"Die Wunden unserer Brüder" von Joseph Andras: Romanvorstellung - Ammar Braik

28.06.2019 - 20:00 Uhr bis 21:30 Uhr
Galerie Arabeske - Kulturzentrum der Freunde Arabischer Kunst und Kultur e.V.
Dossenheimer Landstraße 69
69121 Heidelberg

„Du bist Franzose, die werden dich am Leben lassen, keine Sorge.
Nein, unterbricht ihn Fernand, ich bin Algerier.“

Nach fast 130 Jahren der Massaker, Genozid, Vertreibung, Hunger und Enteignung entschied sich das algerische Volk, ob Moslems, Christen, Juden oder Kommunisten, am 01 November 1954, die Nacht der Kolonialzeit mit Waffen zu beenden und sich seine Unabhängigkeit und seine Würde unter der Führung der FLN von der Kolonialmacht Frankreich zu erkämpfen.

Einer von den Millionen Algeriern, die sich ohne „Wenn und Aber“ und koste „was es wolle“ von Anfang an für den Weg der Unabhängigkeit entschieden haben, war Fernand Iveton – Ein Algerier europäischer Abstammung.

Fernand Iveton ist Anfang dreißig, als er am 14 November 1954 versucht, eine Bombe in seinem Betrieb zu legen. Die Bombe soll erst nach dem Feierabend und in einem verlassenen Gebäude der Gasfabrik detonieren. Es sollen keine Menschen zum Opfer fallen und das ist die Bedienung für seine Zustimmung, die Bombe zu platzieren. Seine Geste soll ein Zeichen dafür sein, dass es an der Zeit ist, sich für sein Ideal mit Taten zu engagieren.

Noch vor der Detonation wird er von seinem Vorarbeiter entdeckt und denunziert und von den Militärs, die über die vollen Sicherheitsbefugnisse, die sogenannten „Pouvoirs Speciaux“, verfügen, verhaftet. Die „Pouvoirs Speciaux“, von der Zivilregierung unter der Führung der Sozialisten vergeben, erlauben den Militärs außerhalb der geltenden Gesetze Verdächtige zu verhaften, foltern und ohne Gerichtsbeschluss zu liquidieren und verschwinden zu lassen.

Nach tagelanger Folter und Erniedrigungen wird er von einem Militär Gericht zu Tod verurteilt. Drei Monaten später, nach dem sein Begnadigungsgesuch von der damaligen sozialistischen Regierung und vor allem von den Justizminister Francois Mitterand abgelehnt wird, wird er am 11 Februar 1957 mit zwei anderen Algeriern im Gefängnis von Algier guillotiniert. Seine Hinrichtung soll als Exempel dienen. Sartre schreibt 1958 über die Hinrichtung von Iveton „Wir sind alle Mörder“.

Josef Andras gibt Iveton sein Leben zurück, in dem er seine Verhaftung, sein Prozess und seine Hinrichtung in einer poetischen Sprache und in realen, scharfen und grausamen Bildern erzählt.

Rückblickend wird dessen privates Leben – die Kindheit in einem arabischen Viertel von Algier, sein Leben als Fabrikarbeiter mit kommunistischen und antikolonialen Überzeugungen, der Tod seines besten Freundes unter den Kugel der französischen Armee und die Liebe zu seiner Frau Hélène, geschildert.

Das kurze doch intensive Leben von Iveton erteilt uns eine noble Lektion in Sachen Überzeugung, Engagement, Mut, und Opferbereitschaft für die gerechte Sache.

Kurz bevor das Beil seinen Kopf trennte, sagte er: „Das Leben eines Menschen, meins, zählt wenig. Was zählt ist Algerien, seine Zukunft, ich werde sterben aber Algerien wird unabhängig.“

„Joseph Andras hat ein kurzes Meisterwerk geschrieben. Ein geschliffener Roman, einfühlsam, ergreifend, Klug.“ (Mediapart)

„Dieses Buch ist eine Lektion in Mut.“ (L’ Humanité)

„Ein wahrhaftiges und poetisches Debüt. Kurz und dicht birgt es eine unerhörte Kraft.“ (Le Monde)

Joseph Andras (* 1984) ist ein französischer Schriftsteller. Es soll sich bei Joseph Andras um ein Pseudonym handeln. Andras selbst meidet die Medienpräsenz vollständig, Daher ist wenig über seine Identität oder Biografie bekannt.

Für sein Erstlingswerk „De nos frères blessés“ (deutsch 2017 unter dem Titel Die Wunden unserer Brüder erschienen) wurde Andras 2016, zwei Tage vor der eigentlichen Veröffentlichung des Buches, mit dem Prix Goncourt – die höchste Auszeichnung in Frankreich, für seinen Debütroman ausgezeichnet. Den Preis lehnte er jedoch mit der Begründung Wettbewerb, Konkurrenz und Rivalität sind in seinen Augen fremde Eigenschaften, die nicht zu der Literatur gehören, ab. Für ihn deckt sich sein Begriff von Literatur nicht mit der Idee eines Wettbewerbs.

Er engagierte sich für die Pressefreiheit in der Türkei und gegen die Verhaftung der Journalisten.
2018 verbrachte er zwei Monaten bei der Armee für die nationale Befreiung Chiapas in Mexiko.
Er schreibt öfter über Poesie in der Zeitung der französischen kommunistischen Partei L’Humanité.

In Kooperation mit dem Eine Welt Zentrum Heidelberg e.V. während der 26. Afrikatage Heidelberg/Mannheim 21.6.-21.7.2019