Ein Tanz für die Freiheit

Ballettaufführungen sind in der Islamischen Republik verboten. In ihrem Film "1001 Nights Apart" dokumentiert die Regisseurin Sarvnaz Alambeigi die Geschichte des Tanzes im Iran. Von Fahimeh Farsaie

Von Fahimeh Farsaie

Selbst unter dem Schah waren die Kunstformen Ballett und Oper in der iranischen Gesellschaft der 1970er Jahre verpönt. Zwar war bereits 1958 die Iranian National Ballett Company vom Kulturministerium gegründet worden. Der Mehrheit der Bevölkerung fiel es jedoch schwer, sich mit der Kunstform anzufreunden. Überleben konnte das Ensemble, das zuletzt aus etwa fünfzig Tänzern und Gasttänzern bestand, nur mit staatlichen Subventionen. So wurden in den 21 Jahren seines Bestehens zahlreiche Werke des klassischen und modernen Ballettrepertoires inszeniert.

Die Islamische Revolution setzte den Aktivitäten der einzigen staatlichen Ballettinstitution des Iran jedoch 1979, unmittelbar nach dem Sturz von Schah Mohammad Reza, ein Ende. Das letzte Stück, das diese bekannteste und anerkannteste aller Tanzkompanien im Nahen Osten auf der Bühne der Rudaki-Halle aufführte, war das Dornröschen-Ballett von Pjotr Iljitsch Tschaikowski.

Seltene Filmaufnahmen

Diese Geschichte lässt die iranische Filmemacherin Sarvnaz Alambeigi am Anfang ihres Dokumentarfilms "1001 Nights Apart“ in Anwesenheit von zehn jungen Tänzern Revue passieren. Zuvor hatte sie seltene Filmaufnahmen und Fotos im Archiv des alten Nationalballetts entdeckt. Mit Freude und Ehrfurcht schauen sich die jungen Tänzer die Aufnahmen an, lernen ihre Vorreiter kennen und erfahren, dass die Gründer des Nationalballetts Nedjad Ahmadzadeh und seine Frau Haydeh waren.

Die junge Tanztruppe des Films trifft sich in einem versteckten unterirdischen Raum irgendwo in Teheran und entwickelt kleine Choreografien, die sie ohne fachliche Leitung tanzt. Im Off erzählt die Filmemacherin, dass die Begeisterung der ambitionierten Gruppe sie auf die Idee brachte, die alte und die neue Generation iranischer Tänzer zusammenzubringen. So beginnt ihre Suche nach den einst international anerkannten Tänzern, die nach der Revolution ins Exil gezwungen wurden. Der Teheraner Tanzgruppe ist wenig von der vielfältigen Geschichte des iranischen Tanzes bekannt: Sie ist heute ein Tabuthema.

 



 

Heimliche Proben

Während die Gruppe in ihrem versteckten Studio in Teheran kurze Choreografien über Fragen von Sexualität, Glauben, Gesellschaft oder Feminismus einstudiert und ihre Interpretationen tanzt, versucht das Filmteam, die Ex-Tänzer im Ausland ausfindig zu machen und sie für eine Zusammenarbeit mit der jungen Generation in Teheran zu gewinnen.

Um diese zwei Handlungsstränge authentisch zu erzählen, bedient sich Sarvnaz Alambeigi nicht nur des alten Bild- und Archivmaterials, sie bezieht sich auch auf Fakten, Erzählungen in den Begleitkommentaren und Interviews. Mit ihrer Kamera beobachtet sie die anmutigen oder auch furchterregenden Bewegungen im schlichten Raum der Tanzgruppe. Es gibt nicht viele Requisiten in der Halle. Mit Kreide malen die Tänzer Kreise auf den Boden, um ihre Bewegungsmöglichkeiten zu markieren. "Ich bin kein Tänzer“, sagt ein Mitglied des Tanzteams. "Unser Tanz ist kein Ballett. Das sind nur Körperübungen.“

Vor allem versuchen sie, ihre pure Wut körperlich zum Ausdruck zu bringen und sich ihren Frust von der Seele zu schreien. Es gelingt ihnen mühelos.

Die Gegenwart

Ihnen allen ist indes bewusst, dass sie etwas Verbotenes tun. Das tun sie allerdings mit Freude. "Wir arbeiten im Untergrund, unglücklich sind wir aber nicht“, sagt eine Frau aus der Gruppe und fügt hinzu: "Wir sind keine Opfer, wir sind starke Kämpfer und voller Energie.“ Und eine andere Stimme sagt: "Ich glaube nicht daran, dass das Leben einfach sein sollte.“

 

 

Und warum tanzen sie überhaupt? "Es gibt eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden muss“, sagt ein Mann und zeigt auf die Gruppe: "Und sie hier sind diese Geschichte.“

Sarvnaz Alambeigi erzählt deshalb die Vita zweier Mitglieder des Tanzteams; einer Frau und eines Mannes. Die Frau kommt aus einer streng religiösen Familie: "Meine Schwester wird bald acht Jahre alt. Mein Vater will, dass sie demnächst Kopftuch trägt.“ Dass sie tanzt, hat sie vor ihnen selbstverständlich geheim gehalten.

Der junge Mann kommt aus der Provinz Kashan und ist in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Vor der Kamera sitzt die verschleierte Mutter auf dem Boden, der Vater sitzt auf einem weißen Stuhl, um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Er findet es schlimm, dass der Sohn "Tänzer“ ist. Seine Meinung interessiert jenen aber nicht: "Ich will ein selbstbestimmtes Leben führen“, sagt er.

Das Ende der Geschichte

Unter den ehemaligen Tänzern, mit denen die Regisseurin Kontakt aufgenommen hat, gibt es schließlich doch einen Exil-Tänzer, der sich für seine mutigen Fans in Teheran interessiert. Er arbeitet inzwischen als Bühnentechniker am bekannten Scapino Ballett in Rotterdam und kann den Direktor überzeugen, die junge Gruppe aus Teheran nach Rotterdam einzuladen. Alle fiebern der Abreise entgegen. Dann töten die USA den iranischen Generalmajor Ghasem Soleimani und die Visa werden nicht erteilt.

Sarvnaz Alambeigi arbeitet mit langen Einstellungen, wenig Schnitten und Off-Kommentaren. Die Musik im Film erzeugt nicht nur die dichte Atmosphäre, sie ist auch Untermalung. Die immer gleichen Körperbewegungen der Gruppe, die sich ohne Musik zur rechten und linken Seite beugen, um Langeweile und Wiederholung zum Ausdruck zu bringen, sorgen selbst für eine Art optischen Rhythmus.

Kurz und bündig: Der Film "1001 Nights Apart“ ist einfühlsam und überraschend redlich – ein Tanz für die Freiheit.



Fahimeh Farsaie

© Iran Journal 2023