht nur die Kreuzzüge oder die Inquisition).

Er bezieht sich auch nicht auf die fundamentalistischen Strömungen von Teilen der heutigen Kirche (protestantisch wie katholisch, in Europa ebenso wie in den USA), die sich leicht mit den Strömungen des fundamentalistischen Teils der islamischen Welt vergleichen ließen, sondern er sucht sich für seine Ausführungen zum Thema Vernunft und Glaube einen 600 Jahre alten Dialog, bei dem sich übrigens auch halbwegs Gebildete die Augen reiben und nach der Bedeutung von Kaiser Manuel II Palaeologos fragen. Und aus diesem Gespräch zitiert er eine in der gegenwärtigen weltpolitischen Situation und des Verhältnisses des "Westens" zum Islam geradezu verheerende Stelle. Wie viel glaubwürdiger läse man die Rede, wie anders wäre die Rezeption, wenn er, um einen schönen alten Satz zu verwenden, "vor der eigenen Tür gekehrt hätte"!

Nebenbei: wenn Ratzinger aus dem Zitat den für sein Thema unwichtigen Halbsatz "da wirst Du nur Schlechtes und Inhumanes finden" aus dem Zitat weggelassen hätte, wäre die Aufregung gewiss weniger groß gewesen. Aber das bewusste Einbeziehen dieser Worte kennzeichnet seine Stellung zum Islam (und, so möchte man beinahe bewusst überspitzend hinzufügen: seine innere Haltung zum Protestantismus ist möglicherweise nicht viel anders).

Der weitere Verlauf der Rede (bis zum letzten Satz, in dem Ratzinger erneut auf den Dialog eingeht) macht klar, dass mit seiner Kritik letztlich wirklich der Islam gemeint ist: Die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen ist noch nicht verklungen, da gießt Ratzinger mit vollem Bewusstsein Öl ins Feuer, denn bei seiner Person kann man schwerlich von "Versehen" oder "Missverständnissen" sprechen. Übrigens hätte er statt die Verspottung der Heiligen als falsch verstandene Presse- bzw. Kunstfreiheit zu kritisieren, leicht (auch) die Mohammed-Karikaturen als Negativbeispiel nennen können.

Interessant ist übrigens auch, die Rede im Zusammenhang mit seiner Predigt in München zu sehen, bei der er eindeutig die Evangelisierung der sog. "Dritten Welt" fordert, ihr (der Evangelisierung) zumindest indirekt sogar den Vorrang vor Entwicklungshilfemaßnahmen gibt. Alles nur Missverständnisse? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...

Ein Letztes: Der fundamentalistische Teil des Islams gibt wahrlich genug Anlass zur Sorge (so wie dies auch der fundamentalistische Teil des Christentums tut). Ratzinger muss sich vorhalten lassen, erneut eine Chance verpasst zu haben, hier eine klare, aus dem Gebot der christlichen (Nächsten-)Liebe gespeiste Gegenposition zu entwickeln. Dass er sich lange weigerte, eine ebenfalls aus diesem Geist begründete schnelle und klare Richtigstellung und Entschuldigung gegenüber den Muslimen (die doch sicher auch "Nächste" sind?) auszusprechen, spricht Bände.

Dr. Stephan Kinnemann, Bonn

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