Cornell findet es richtig, dass die Regierung den Einfluss der Gülen-Bewegung seitdem zurückgedrängt hat. Schließlich handele es sich um einen "Kult mit einer versteckten Agenda", der von ihren Anhängern absolute Loyalität verlange, sagt der Politologe. Das Problem sei nur, dass die Bruderschaften, die nun an ihre Stelle rückten, noch weitaus konservativer seien. Wenn sich Erdoğan durchsetze, warnt Cornell, werde die Mentalität der künftigen Führungselite "absolut mittelöstlich und antiwestlich" sein.

Anhänger der Ismailaga Cemaat; Quelle: Youtube
Die AKP als "Koalition aus Cemaats": Politische Beobachter attestieren einen konservativen Richtungswandel nach der Zerschlagung der Gülen-Bewegung und Erdoğans Hinwendung zu den Cemaats, denen er als oberster Manager diene, Posten und Ressourcen verteile und versuche, eine Machtbalance zu halten, damit keine Bruderschaft wieder zu stark werde.

Nach dem Vorbild des Propheten

Besonders auffällig ist dies bei der Ismailaga Cemaat, die derzeit im Bildungswesen an Einfluss gewinnt. Ihre Anhänger versuchen, ganz nach dem Vorbild des Propheten zu leben, weshalb die Männer Bart, Turban, Mantel und Pluderhose tragen, während sich die Frauen in schwarze Schleier hüllen. In ihrer Hochburg im Istanbuler Stadtteil Fatih gibt es neben den religiösen Schriften des Ordensgründers alkoholfreies Parfüm und Zweige zu kaufen, wie sie der Prophet zum Zähneputzen benutzt haben soll.

Heute sei die AKP "eine Koalition aus Cemaats", sagt der Istanbuler Soziologe, der anonym bleiben will. Erdoğan diene als oberster Manager, der Posten und Ressourcen verteile und versuche, eine Machtbalance zu halten, damit keine Bruderschaft wieder zu stark werde. Allerdings ist das Problem, dass er seit dem Zerwürfnis mit der Gülen-Bewegung auch ein Bündnis mit den Ultranationalisten der MHP geschlossen hat, um seine Macht zu sichern.

Wie Caliskan erklärt, sehen diese es mit Unmut, dass die Bruderschaften in den Bildungssektor drängen. Heute würden manche Ministerien von Bruderschaften kontrolliert, andere von den Nationalisten, sagt der Soziologe. Diese Aufteilung der Regierung zwischen rivalisierenden Gruppen sei keine "nachhaltige oder konsistente Strategie". Niemand wisse, wie der Machtkampf enden werde.

Ulrich von Schwerin

© Qantara.de 2017

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Leserkommentare zum Artikel: Der Kampf um das Erbe der Gülen-Bewegung

Ein informativer Artikel, welcher zeigt, dass die türkische Bevölkerung stark zerwürfelt ist.
Gülens Einsatz für den interreligiösen Dialog und vor allem Bildung hat in der Türkei Früchte getragen. Wie im Artikel aufgezählt, gehörten viele Schulen, Universitäten, Krankenhäuser etc zur Bewegung, welche seit den 60er aus einer engagierten Gesellschaft entstanden ist. Dass dieses Netzwerk eine Riege gut ausgebildeter Menschen hervorbrachte sollte daher niemanden überraschen. Dass diese Menschen dann auch Posten im Staatsdienst einnahmen auch nicht. Von einer Unterwanderung zu sprechen ist nichtsdestotrotz zweifelhaft:
Im Jahre 2014 waren 12% der Erwerbstätigen in der Türkei Staatsbedienstete. Das macht je nach Quelle ca. 3,2 Mio Staatsbedienstete in der Türkei. Nun wurden nach dem Putsch 150.000 Staatsbedienstete aufgrund ihrer Verbindungen zum Gülennetzwerk entlassen. Das wären ca. 5% aller Staatsbediensteten. Da kann man nicht von einer Unterwanderung sprechen.
Ich bin deshalb der Meinung, das man einen Feind in der Türkei schaffen will um politisch und wirtschaftlich Vorteile zu erzielen. Der Prozess zum Putsch dauert noch an. Dass die Gülen Bewegung dahinter steckt ist bis heute nicht bewiesen. Trotzdem hat man, wie im Artikel erwähnt, durchweg Hunderttausende dafür schon bestraft. Dass die politische Führung der Türkei sich mit islamischer Tugend rühmt, obwohl es ungerecht handelt, stellt nicht nur das Demokratieverständnis der Türkei sondern auch den Islam in einem schlechten Licht dar.

David31.10.2017 | 03:30 Uhr

Die Zerschlagung des Gülen-Netzwerks war aus Gründen der Staatsräson notwendig, sonst wäre Erdogan - insbesondere von der Justiz - immer wieder attackiert worden. Die politische Rivalität zwischen beiden mächtigen Polen war zu groß - der gordische Knoten musste daher nicht entwirrt, sondern ganz zerschlagen werden. Der Putschversuch war ein Weckruf für ein solches politisches Tabularasa - ich glaube jeder hätte als Politiker (mit Machtinstinkt) ähnlich gehandelt, um eine solch gravierende Gefahr für das eigene politische Überleben und das der AKP abzuwenden.

Mehmet Özal31.10.2017 | 14:36 Uhr