Dokumentarfilm "For Sama"

Das Mädchen aus dem Trümmerland

Der Film "For Sama" von Waad al-Kateab und Edward Watts, der bei den vergangenen European Film Awards als bester europäischer Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, wirft einen sehr persönlichen Blick auf den Krieg in Syrien und das Leiden der Zivilbevölkerung. Schayan Riaz hat ihn gesehen.

Eine Szene wie aus einem Horrorfilm: Eine schwangere Frau wird schwer verletzt in ein Krankenhaus in Aleppo eingeliefert. Sie wurde bei einem Luftangriff getroffen, ihr Körper ist jetzt voller Wunden. Die Ärzte müssen schnell handeln, also entscheiden sie sich für einen Notkaiserschnitt. Vergebens, wie es zuerst scheint. Das Neugeborene ist vollkommen reglos. Die Doktoren massieren den Rücken, klopfen leicht auf den Hintern, sie tun natürlich alles Mögliche in ihrer Macht, um diesen Säugling zu retten. Und plötzlich, wie durch ein Wunder, öffnet das Baby seine Augen. Es fängt an zu weinen.

Edward Watts' und Waad al-Kateabs "For Sama" ist gewiss nichts für schwache Nerven. Die Dokumentation ist voll mit solch unbequemen Momenten, in denen man als Zuschauer den Atem anhalten muss. Die syrische Filmemacherin und Journalistin Al-Kateab, die seit 2011 für den britischen Sender "Channel 4" über den syrischen Bürgerkrieg berichtet hat, nimmt hierbei kein Blatt vor den Mund und zeigt die unsäglichen Gräuel des Syrienkonflikts in all ihrer Deutlichkeit auf.

Kinder in Kriegsgebieten großziehen

Mehr als einmal fragt man sich beim Schauen, wie viel Tod und Elend man noch ertragen kann. Und erst Recht aus diesem Grund ist dieser Film essenziell. Denn er gewährt uns einen genuinen Einblick in den Syrienkonflikt, der über alle üblichen Schlagzeilen hinausgeht.

In einer weiteren Szene sieht man beispielsweise, wie zwei kleine Jungs ihrem Bruder nachtrauern, der von einer Rakete getroffen wurde. Sie sind fassungslos, da sie ihn gerade noch gewarnt hatten, er solle draußen nicht spielen. Sie nehmen weinend Abschied von ihm, küssen seine Leiche. Auch deren Mutter kommt ins Krankenhaus hineingestürmt, sie möchte ihren toten Sohn selbst heraustragen.

An dieser Stelle wird klar, mit welcher Frage - und in gewisser Weise auch mit welchen Schuldgefühlen - sich Waad al-Kateab als Filmemacherin, aber vor allem als Mutter, beschäftigt: Was bedeutet es, ein Kind in einem Kriegsgebiet großzuziehen, wenn man tagtäglich mitbekommt, wie andere Kinder sterben?

Ein Liebesbrief und eine Zeitkapsel

Al-Kateab macht das auf eine direkte Art – sie filmt ihre Tochter Sama und fragt sich dabei, ob sie ihr jemals verzeihen wird. Oft nimmt sie zwei Stimmen ein, einmal ihre eigene und dann auch die von Sama: "Warum hast du mich geboren? Jeden Tag herrscht Krieg, seit ich auf der Welt bin", fragt sie im Grunde sich selbst.

Dass Waad ihrer Tochter dennoch ein gutes Leben ermöglichen möchte, ist offensichtlich. Und das geht ziemlich unter die Haut: Zu Beginn sieht man, wie Waad für Sama ein Schlaflied singt. Plötzlich explodiert irgendwo draußen eine Bombe und die unschuldige Sama fängt an zu lächeln. Die Familie muss schnell in den Keller flüchten und auch dort wird Sama inmitten der Angst und Unsicherheit bei Laune gehalten.

Diesmal schneidet ihr Vater Hamza, Leiter des "Al-Quds-Krankenhauses", Grimassen und Sama muss kichern. In welcher Lage sich das Paar auch befindet, wie entsetzlich auch ihre Umstände sind, Sama muss es immer gut gehen.

"For Sama" ist allen voran ein Liebesbrief, von einer Mutter an ihre heranwachsende Tochter. Doch es geht um weitaus mehr als das: Dadurch, dass Waad al-Kateab ihre Kamera ständig laufen lässt und neben ihrer persönlichen Familiengeschichte auch den syrischen Bürgerkrieg erzählt, funktioniert dieser Film auch als Zeitkapsel.

Ohne dass die politischen Hintergründe en detail erklärt werden - dafür ist der Fokus zu sehr auf die titelgebende Sama gerichtet - bekommt man dennoch ein bestimmtes Gefühl für das Land und die Leute und wie sich diese nicht einfach unterkriegen lassen. Überall herrscht Leid, doch es wird noch geheiratet, es werden noch Kinder geboren. Leute freuen sich, wenn sie mal frisches Obst zu sehen bekommen.

Waads Hochzeit mit Hamza ist in intimen Close-Ups gedreht, sodass es sich so anfühlt, als wäre man mittendrin. Später, wenn Waad schwanger wird und dies vor einem Spiegel stehend zum ersten Mal ausspricht, dann erlaubt sie dem Zuschauer wieder Teilhabe an einem sehr persönlichen Augenblick.

Hoffnung für die Zukunft

Ähnlich geht es in Feras Fayyads Dokumentarfilm "The Cave" zu, mit dem "For Sama" im Dialog steht. Der Film handelt von einem unterirdischen Krankenhaus in der Region Ghouta. Dort wurden im Sommer 2013 Giftgasangriffe auf Zivilisten verübt und Fayyad zeigt, wie die Ärztinnen ihren Patienten trotz der schrecklichen Situation Mut zusprechen, Scherze machen und auch mal Geburtstag auf der Station feiern. Kurzum: Das Leben geht weiter, auch im Krieg. Aus solchen Szenen wird ein wenig Hoffnung geschöpft, wie auch bei den vorgenannten Szenen in "For Sama".

Inzwischen weiß man, dass Waad al-Kateab in London lebt. Sie hat es geschafft, mit ihrer Familie aus Syrien zu flüchten und Sama wird daher glücklicherweise nicht im Krieg aufwachsen. "For Sama" hat viele namhafte Filmpreise gewonnen und zurecht weltweite Anerkennung erfahren. Doch man muss auch an all die zurückgebliebenen Kinder in Syrien denken, für die der Krieg nach wie vor furchtbare Realität ist. Man muss an den kleinen Jungen denken, der Waad im Film erzählt, dass er später einmal Architekt werden möchte, damit er Aleppo wieder aufbauen kann. Man wünscht es ihm wirklich von ganzem Herzen.

Schayan Riaz

© Qantara.de 2020

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