Es scheint, dass ich bis jetzt in mehr oder weniger konzeptionellen Begriffen gesprochen habe –  erlauben Sie mir daher, nunmehr etwas konkreter zu werden und zu erklären, wie es eigentlich zu diesem Projekt kam.

In vielerlei Hinsicht entstand dieser Film zufällig und unbeabsichtigt. Als ich im vergangenen April an Bord eines Flugzeugs nach Tunesien ging, hatte ich sicherlich nicht die Idee, eine Dokumentarserie über eine Solidaritätskarawane nordafrikanischer Aktivisten zu drehen. „Paradises of the Earth“ begann als völlig anderes Projekt – Tausende Kilometer von Tunesien entfernt in einer südostmarokkanischen Siedlung namens Imider.

Filmplakat Dokumentarfilm "Paradises of the Earth"
Gemeinsam mit der Ebbe und Flut von Revolution und Gegenrevolution: Bouhmouchs Dokumentarfilm „Paradises of the Earth“ wirft ein Schlaglicht auf das sozial- und umweltpolitische Engagement einer internationalen Solidaritätskarawane, die sich in Tunesien an mehreren Orten der Jasminrevolution von 2010/11 wiederfindet.

Über Imider und das, woran wir dort arbeiten, kann ich momentan noch nicht mehr sagen. Wichtig ist aber, dass meine Reise nach Tunesien ein Bestandteil dieses Projekts war. Um es klarer auszudrücken, ich reiste aus zwei Gründen nach Tunesien: Erstens als Aktivist, als Teil dieser Karawane, um den Menschen des vergessenen tunesischen Südens meine Solidarität zu zeigen. Und zweitens, weil ich einem meiner Darsteller aus Imider folgen wollte (der ebenfalls eingeladen war, sich dieser Karawane anzuschließen): Omar Moujane, ein Arbeiter an der Olivenpresse, ein Soziologiestudent und einer der ehemaligen politischen Gefangenen der Protestbewegung von Imider. Vielleicht erklärt das, warum ich im Laufe des Films immer wieder auf Omar als Filmfigur zurückkomme.

Nordafrikas Paradiese als Opfer kolonialer Gewalt

Nach einer Woche, in der ich die Karawane filmisch festgehalten hatte, begann sich allerdings meine Wahrnehmung des Materials (als Teil des Imider-Dokumentarfilms) zu verändern. Dies lag größtenteils an einer Diskussion mit einem der Hauptorganisatoren der Karawane, Hamza Hamouchene, einem leidenschaftlichen Kameraden, der mich viel über die Frage der Rohstoffförderung und die Verbindung zwischen Neokolonialismus und der Umwelt gelehrt hat. Schließlich kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass ich bereits mehr Material hatte als nötig, und außerdem über eine außergewöhnliche Gruppe von Darstellern verfügte, die das Recht darauf hatten, dass ihre eigene Geschichte erzählt wurde.

Damit war "Paradises of the Earth" geboren, dessen Titel durch den großen Amazigh-Historiker Ibn Khaldoun inspiriert ist, der einst Gabes als "Paradies auf Erden" bezeichnet hatte. Im Nachhinein scheint es mir, dass Gabes nicht das einzige Paradies war. Nordafrika ist voll von Paradiesen, die der kolonialen Gewalt zum Opfer gefallen sind – ebenso wie ihre Bewohner, die "Elenden dieser Erde", wie es Fanon ausdrückte.

Außerdem entschieden wir uns, den Film als vierteilige Webdokumentation zu veröffentlichen. Dieses Medium, dachten wir, sei für das heutige maghrebinische Publikum, das schon lange nicht mehr in die Kinos geht, leichter verdaulich und besser zugänglich.

Dass wir uns entschieden, den Film frei und für alle verfügbar online zur Verfügung zu stellen, ist – abgesehen von der Tatsache, dass er mit kleinem Budget, ohne lächerliche staatliche Genehmigungen und ohne großes Team oder viel Ausrüstung gedreht wurde – unsere Art zu sagen: "Wir können nicht warten, unsere Geschichten zu erzählen. Deshalb erzählen wir sie sofort."

Nadir Bouhmouch

© Open Democracy 2017

Nadir Bouhmouch ist ein Filmemacher und Fotograf, dessen Schwerpunkt auf ländlichen und ökologischen Themen in Marokko liegt.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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