Die Vereinigten Arabischen Emirate unter Druck

Wo ist Dubais Prinzessin Latifa?

Dubai achtet sehr auf sein Image als einer weltoffenen Metropole am Golf. Doch die schöne Fassade hat Risse bekommen: Prinzessin Latifa, die Tochter des Emirs von Dubai, ist verschwunden und niemand weiß, ob sie noch lebt. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Menschenrechtslage in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Hintergründe von Jennifer Holleis

Der Emir von Dubai, Scheich Mohammed bin Rashid al-Maktum, hat sehr viel investiert, um sein Land aus einem staubigen, ölabhängigen Flecken mitten in der Wüste in ein modernes, innovatives und attraktives Ziel für Unternehmen und Touristen gleichermaßen zu verwandeln. Erst in der vergangenen Woche machten die Vereinigten Arabischen Emirate, zu denen auch Dubai gehört, Schlagzeilen damit, dass sie mit ihrer eigenen Weltraummission den Mars erreichten.

Einige Tage später jedoch geriet der 71-jährige Milliardär, seit 2006 Vizepräsident und Premierminister der Emirate, durch andere Nachrichten in den Fokus der Weltöffentlichkeit, die er selbst sicher lieber vermieden hätte. Denn die Vereinten Nationen, Politiker aus aller Welt und verschiedene Menschenrechtsorganisationen richteten ihren Blick auf das Schicksal einer seiner Töchter, Prinzessin Latifa bint Mohammed al-Maktum.

Die dunkle Seite der Glitzerwelt

Prinzessin Latifa ist eine von rund 30 Kindern des Scheichs und hat zwei Schwestern, die denselben Vornamen tragen. Im März 2018 war sie mit einem Segelboot Richtung Indien geflohen, dann aber zur Rückkehr gezwungen worden. Seit diesem Fluchtversuch wird sie in einer "Gefängnisvilla" festgehalten.

Tiina Jauhiainen und David Haigh, Mitbegründer der Kampagne "Befreit Latifa!", haben nun heimlich aufgenommene Videos aus dieser Villa veröffentlicht, nachdem sie über sechs Monate lang nichts mehr von Latifa gehört hatten.  "Wir haben den Kontakt zu ihr verloren", sagt Tiina Jauhiainen gegenüber der Deutschen Welle, "doch ich bin mir sicher, dass sie noch lebt."

Die finnische Fitnesstrainerin ist nach ihren eigenen Angaben Latifas beste Freundin. Sie setzt nun alle Hoffnungen auf US-Präsident Biden, nachdem dieser auch schon seinen Einfluss bei der  Freilassung der saudi-arabischen Menschenrechtsaktivistin Ludschain al-Hathlul geltend gemacht haben soll.

Ihr Kollege David Haigh ist Latifas Anwalt und arbeitet für "Detained International", einer Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Großbritannien, die Rechtsbeistand für Flüchtlinge weltweit anbietet. Haigh appellierte auch an den Staatschef der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Khalifa bin Zayid al-Nahyan und dessen Kronprinzen Scheich Mohammed bin Zayed bin Sultan al-Nahyan, den Emir von Dubai, Scheich Al-Maktum, anzuweisen, "seine in Geiselhaft gehaltene Tochter unverzüglich freizulassen und so diesen elterlichen Machtmißbrauch und die Menschenrechtsverletzung zu beenden, die den Ruf der Vereinigten Arabischen Emirate schwer beschädigt und die Welt entsetzt" hätten.

Bereits die zweite verschwundene Prinzessin

Amnesty International, Human Rights Watch, die Vereinten Nationen und zahlreiche Politiker folgten diesem Aufruf und forderten ihrerseits Scheich Al-Maktum auf, Beweise vorzulegen, dass Prinzessin Latifa noch am Leben sei.

Hiba Zayadin, Expertin für die Golfregion bei Human Rights Watch, weist darauf hin, dass auch Latifas ältere Schwester, Prinzessin Schamsa, "nicht mehr gesehen wurde, seit sie im Jahre 2000 auf offener Straße in Cambridge gekidnapped worden ist." Im Jahr 2019 kam eines der obersten Gerichte Großbritanniens, der High Court of Justice in London, zu dem Schluss, dass die jetzt rund 40-jährige Schamsa entführt, nach Frankreich geflogen und mit Gewalt zur Rückkehr nach Dubai gezwungen worden sei. "Damit beleuchtete das Gericht, wie die Vereinigten Arabischen Emirate die Rechtsstaatlichkeit grob missachten – sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Landesgrenzen", so Zayadin.

