Dinçer Güçyeters Roman "Unser Deutschlandmärchen"
Die Realität, ein grausames Märchen

Der Debütroman des preisgekrönten Lyrikers Dinçer Güçyeter ist eine Tour de Force durch die bundesdeutsche Wirklichkeit, die er als Künstler und Sohn türkischer Einwanderer erfahren hat. Schonungslos und literarisch ambitioniert. Gerrit Wustmann hat das Buch für qantara.de gelesen.

Märchen sind schön. Märchen sind grausam. Beides kann man auch über Dinçer Güçyeters Debütroman "Unser Deutschlandmärchen“ sagen. Eine episodische autobiografische Erzählung, eine autofiktionale Familiengeschichte, ein ambitioniertes Spiel mit der Form des Erzählens, das sich nicht scheut, den mehrstimmigen Text mit Gedichten und szenischen Passagen aufzulockern, mit Fotos, mit Traummonologen. Es ist eine Einwanderungsgeschichte ebenso wie eine Künstlergeschichte, ein zutiefst feministisches, vor allem aber ist es ein brutal offenes und schonungsloses Buch.

"So langsam begriff ich: Wo Menschen zusammenkamen, endete jede Zivilisation, jede Gerechtigkeit. Jeder kämpft um seine eigene Machtstellung“, heißt es in einem der letzten Kapitel, und so ist es wohl, wenn man ehrlich ist: In der Politik und der Wirtschaft, am Arbeitsplatz und in der Familie, in der Theaterszene kein Stück weniger als am Förderband. Um all diese Milieus geht es in Güçyeters Buch – und um so viel mehr.

Dinçer Güçyeter, Jahrgang 1979, hat im Alter von 16 Jahren eine Ausbildung zum Dreher begonnen. Heute ist er Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Theatermacher, Herausgeber, Verleger und fährt in Teilzeit Gabelstapler.

Der Lyriker und Autor Dincer Guecyeter; Foto: SWR/dpa/picture-alliance
Romandebüt des preisgekrönten Lyrikers Dinçer Güçyeter: Es ist ein manchmal leises, sanftes, verletzliches Buch, oft aber ein ebenso wütendes, verletztes, aufbegehrendes Buch. "Vor allem aber ist es ein virtuos komponiertes Sprachkunstwerk, dem man sich nicht entziehen kann,“ schreibt Gerrit Wustmann. "Jörg Fauser sagte einmal: 'Der Dichter ist ein Lumpensammler.‘ Bei Dinçer Güçyeter denkt man daran, wenn er schreibt: 'Ich suche noch immer meine eigene Sprache, das Gefundene stelle ich wie Sperrmüll auf den Bordstein, gehe nochmal raus, auf die Straßen, durch die Nacht, suche was Neues...‘“.

Er hat für seine Gedichte in diesem Jahr den Peter Huchel-Preis erhalten und ist durch und durch das Kontrastprogramm zur akademischen deutschen Kulturszene, der er gnadenlos den Spiegel vorhalten kann, siehe zuvor erwähntes Zitat, das zwar in einem anderen Kontext steht, hier aber nicht minder zutreffend ist.

Um Selbstsuche geht es und um Haifischbecken; um die Grausamkeit des Lebens und um seine Schönheit.

Der Mann bringt nicht allzuviel ein ins neue Leben

Güçyeters Eltern kamen in den 1960er Jahren nach Deutschland. Ihre Ehe fußte nicht auf Liebe, ihre Auswanderung auf der Hoffnung, es mal besser zu haben als die eigenen Eltern, nur um rasch ernüchtert zu verstehen, wie man sie hier sah: Ein Blick, der sich in dem Wort "Gastarbeiter“ überdeutlich ausdrückt.

Der Roman wird vorwiegend von drei Stimmen erzählt: Dinçer, Mutter Fatma und, zu Beginn, Großmutter Hanife, die im anatolischen Dorf bleibt, während ihre Tochter mit Ehemann Yılmaz nach Nettetal geht (wo der Sohn, der Autor, bis heute lebt).

Und nahezu vom ersten Tag an ist es Fatma, die die Familie zusammenhält, während ihr Mann zwar eine große Klappe hat, aber sonst nicht allzuviel einbringt in das neue Leben. Plötzlich steht sie mit den Schulden da, die er gemacht hat, und auch als er eine Kneipe eröffnet, wird es kaum besser.

Man ahnt früh, warum der Vater nicht zu den Erzählstimmen gehört ist. Er verleiht Geld, das er nie zurückbekommt, die Gäste bedienen sich am Kühlschrank. Er ist einfach zu gutmütig, der Geschäftsmann liegt ihm nicht.

Fatma schuftet derweil in der Fabrik und auf dem Feld, versorgt nicht nur die eigene Familie, sondern auch die Kinder von Verwandten, kümmert sich nach dem Militärputsch in der Türkei um Geflüchtete, das Haus ist voll, und nach wenigen Jahren macht ihr Körper nicht mehr mit.

