Dokumentarfilmfestival Leipzig

Doppelter Boden

Beim Leipziger Dokumentarfilmfestival war der Iran zwar kein offizieller Programmschwerpunkt. Doch Filme mit Iran-Bezug gehörten zweifelsohne zu den Höhepunkten des Festivals. Jochen Kürten hat sich auf dem Festival mit der iranischen Regisseurin Narges Kalhor unterhalten.

Es war ein langer Weg bis zum Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule. Nun zeigt Narges Kalhor, im September 1984 in Teheran geboren, ihren Film "In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran" beim traditionsreichen Festival in der ostdeutschen Metropole. Das "Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm", kurz "Dok Leipzig" genannt, gehört zu den weltweit wichtigsten Foren für Dokumentarfilme.

Doch ist ihr Film, den sie nun zum Abschluss ihres Studiums fertiggestellt hat, überhaupt eine Dokumentation? Die Antwort fällt so eindeutig nicht aus. Was kein Nachteil sein muss. "In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran" ist nämlich vieles zugleich: eine kluge Meditation über das Filmemachen, eine hintergründige Auseinandersetzung mit den Begriffen Heimat und Fremde, ein nachdenklicher Film über Vorurteile und kulturelle Ignoranz, aber vor allem auch ein witziger Film über all diese Phänomene zusammen.

Er fügt sich gut in den inoffiziellen Iran-Schwerpunkt der 62. Ausgabe des Festivals, gerade auch weil der Film grundsätzlich zum Nachdenken über das Filmemachen anregt. Was erwartet ein deutsches Publikum, wenn es einen Film aus dem Iran bei einem Festival, im Kino-Alltag oder im Fernsehen sieht, oder - wie in diesem Fall - den Film einer aus dem Iran stammenden Regisseurin? 

Der Zwang der Vorgaben

Immer wieder sei sie von Produzenten, Redakteuren und Festivals aufgefordert worden: "Mach doch einen Film über Dich, deine Geschichte ist doch so interessant, da wirst Du ein großes Publikum bekommen." Sie sei immer wieder "gepusht worden, etwas orientalisches und/oder etwas politisches zu machen", erzählt Narges Kalhor. "Irgendwann wurde mir das zu viel", so die junge Regisseurin.

Als Antwort auf all diese Erwartungen von außen präsentierte sie nun in Leipzig ihren Film. Es sind vier Erzählstränge, die Kalhor in ihrem verspielten filmischen Puzzle vereint: Da ist ein junger homosexueller Flüchtling aus Syrien, der in Deutschland Asyl sucht, weil er wegen seiner sexuellen Orientierung in Syrien um Leib und Leben fürchten muss.

Da ist eine offenbar aus Afghanistan stammende Künstlerin, die in Deutschland ihre Arbeiten präsentiert: Installationen, bei denen vor allem große Sexpuppen im Mittelpunkt stehen. Und da ist eine aus dem Iran stammende junge Frau, die in Bayern (Bier-)Brauerei studiert hat und nun ihren Traum verwirklichen will, in Teheran den ersten bayrischen Biergarten zu eröffnen.

Und schließlich gibt es da noch die Regisseurin selbst, die verzweifelt versucht ihren ersten langen Film auf die Beine zu stellen - aber noch nicht so recht weiß, wovon dieser handeln soll. Eingerahmt werden die Handlungsstränge von animierten und mit Gesang untermalten Szenen der Märchen aus Tausendundeiner Nacht. So erklärt sich auch der Titel "In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran".

An Grenzen gestoßen

Die Regisseurin (natürlich "gespielt" von Narges Kalhor höchstpersönlich) stößt immer wieder an Grenzen. Redakteure und Produzenten drängen sie in eine bestimmte Richtung: "Mach was über Deine Heimat, über Teheran!" Das müsse, so wird ihr angeraten, auch schon im Film-Titel anklingen. Die Zuschauer sollten direkt wissen, worum es geht: "Am besten in den ersten fünf Minuten."

Narges Kalhor, die vor ihrem Münchner Studium bereits ein Film- sowie ein Grafikstudium im Iran absolvierte, hat vor zehn Jahren in Deutschland Asyl beantragt. Damals lief ihr Kurzfilm "Darkhish" ("Die Egge") beim Nürnberger Menschenrechtsfilmfestival. Aus ihrer iranischen Heimat wurde ihr danach deutlich signalisiert, dass sie bei ihrer Rückkehr in Schwierigkeiten kommen könnte. Ihr Vater war ein hoher Berater des damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad. Doch zu ihm hatte die Tochter wegen unterschiedlicher politischer Ansichten keinen Kontakt mehr. Narges Kalhor blieb in Deutschland.

Wie wir einen Film nicht machen sollten

Die Regisseurin hätte also auch ihre eigene Geschichte verfilmen können. Eine Geschichte von Unterdrückung und Zensur, von Liebe zur Kunst und zum Film, eine Geschichte von Asyl und dem Verlust der Heimat. Kalhor hätte vermutlich offene Türen eingerannt, hätte sie diese Geschichte in eingängige Filmbilder gepackt. Doch sie wollte das nicht, wollte nicht all die Erwartungen erfüllen, die auch sie unter Druck gesetzt haben.

Sie entschied sich für etwas anderes: "Ich habe irgendwann gedacht: Okay, das ist jetzt auch Teil unseres Films. Lass uns doch mal einen Film machen, wie wir einen Film machen. Oder besser gesagt: Wie wir ihn nicht machen können." Die Kommentare von ewig nörgelnden Redakteuren und Produzenten seien zum Bestandteil des Films geworden, erzählt die Regisseurin. Dass all die gezeigten Geschehnisse und Personen aber auch noch einen doppelten Boden haben, das zeigt sich dann am Ende von Kalhors Film: Ist wirklich alles nur gespieltes Dokument?

Narges Kalhor ist nachdenklich geworden während des Produktionsprozesses, hat sich grundsätzliche Fragen gestellt: "Meine Erfahrung in den letzten zehn Jahren ist diese: Ich komme aus dem Iran. Dort gibt es Zensur. Man weiß, wie dieses System funktioniert. Wie man Propaganda macht - oder sie eben nicht macht. Oder wie man aus dem System aussteigt oder nicht."

Aber auch in Deutschland habe sie nach zehn Jahren das Gefühl gehabt, "nicht ganz unabhängig" zu sein: "Auch hier haben wir eine Art innere Zensur entwickelt, weil wir eben genau wissen, was dieser Markt hier von uns erwartet."

Jede Jury, jeder Produzent, jeder Redakteur, den man für die Filmarbeit ja doch so nötig auch braucht, würde die "Richtung für den eigenen Film ändern". Am Ende, so Narges Kalhor, "ist das vielleicht gar nicht mehr das, was wir machen wollten: Dieser Film ist also eigentlich ein verfilmtes Exposé."

Jochen Kürten

© Deutsche Welle 2019

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