Trotz aller Schwierigkeiten glaubt Halawa, dass Start-ups eine große Chance für Jordanien bedeuten. Sie bringen neue Ideen in eine konservative Gesellschaft und flexible Lösungen für einen starren Arbeitsmarkt. "Man muss sie fördern und ihnen Zeit geben." So wie bei der jungen Unternehmerin Alaa Suleiman. Ihr gelang eine wichtige kulturelle Innovation.

Die gelernte Tontechnikerin hat immer gerne Hörbücher genossen, wenn sie im Auto unterwegs war. Allerdings nur auf Englisch, denn arabische Hörbücher gab es zu Beginn des neuen Jahrtausends noch nicht. Eine schmerzliche Lücke, wie sie fand.

Im Jahr 2010 hat sie zusammen mit ihrem Bruder Ala Masmoo3 gegründet, das erste Unternehmen im Nahen Osten, das Hörbücher in arabischer Sprache produziert. Nach einer euphorischen Anfangsphase und einer massiven Krise in 2014 konnte sich Masmoo3 (deutsch "gehört") ab 2018 konsolidieren.

Neben einem eigenen Angebot von rund 100 Büchern für Erwachsene und 350 Kinderbüchern produziert die kleine Firma mit einem winzigen Büro an einer unscheinbaren Geschäftsstraße in Amman auch für Verlage in den Emiraten, Saudi-Arabien und Ägypten. 2.000 Titel will Suleiman bis 2020 im Programm haben. "Hörbücher bieten gerade denjenigen in der Region, die nicht Lesen und Schreiben können, einen anderen Zugang zu Wissen und Unterhaltung", sagt sie.  

Schlechte berufliche Integration von Frauen

Werbekampagne Parachute 16; Quelle: Facebook
Innovativ und kreativ: Mit Parachute 16 gelang Start-up-Gründer Halawa der Durchbruch. Die Agentur hat mittlerweile 14 fest angestellte Mitarbeiter und einen größeren Kreis von 70 externen Beratern. Sie bietet ihre Dienstleistung erfolgreich im ganzen Nahen Osten an.

Es ist kein Zufall, dass viele Frauen in der Start-up-Szene aktiv sind. "Das liegt an einer veränderten Arbeitskultur bei den Digital-Projekten", meint Khaleel Najjar von der nichtstaatlichen Organisation Mercy Corps. "Sie machen es zum Beispiel möglich, von Zuhause aus zu arbeiten."

Das bedeute eine Chance für Frauen, sagt er. Frauen sind in Jordanien schlecht in den Arbeitsmarkt integriert: Nur 15 Prozent aller Frauen sind formal beschäftigt, eine auch im regionalen Vergleich sehr niedrige Zahl. Fehlende Kinderbetreuung, schlecht ausgebauter öffentlicher Nahverkehr und kulturelle Barrieren sind dafür verantwortlich, dass es auch gut ausgebildete Frauen auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer haben, obwohl sie heute die Mehrzahl der Universitätsabsolventen stellen.

Mercy Corps hat ein dreijähriges Programm zur Unterstützung von digitalen Start-ups aufgelegt.  Eines der ersten unterstützten Projekte war die Geschäftsidee von Mohammed Battikhi mit Bilforon (deutsch "Aus dem Ofen"). Der Jungunternehmer bietet Frauen aus sozial benachteiligten Schichten eine neue Chance.

Er startete 2016 mit seinem Online-Catering und -Lieferservice mit hausgemachten, traditionellen Gerichten. Sie stellen nicht nur eine gesunde und auch kostengünstige Alternative zu den Fast-Food-Gerichten internationaler Ketten, die in Amman überall aus dem Boden schießen. Beim Kochen können sich Frauen, darunter auch syrische Flüchtlinge, ein eigenes Einkommen erwirtschaften.

"Viele Frauen haben Geschäftspotenzial, aber es fehlt ihnen an geeigneten Werkzeugen und Ressourcen, um es zu nutzen", sagt Battikhi. Er konnte seine Geschäftsidee mit einem Kredit von Mercy Corps starten.

Die Beschaffung von Startkapital ist eines der Hauptprobleme für die jungen Gründer. Bankkredite kann sich kaum jemand leisten.

"Jede Bäckerei schafft mehr Arbeitsplätze als eine digitales Start-up Unternehmen", sagt Ghassan Halawa. Ein Allheilmittel gegen die wirtschaftlichen Probleme des Landes sind digitale Start-ups deshalb nicht. Aber sie stehen für eine neue, weniger hierarchische Arbeitskultur, sie bieten all jenen Chancen, die etwas Neues ausprobieren möchten.

Claudia Mende

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