Sie wird krank. Steht auf. Macht weiter. Kümmert sich um junge Frauen, die von zu Hause abgehauen und in den Händen von Zuhältern gelandet sind, bringt sie zu ihren Eltern zurück: "Die Mütter werden sofort weich und wollen ihre Kinder wieder aufnehmen, bei den Vätern und Brüdern ist es schwieriger. Diese Männer, die bei jeder Möglichkeit sabbernd hinter jeder Frau herlaufen, die sind fest überzeugt, dass die Familienehre über alles geht, diese Dummköpfe!“

 

 

Bücher lesen statt Fußball spielen

Aber ist das nicht überall so? Diese Mutter, die schier Übermenschliches leistet, kann mit den literarisch-künstlerischen Ambitionen ihres Sohnes nichts anfangen; dass er Bücher liest, anstatt Fußball zu spielen, zermürbt sie. Arbeiten soll er, ein Arbeiter werden, der mit seinen Händen Geld verdient. Deswegen besteht sie auf der Ausbildung, die Einwände will sie nicht hören. Dinçer hat es nicht leicht in dieser rohen Welt.

Während die Kollegen in der Pause mit ihren sexuellen Abenteuern prahlen, zieht er sich in die Werkhalle zurück und liest Dostojewski. Als er bei einem Türkeiurlaub um ein geschlachtetes Lamm weint, setzt es aus bei Fatma: Sie glaubt, versagt zu haben in dem Versuch, aus ihrem Sohn einen Mann zu machen.

Und dann: Mölln, Solingen, NSU. Nach Jahrzehnten der harten Arbeit, der Entwurzelung, des Versuchs, sich etwas aufzubauen, ist da auch noch die ständige Angst vor den rechtsextremen Mördern, den Wiedergängern aus der "Restmülltonne der Geschichte“, denen dieser Staat kaum etwas entgegensetzt, und wie wir heute wissen: Die Versager vom Verfassungsschutz am allerwenigsten. Märchen sind grausam, aber mit der Realität können sie einfach nicht mithalten.

Das klingt, als sei es ein schweres Buch, ein bedrückendes. Einerseits ist es das und muss es auch sein, denn es beschreibt Realitäten, denen sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft endlich stellen muss, vor denen sie sich keinen Tag länger wegducken darf. Das ist die eine Seite.

Glaube an den eigenen Traum

Natürlich ist da auch die andere: Die Kindheit in den Achtzigern im Arbeitermilieu; die Sommer in Anatolien; die erste Reise nach Istanbul; die unbändige Neugier des jungen Dichters auf der Suche nach seiner Sprache und Stimme und sein unbedingter Wille, diesen Traum zu leben und eben auch seiner Mutter zu zeigen: Es gibt mehr Welten als diese, es gibt mehr als du kennst, und wenn du schon nicht an mich glaubst, dann tue ich es eben selbst!
 

 

Es ist ausgerechnet ein Amtsrichter, der den Güçyeters mit seiner Unterstützung nicht nur aus der Schuldenfalle hilft, sondern auch Dinçers Talent entdeckt, ihn mit Büchern versorgt und ihm schließlich die erste Lesung organisiert, zu der die Lokalpresse meint: Ist doch viel authentischer und interessanter als all die Walsers, die sonst hier auftreten.

"Der Mensch weiß, was er nehmen kann“, sagt Fatmas Stimme im Buch, "Das Geben ist die Würde einer geschliffenen Seele. Wo diese fehlt, wo der Mensch als Schuldner steht, kann er schamlos, ohne Gewissen Missgunst verbreiten.“ Sie sagt das als Reaktion auf den Naziterror nach der Wende.

Als sie zwanzig Jahre später in ihrem Viertel an den Wahlplakaten der Rechtsradikalen vorbeilaufen muss, ist sie entsetzt. Man liest diese Zeilen und ist ebenso beschämt wie diese Frau und Mutter, die auch beispielhaft für so viele steht, deren Lebensleistung endlich gewürdigt werden muss.

Dinçer Güçyeter macht sie sichtbar in diesem Debütroman, der ein manchmal leises, sanftes, verletzliches Buch ist, oft aber ein ebenso wütendes, verletztes, aufbegehrendes Buch. Vor allem aber ist es ein virtuos komponiertes Sprachkunstwerk, dem man sich nicht entziehen kann. Jörg Fauser sagte einmal: "Der Dichter ist ein Lumpensammler.“ Bei Dinçer Güçyeter denkt man daran, wenn er schreibt: "Ich suche noch immer meine eigene Sprache, das Gefundene stelle ich wie Sperrmüll auf den Bordstein, gehe nochmal raus, auf die Straßen, durch die Nacht, suche was Neues...“.

Gerrit Wustmann

© Qantara.de 2022

Dinçer Güçyeter, "Unser Deutschlandmärchen",  Verlag mikrotext 2022

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