Evangelikale Lobby erreicht wichtige Ziele

Um ein Lieblingsthema der evangelikalen Israel-Lobby voranzutreiben, nämlich das Ende der amerikanischen Unterstützung für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNRWA, schickte der Verband 2018 über 5000 Lobbyisten in den amerikanischen Kongress. Mit Erfolg, die USA stoppten ihre Beiträge.

Allerdings konnten die Organisationen unter Trump noch weitaus größere Lobbyziele erreichen: Austritt aus dem Nuklearabkommen mit Iran, Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, politische Anerkennung für die Siedlerbewegung. Trump warf fast alle internationalen Grundsätze in Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt über Bord, welche vorherige Administrationen stets respektiert hatten.

Evangelikale Prediger wie John Hagee, den Netanyahu den „besten Freund Israels“ nennt, und der mit der Organisation „Christians United For Israel“ (CUFI) eine zentrale Lobbyorganisation gegründet hat, sind bei den Feierlichkeiten zur Verlegung der US-Botschaft und der Vorstellung des „Trump-Plans“ im Weißen Haus nicht nur präsent, sondern übernehmen sogar zentrale Rollen in der Inszenierung.

„Bereite dich darauf vor, Gott zu begegnen“: Aus dem Dokumentarfilm „‘Til Kingdom Come“- „Bis zum jüngsten Tag – Trump, die Evangelikalen und Israel“.  Foto: NDR/Met Film Sales/Abraham (Abie) Troen
„Bereite dich darauf vor, Gott zu begegnen“: Dieser Film erzählt mit erstaunlichen Zugängen die Geschichte, wie verarmte Christen in Kentucky ihren letzten Penny an eine Wohltätigkeitsorganisation in Israel spenden. Sie hängen in ihrer Kirche den Davidstern über das Kreuz, denn sie erwarten, dass in Israel bald der Erlöser kommt und damit die letzten Tage der Menschheit anbrechen. Am Beispiel der kleinen Gemeinde in Kentucky erzählt der Film die Verstrickungen von Politik und Religion. Die preisgekrönte Regisseurin Maya Zinshtein bietet exklusive Einblicke in das Weltbild US-amerikanischer Christen und deren apokalyptische Visionen.

Regisseurin Zinshtein lässt wenig Zweifel daran, was sie von all dem hält: Sie filmt in den besetzten Gebieten, zeigt die katastrophalen Folgen dieser Politik für die Rechte der Palästinenser. Was von den radikalen Christen gefeiert wird, kostet Menschenleben.

58 Palästinenser kommen bei den Protesten gegen die Verlegung der US-Botschaft ums Leben, 2771 werden verletzt. Aber die Situation vor Ort, Völkerrecht und Besatzung, spielt für die Evangelikalen keine Rolle.

Grotesk sichtbar wird das in der filmisch festgehaltenen Begegnung von Pastor Bingham mit einem palästinensischen Pfarrer in einer Kirche in Bethlehem.

Als der Pfarrer versucht, Bingham die schwierige Lage der palästinensischen Christen zu erklären, erhält er nur eine einzige Antwort auf dessen Ausführungen zum Leben unter Besatzung: Gott habe dem Volk Israel nun mal das Land versprochen. Der verzweifelte Pfarrer gibt zurück, Bingham argumentiere ja wie ein Dschihadist, der sich auf den Koran beruft. Das wiederum rührt Bingham gar nicht.

Er und seine Glaubensbrüder unterstützen proaktiv die israelische Siedlerbewegung, statten mit den „Christian Friends of Israeli Communities“ Solidaritätsbesuche vor Ort ab und sammeln Spenden. Das kommt nicht zuletzt Premierminister Netanyahu zugute, der seit Jahren nur mit Hilfe der Siedler regieren kann.

Antisemitische Klischees

Gegenüber der Dokumentarfilmerin Zinshtein legen die evangelikalen Protagonisten ihre Ansichten völlig ungeschönt dar. Ihrem Glauben nach wird Jesus erst auf die Erde zurückkehren, wenn alle Juden in Israel versammelt sind. Aber am Jüngsten Tag stehen die angeblich so verehrten Juden vor einer fatalen Wahl: Sie sollen entweder zum Christentum konvertieren oder untergehen.

Als die Israelin Zinshtein Pastor Bingham Senior (den Vater des oben genannten) im Interview fragt, was denn mit jenen Juden in Israel passieren solle, die das Christentum dann nicht anerkennen wollen, lässt er daran auch keinen Zweifel.

Das Verhältnis der Evangelikalen zu Israel als jüdischem Staat ist bestenfalls ambivalent: Einerseits wird gepredigt, Juden seien die besseren Menschen und Israel das Gelobte Land. Im selben Atemzug werden dann aber die wildesten antisemitischen Klischees bedient.

Mit Biden als neuem US-Präsident wird der einmalige, direkte Zugang der Lobbyisten zum Präsidenten ebenso schwinden wie die abstrusen Umdeutungen des Völkerrechts in Bezug auf den Konflikt in Israel und Palästina – nicht aber der Einfluss der evangelikalen Verbände.

Um hier eine Gegenreaktion zu schaffen, wäre wohl etwas anderes nötig als nur ein Machtwechsel im Weißen Haus: Die Überwindung der wachsenden sozialen und ideologischen Spaltung der USA.

René Wildangel

© Qantara.de 2020

René Wildangel ist Historiker und schreibt unter anderem zum Schwerpunkt Naher/Mittlerer Osten.

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