Die Türkei und Nordsyrien

Recep Tayyip Erdogans Kolonialprojekt

Der von Erdogan propagierte Neo-Osmanismus ist längst mehr als Rhetorik und Symbolpolitik. Das offenbart auch die Entwicklung der letzten Jahre in den Gebieten Nordsyriens, wo die Türkei dabei ist, ihre Einfluss-Sphäre dauerhaft abzusichern. Von Joseph Croitoru

Seit 2016 hat die Türkei in mehreren Militäroperationen Gebiete in Nordsyrien nicht nur der IS-Miliz, sondern vor allem auch der dortigen Kurden-Autonomie entrissen. Mit Hilfe ihrer Vasallen von der „Syrischen Übergangsregierung“ (SIG) verfolgt die Türkei im nordsyrischen Grenzgebiet nichts anderes als ein koloniales Projekt, mit dem sie ihre Kontrolle offenbar auch noch weiter in Richtung Süden ausdehnen will.

Die SIG wurde im März 2013 in Istanbul vom Rebellen-Bündnis „Nationalkoalition Syrischer Revolutions- und Oppositionskräfte“ gebildet. Ende 2012 im katarischen Doha gegründet, wurde das Bündnis kurz darauf in Marrakesch von 130 Staaten als legitime Vertretung des syrischen Volkes anerkannt. Die SIG hatte ihren Sitz zunächst in der südtürkischen Stadt Gaziantep. Er wurde, als 2016/17 bei der Militäroperation „Schutzschild Euphrat“ die türkische Armee im Verbund mit größtenteils islamistischen syrischen Milizen Gebiete östlich des Flusses eroberte, in die nordsyrische Stadt Azaz verlegt.

Diese Gebiete wie auch die später besetzten Zonen – zuletzt die nordwestliche Region um Afrin – werden in der Sprachregelung der SIG und meist auch der türkischen Staatsmedien als „befreite Gebiete“ bezeichnet. Den offiziellen Verlautbarungen und Dokumenten der SIG zufolge regiert sie aber über einen eigenen Staat: die von ihr proklamierte „Arabische Syrische Republik“.

"Bruderschaft kennt keine Grenzen" - Gemeindeversammlung in Azaz, Nordsyrien, mit deutlich sichtbaren türkischen und SIG-Fahnen. Quelle: Azaz.c.local; Facebook
Kolonialismus des 21. Jahrhunderts: "Strom, Telekommunikation, die Währung sowie das Banken- und Postsystem kommen in den SIG-Gebieten aus der Türkei. Für den zügig vorangetriebenen Ausbau der Infrastruktur, der auf den Internet- und Facebook-Seiten der kommunalen Verwaltungen präsentiert wird, zeichnen türkische Baufirmen verantwortlich. So sind es auch hauptsächlich türkische Unternehmen, die die Märkte der Region beliefern und allem Anschein nach dominieren," schreibt Joseph Croitoru .

Die Namenswahl ist keineswegs zufällig. Es ist auch der offizielle Name des von Assad beherrschten Syrien, von dessen Staatswappen mit dem Adler sich das der SIG-„Republik“ mit seinen drei anstatt zwei roten Sternen nur leicht unterscheidet.

Anders als der Staatsname sind die Bezeichnungen der meisten Einrichtungen in diesem Semi-Staat aber zweisprachig: Arabisch und Türkisch. So finden sich an den Rathäusern der Gemeindeverwaltungen – häufig neben der türkischen und der SIG-Fahne – Schilder in arabischer und türkischer Sprache. Auch die dort ausgestellten Personalausweise sind zweisprachig. Die Verwendung beider Sprachen ist konsequent und man trifft sie ebenso bei amtlichen Stellen an wie in den unterschiedlichsten Einrichtungen bis hin zu Schulen und Jugendklubs etwa in Azaz.

