Da die umstrittene Bewegung in der Türkei in die Illegalität gedrängt und ihre Netzwerke zerschlagen wurden, versiegte ein Großteil der Einnahmen. Waren zuvor viele Absolventen der Gülen-Schulen zum Studium an Universitäten der Bewegung in der Türkei gegangen, ging dies nun nicht mehr. Aus Angst vor Repressionen nahmen viele Eltern ihre Kinder von den Schulen und gingen auf Distanz. Etliche Schulen mussten schließen, auch in Deutschland, wo die Cemaat ein großes Netzwerk aus Schulen, Wohnheimen und Nachhilfeschulen aufgebaut hat.

Bei seinen Reisen dringt Erdoğan weiter auf die Schließung der Gülen-Schulen – oft mit Erfolg wie in Südafrika, wo er im Juli die Übernahme der elf Gülen-Schulen vereinbarte. Vielerorts stößt er aber auf Widerstand bei den örtlichen Eliten, die unabhängig von ihrer Konfession die Schulen wegen ihres hohen Niveaus schätzen. Vielen leuchtet nicht ein, dass sie Schulen, die Erdoğan noch vor einigen Jahren mit Nachdruck beworben hatte, nun schließen sollen. Auch verstehen sie nicht, was die Schulen mit dem Putschversuch in der Türkei zu tun haben sollen.

Bleiben oder Flucht nach Europa?

In Tansania hat die Regierung zwar die Gründung einer Maarif-Schule auf Sansibar zugelassen, sich aber dem Drängen Erdoğans zur Schließung der Gülen-Schulen widersetzt, wie die Forscherin Mashimi erklärt. Um sich dem Zugriff der Türkei zu entziehen, hätten diese ihre türkische Führung durch tansanische Gülen-Anhänger ausgetauscht. Für die entlassenen türkischen Lehrer stelle sich nun die Frage Bleiben oder Flucht nach Europa, sagt Mashimi. Zurück in die Türkei könnten sie nicht, und irgendwann würden ihre türkischen Pässe ablaufen.

Die Yavuz Selim Schule der Gülen-Bewegung in Dakar; Foto: DW/M. Lamine Ba
Abrechnung mit dem politischen Gegner: Bei seinem Versuch, viele Gülen-Schulen im Ausland zu schließen, stößt Erdoğan zwar nicht selten auf Ablehnung, doch haben sich inzwischen auch viele Länder dem Druck gebeugt und die Schulen der Türkei übergeben. Die Gülen-Bewegung stellt dies nun vor ernste Herausforderungen.

Für Unsicherheit bei den Gülen-Anhängern sorgt, dass der türkische Geheimdienst in den vergangenen Jahren wiederholt Gülen-Lehrer aus dem Ausland verschleppt hat – teils mit, teils ohne Einwilligung der Gastländer. Im Juli verhinderte die Mongolei knapp die Entführung eines Lehrers, so dass ein bereits entsandtes türkisches Flugzeug leer zurückkehren musste. Im März wurden im Kosovo sechs Türken mit Hilfe des örtlichen Geheimdiensts außer Landes gebracht, was zu einer schweren Regierungskrise führte, da der Ministerpräsident nicht informiert war.

Extreme Zerreißprobe

Viele der verfolgten Anhänger sammeln sich in Deutschland, von wo sie ihre Glaubensbrüder im Ausland zu unterstützen suchen. Im März 2017 etwa kaufte ein deutscher Bildungsverein die Schulen der Cemaat in Äthiopien auf, um sie vor der Schließung zu bewahren.

Aus "türkischen" Schulen wurden so "deutsche" Schulen, die die Bundesregierung unter ihre Protektion nahm. Alle Kritik Ankaras an diesem "zweifelhaften Deal" blieb vergeblich, so dass die Maarif-Stiftung im September schließlich mit Addis Abeba die Gründung eigener Schulen vereinbarte.

In der Cemaat führt all dies zu heftigen Diskussionen. "Die Gülen-Bewegung befindet sich in einer extremen Zerreißprobe", sagt Mashimi. Sie sei dabei, sich neu aufzustellen und von der Türkei zu lösen. Allerdings steht sie in Deutschland und anderen Ländern kaum unter Druck – im Gegenteil hat sie dort viele Unterstützer gewonnen, seitdem sie sich als verfolgte Verteidigerin von Demokratie und Meinungsfreiheit präsentiert, ungeachtet ihrer fragwürdigen Rolle in der türkischen Politik. Als "existenzbedrohend" sieht Mashimi die aktuelle Situation daher nicht.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2018

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