Diskussionsreihe: Yassin al-Haj Saleh: Syria 1979 - The Long Crisis

26.06.2019 - 19:00 Uhr bis 21:00 Uhr
Aquarium
Skalitzer Str. 6
10999 Berlin

Yassin al-Haj Saleh: Syrien 1979 - Die lange Krise: Von Assad´s Besitzergreifung des Staates zur Besitzergreifung der Gesellschaft

Geht es um das Jahr 1979 als historische Zeitenwende in Westasien, wird Syrien zumeist nicht genannt. Dabei stellt dieses Jahr auch hier einen bedeutenden Einschnitt dar. Der Tyrann Hafiz al-Assad herrschte seit neun Jahren, als es zu einem brutalen Massaker mit sektiererischem Hintergrund in Aleppo kam. Die bis zu 83 Opfer waren größtenteils Alawiten, die Täter radikale Islamisten.

Das Massaker prägte die soziale und politische Entwicklung in Syrien bedeutend. Zur selben Zeit protestierten Teile der organisierten Arbeiterschaft, Studierende und Linke für Demokratie, einen verfassungsmäßigen Staat und Bürgerrechte. Der Staat antwortete mit brutaler Gewalt und Massenfestnahmen – darunter auch der Redner dieses Vortrags.

Das Maß der Auswirkungen wurde bis heute nicht ausreichend erforscht.

Nichtdestotrotz ist es wahrscheinlich, dass die Entwicklung des Assad-Regimes zu einem „dynastischen Neo-Sultanat“ teilweise eine direkte Antwort auf das Massaker von 1979 und die damit zusammenhängenden Probleme war. In dem darauffolgenden Jahr kam es wiederholt zu Massakern in ganz Syrien, die schließlich 1982 im Massaker von Homs ihren traurigen Höhepunkt fanden. All diese Aktionen hatten genozidale Elemente, argumentiert Yassin Al-Haj Saleh.

Das Jahr 1979 ebnete demnach auch den Weg zur Ausradierung jeglicher organisierter politischer Opposition in Syrien. Die davon ausgehenden Entwicklungen bestimmten das politische Leben in den folgenden Jahrzehnten. Ein Blick auf die Ereignisse vor vierzig Jahren kann helfen, die Herrschaft der Assad-Familie zu analysieren sowie die Tragödie, die sich seit nunmehr 99 Monaten im Land abspielt.

Der Referent:
Yassin al-Haj Saleh, geboren 1961 Raqqa (Syria), ist ein linker Dissident, ehemaliger politischer Gefangener und Mitbegründer der Plattform Al-Jumhuriya, auf der syrische Autor*innen seit 2012 ihre Gedanken zu politischen, kulturellen, sozialen und anderen Fragen kundtun, die sich im Zuge der syrischen Revolution und des anhaltenden Konflikts entwickelt haben (http://aljumhuriya.net). Al-Haj Saleh ging zu Beginn des Aufstandes im März 2011 in den Untergrund und musste 2013 ins Exil. Sein Buch The Impossible Revolution: Making Sense of the Syrian Tragedy erschien im Jahr 2017 bei Hurst Publishers. Sechs weitere Bücher von ihm erschienen auf Arabisch.

Diese Veranstaltung ist Teil der Reihe “Fokus 1979: Neue Perspektiven auf ein Jahr epochaler Umbrüche für Westasien, Nordafrika und die Welt”.

Vortragssprache ist Englisch. Eine Flüsterübersetzung wird angeboten.