Zügiger Ausbau der Infrastruktur

Strom, Telekommunikation, die Währung sowie das Banken- und Postsystem kommen in den SIG-Gebieten aus der Türkei. Für den zügig vorangetriebenen Ausbau der Infrastruktur, der auf den Internet- und Facebook-Seiten der kommunalen Verwaltungen präsentiert wird, zeichnen türkische Baufirmen verantwortlich. So sind es auch hauptsächlich türkische Unternehmen, die die Märkte der Region beliefern und allem Anschein nach dominieren.

Die „Hilfe für die syrischen Brüder“, wie die Türkei ihre paternalistische Einflussnahme in der Region bezeichnet, umfasst auch den Bereich der Religion. Die religiösen Einrichtungen in den SIG-Gebieten werden von der türkischen Religionsbehörde Diyanet finanziert und gelenkt, die eingestellten Imame und Beamten folgen der Religionspolitik der AKP-Regierung.

Wie in der Türkei übernehmen auch sie Aufgaben bei der religiösen Volkserziehung, bei der Erwachsenen wie Kindern Korankurse und andere einschlägige Schulungen angeboten werden. Für Frauen, die im SIG-Staat, wie es scheint, in der Regel verschleiert sind und häufig den Niqab tragen, umfasst das Angebot auch Einführungen in das islamische Religionsgesetz und Kurse über die „Rolle der Frau in den heutigen Gesellschaften“ .

Das Wappen einer SNA-Einheit, die nach Sultan Mehmed II., dem Eroberer von Konstantinopel, benannt ist. Foto: Fatih Sultan Mehmet Tumeni; Facebook
Revolutionäre – oder sind es Janitscharen? Der energisch betriebene Ausbau der Streitkräfte wird in martialischen Selbstinszenierungen gefeiert, die sowohl in den eigenen sozialen Medien wie auch in den lokalen SIG-nahen und in den türkischen Staatsmedien präsentiert werden. Bei derartigen feierlichen Anlässen pflegen führende SNA-Kommandanten flammende Reden zu halten, in denen auch dschihadistische Töne nicht fehlen.

Vom Geist des Islamismus und Neo-Osmanismus der AKP ist auch die unter türkischer Ägide im Aufbau befindliche „Syrische Nationale Armee“ (SNA) durchdrungen. Sie setzte sich anfangs aus Einheiten der ursprünglich säkular, später meist islamistisch ausgerichteten „Freien Syrischen Armee“ und der 2018 in Nordsyrien von gleichgesinnten Milizen gebildeten „Nationalen Befreiungsfront“ zusammen.

In den letzten zwei Jahren sind etliche neue SNA-Einheiten hinzugekommen, die wie auch ihre Kasernen und manche der älteren Einheiten oft nach seldschukischen und osmanischen Herrschern – etwa Sultan Mehmed. II., dem Eroberer Konstantinopels  – benannt sind.

Fortsetzung der syrischen Revolution - wie Ankara sie versteht

Der energisch betriebene Ausbau dieser Streitkräfte wird in martialischen Selbstinszenierungen gefeiert, die sowohl in den eigenen sozialen Medien wie auch in den lokalen SIG-nahen und in den türkischen Staatsmedien präsentiert werden, so wie etwa bei der Eröffnung einer neuen SNA-Kaserne in Azaz. Bei derartigen feierlichen Anlässen pflegen führende SNA-Kommandanten flammende Reden zu halten, in denen auch dschihadistische Töne nicht fehlen.

Und die lassen kaum einen Zweifel daran, welches Ziel man verfolgt: Die Fortsetzung der „syrischen Revolution“, so wie sie die SIG – und wohl auch Ankara – versteht, nämlich als „Befreiung“ des restlichen Syrien von den „Feinden Allahs“. Zu diesen werden die als „terroristisch“ bezeichneten PKK-nahen Milizen in den nordsyrischen kurdischen Autonomiegebieten wie auch das als „verbrecherisch“ verurteilte Assad-Regime gezählt.