Unterstützer von Amnesty International demonstrieren in Helsinki, Finnland, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit für Prinzessin Latifa zu erhöhen; Foto: Martti Kainluainen/Lehtikuval/picture-alliance
Der internationale Druck zur Freilassung von Latifa wächst: Tiina Jauhiainen und David Haigh, Mitbegründer der Kampagne "Befreit Latifa!", haben letzte Woche heimlich aufgenommene Videos aus der Villa veröffentlicht, in der Prinzessin Latifa festgehalten wird. Sie hatten zuvor über sechs Monate nichts mehr von Latifa gehört. "Wir haben den Kontakt zu ihr verloren", sagt Tiina Jauhiainen, "doch ich bin mir sicher, dass sie noch lebt." Die finnische Fitnesstrainerin setzt nun ihre Hoffnung auf US-Präsident Biden, der seinen Einfluss bereits bei der Freilassung der saudi-arabischen Menschenrechtsaktivistin Ludschain al-Hathlul geltend gemacht haben soll.

"Dubai profitiert von einem repressiven Umfeld, in dem es sich selbst als Bastion des Liberalismus darstellen kann. Aber hinter seiner glitzernden Fassade steckt eine deutlich hässlichere Realität, in der Kritiker eingesperrt und die Rechte von Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten eingeschränkt werden", erklärt Kenneth Roth, Geschäftsführer von Human Rights Watch: "Es ist auch eine Realität, in der der Herrscher von Dubai seine erwachsene Tochter einsperrt, weil sie einem Leben unter seiner strengen Kontrolle entfliehen wollte." 

Der Sprecher des Flüchtlingskomissariats der Vereinten Nationen UNHCR, Rupert Colville, bestätigte, dass "wir diese neuen Entwicklungen innerhalb der Vereinigten Arabischen Emirate sicherlich zur Sprache bringen werden".

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass ein im März 2020 ergangenes britisches Gerichtsurteil den Emir von Dubai bereits für die Entführung von Latifa und einer weiteren Tochter, Sheikha Shamsa, verantwortlich macht. Das gleiche Gerichtsurteil befand Scheich Mohammed bin Rashid al-Maktum für schuldig, seine sechste Ehefrau, Prinzessin Haja Bint al-Hussein, eingeschüchtert zu haben. Letztere hatte im Sommer 2019 für internationales Aufsehen gesorgt, als sie mit ihren acht und zwölf Jahre alten Kindern nach Großbritannien geflohen war. Der Emir wies damals alle Vorwürfe zurück.

Der schöne Schein und die Wirklichkeit

Mit großer Sorgfalt und viel Geld hat Dubai sich sein Image als einer weltoffenen Metropole, als Steuerparadies für Unternehmen und globales Finanzzentrum geschaffen. Das Emirat präsentiert sich deutlich liberaler als seine Nachbarn Saudi-Arabien, Oman oder Katar.

Luxushotels und zahlreiche Attraktionen haben Dubai in einen Touristenmagneten verwandelt. Der Tourismus machte im Jahr 2019 rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus – Tendenz steigend. 

Dabei setzt Dubai – weil es an geschichtsträchtigen oder landschaftlichen Höhepunkten fehlt – voll auf Konsum. Außerdem ist das Emirat eine beliebte Destination für Influencer.

 

Sie profitieren durchaus von den jüngsten Gesetzesreformen im Land, wonach unverheiratete Paare zusammen leben und Personen über 21 Jahren Alkohol kaufen und zuhause konsumieren dürfen. Sogenannte "Ehrenmorde" wurden im Rahmen der Reformen unter Strafe gestellt und sollen Liberalisierung demonstrieren.

Aber in Dubai lebende Influencer müssen sich an die Gesetze des Landes halten, wenn sie auf Instagram oder Twitter über ihr Leben dort berichten. Das bedeutet, Küssen, Fluchen oder auch jegliche Unterstützung für LGBT-Rechte sind nicht erlaubt. Und auch das Schicksal von Prinzessin Latifa wird seinen Weg wohl nicht in die Instagram-Stories der Internet-Sternchen finden. Eine Prinzessin – oder sogar zwei – in einer Gefängnisvilla? Das passt sicher nicht in das Bild von Dubai, das der Emir gerne der Welt zeigen möchte.

Jennifer Holleis

© Deutsche Welle 2021

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