Die ungewisse Zukunft des Hocharabischen am Golf

Die vernachlässigte Sprache

In den Golfstaaten mangelt es immer mehr Schulkindern an der Sprachkompetenz im Hocharabischen. Die Entwicklung könnte ein Menetekel für den beginnenden Sprachverlust in der gesamten Region sein. Von Sawsan Khalaf

Die Ergebnisse des Arab Youth Survey aus dem Jahr 2017 belegen, dass 68 Prozent der Golf-Araber im Alter von 18 bis 24 Jahren täglich mehr Englisch als Arabisch sprechen. Dies entspricht einem Zuwachs von zwölf Prozentpunkten gegenüber 2016. Während der lokale Dialekt der Golfstaaten (Khaleeji) davon unberührt bleibt, geht die Zahl derer, die hochsprachliches Arabisch in Wort und Schrift gut beherrschen, kontinuierlich zurück.

Englisch ist dagegen die bevorzugte Sprache in Privatschulen und im Hochschulbereich. Englisch ist zudem Lingua franca von Gemeinschaften, die weitgehend aus Ausländern bestehen. Da Englisch in der Schule und auf der Straße gesprochen wird, verbleibt nur noch ein einziger Raum, wo ausschließlich Arabisch gesprochen wird – das Zuhause. Doch auch hier erleben Familien den Einbruch des Englischen in ihre Muttersprache.

Während einige die Ursache hierfür mitunter in der englischen Erziehung ausmachen, sieht die Soziolinguistin Ingrid Piller die Gründe in der negativen Konnotation, die das Moderne Standard-Arabisch (MSA) und der Golfdialekt unter Golfarabern haben. "Vor die Wahl gestellt, eine abgehobene und gestelzte Sprache (MSA) oder einen als rückständig und ungebildet geltenden Dialekt (Khaleeji) zu verwenden", schreibt sie in ihrem Blog Language On The Move, "entscheiden sich viele Leute ganz pragmatisch für Englisch".

Zunehmendes Desinteresse an Hocharabisch

Diese Geringschätzung geht einher mit sozioökonomischen Bedenken: Eltern stellen offenbar die Beherrschung der arabischen Sprache zugunsten der englischen zurück, weil sie sich davon bessere Berufsaussichten für ihre Kinder versprechen. "Je vermögender die Familie, desto unwahrscheinlicher ist es, dass zu Hause Arabisch gesprochen wird", resümiert die Journalistin Erin Burnett in Fortune.

Die zitierte Umfrage unter arabischen Jugendlichen legte zwar den Schluss nahe, Golfaraber seien stolz auf ihre Sprache, doch dies ist offenbar nur symbolisch zu verstehen. Arabisch mag der Statistik zufolge geschätzt werden, aber in der Praxis geht das Englische vor. Laut dem Dekan der Northwestern University in Qatar spricht die Mehrheit der arabischen Studenten "nicht gut genug Arabisch, um auf Sendern wie Al-Jazeera ausgestrahlt zu werden".

Golfaraber liest Zeitung; Foto: dpa
Modernes Standard-Arabisch auf dem Rückzug: Für die Golfstaaten hatte die rückläufige Beherrschung des Arabischen bereits fatale Folgen. Das gilt auch für die Zukunft. Ohne arabische Sprache wird es weniger Bücher, weniger Websites und weniger kulturelle Werke geben, die von der heutigen Golfgesellschaft zeugen können.

Das Desinteresse an der Sprache ist so groß, dass die Hochschule erwägt, ihre Lehrveranstaltung Medienarabisch als Pflichtfach einzuführen. In den Emiraten beklagt der Direktor des Instituts für Arabische Sprache und Literatur an der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate, die College-Absolventen seien kaum in der Lage, einen korrekten Satz auf Arabisch zu schreiben.

Und dann noch die verheerendste aller Statistiken: Die arabische Welt insgesamt bringt jährlich nur zwischen 15.000 und 18.000 neue Bücher heraus. Das sind gerade einmal so viele, wie allein die Verlagsgruppe Penguin Random House alljährlich veröffentlicht.

Arabische Inhalte stark unterrepräsentiert

Dies ist symptomatisch für eine Sprachlandschaft, in der das Angebot an arabischsprachigen Inhalten nicht mit der Nachfrage Schritt hält. Eine von der Northwestern University in Qatar durchgeführte Untersuchung ergab, dass "trotz der schnell wachsenden Zahl arabischsprachiger Internetnutzer arabische Inhalte nach wie vor zu den stark unterrepräsentierten Sprachen im Internet zählen, was ihren Anteil an den weltweiten Websites betrifft".

Angesichts des vergleichsweise kleinen Angebots darf man davon ausgehen, dass die Nutzer eher auf englische Angebote ausweichen, was entsprechende Auswirkungen auf ihre Sprachkompetenz im Arabischen hat.

Eine Umkehr des Trends zum Englischen ist eher unwahrscheinlich. Dennoch kann viel zur Stärkung des Arabischen getan werden. Vom Renaissance of Arabic Language Forum in Qatar bis zur landesweiten Arabic Reading Challenge in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE): Überall am Golf setzen Regierungen institutionelle Initiativen mit dem Ziel um, die hocharabische Sprache zu fördern.

Sprache ist schließlich eine kulturelle Errungenschaft. Für die Golfstaaten hatte die rückläufige Beherrschung des Arabischen bereits fatale Folgen. Das gilt auch für die Zukunft. Ohne arabische Sprache wird es weniger Bücher, weniger Websites und weniger kulturelle Werke geben, die von der heutigen Golfgesellschaft zeugen können.

Sawsan Khalaf

© Muftah.org/Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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