Der Befreiungskampf wird vom Chef der SNA-„Direktion für moralische Führung“, Hassan al-Daghim, in seinen Ansprachen an die Soldaten als eine historische Mission beschworen. Al-Daghim stellt seinen Kampf in eine Linie mit den Eroberungskriegen muslimischer Herrscher – von den Weggefährten Muhammads über die arabischen Kalifen bis hin zu den seldschukischen und osmanischen Sultanen – und ruft dabei auch deren Besetzung europäischen Bodens lobend in Erinnerung. An dieser Personalie wird die ideologische Stoßrichtung des militärpolitischen türkisch-syrischen Unternehmens besonders offenbar.

Infografik der türkisch kontrollierten Gebiete in Syrien. Quelle: Deutsche Welle
Sind die Aktionen der Türkei in Syrien ein Versuch, wie es Präsident Erdogan 2016 formulierte, "die jahrtausendealte Erinnerung an unsere Länder" zu bewahren? Indem sie in Nordsyrien Wurzeln schlägt, hofft die Türkei nicht nur, ein gewisses Maß an kurdischer Autonomie entlang ihrer südlichen Grenze zu verhindern, sondern wohl auch, ihren Anspruch auf das nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches verloren gegangene Territorium – wenn auch nur schrittweise – wiederherzustellen.

Der 1976 in Nordsyrien geborene al-Daghim absolvierte im Sudan und in Damaskus ein Scharia-Studium und war als Imam tätig, bevor er sich den islamistischen syrischen Rebellen anschloss und an der Gründung von Scharia-Gerichten und religiösen Führungsgremien in ihren nordsyrischen Operationsgebieten mitwirkte. Er ist auch Mitglied des 2014 in Istanbul gebildeten „Syrischen Islamischen Rats“. Und somit ein Scharnier zwischen der SNA und diesem Zusammenschluss islamistischer Gelehrter, der für sich die geistige Führung des Oppositionslagers und auch der syrischen Flüchtlinge in der Region beansprucht – und dabei selbstredend von der türkischen Religionsbehörde Diyanet aktiv unterstützt wird.

Zweifelhafte Studie sollte die Türkei entlasten

Besonders gegenüber dem westlichen Ausland ist der türkische Staat bemüht, die SNA als ein selbständiges syrisches Projekt erscheinen zu lassen. Dieses Ziel verfolgt auch die im vergangenen November auf Türkisch und Englisch veröffentlichte Studie der regierungsnahen „Stiftung für politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Forschung“ (SETA).

Der Autor Ömer Özkızılcık, der darin kein Wort über die islamistische Indoktrinierung der SNA verliert, nimmt sie vor dem Vorwurf, eine türkische „Söldnerarmee“ zu sein, in Schutz. Vielmehr hätten die USA, schreibt er, einen erheblichen Teil der 41 SNA-Einheiten unterstützt (Stand 12/2019), die aber, nachdem Washington seine Unterstützung zurückgezogen habe, neu aufgestellt worden seien.

 

Auch sollen die zahlreichen von dem Syrienexperten der SETA geführten Interviews beweisen, dass die SNA, anders als mancher Kritiker behauptet, nicht von turkmenischen Syrern dominiert sei. Seine Forschungen ergaben, dass diese nur rund 4000 Kämpfer stellen, während die arabischen mehr als 30.000 zählen und auch etwa 500 Kurden in der SNA dienen.

Indes war einem aufmerksamen kurdischen Beobachter aufgefallen, dass gemäß der in der Studie präsentierten Graphiken zu Altersstruktur und Dienstzeit der Befragten die SNA auch Minderjährige rekrutiert haben muss. Auf die Kritik, hier seien „Kindersoldaten“ zum Einsatz gekommen, reagierte die SETA-Stiftung prompt – die Studie verschwand von ihrer Internetseite.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2021

Die Redaktion empfiehlt