Zu den wichtigsten Profiteuren gehören die Stiftungen Türgev und Tügva, die seit der Zerschlagung der Gülen-Bewegung ihr Netz aus Wohnheime und Schulen deutlich ausgebaut haben. Türgev war 1996 von Erdoğan gegründet worden, noch heute sitzen sein Sohn Bilal und seine Tochter Esra im Vorstand. Auch Tügva hat enge Verbindungen zur AKP. Medienberichten zufolge haben sie mehrere der Gülen-Wohnheime erhalten, auch soll der Staat ihnen günstig Grundstücke überlassen haben.

Akteure im Kampf um Posten und Ressourcen

Weitere wichtige Akteure im Kampf um Posten und Ressourcen sind konservative Bruderschaften wie Menzil und Süleymancilar. Die Gülen-Bewegung war zwar die mächtigste, doch nicht die einzige religiöse Bruderschaft in der Türkei. Vielmehr gibt es eine ganze Reihe weiterer Cemaats, die wie die Gülen-Bewegung eigene Schulen, Wohnheime und Medien betreiben. Die meisten von ihnen sind Ableger des Nakschbandi-Khalidi-Ordens, einem besonders orthodoxen sunnitischen Sufi-Orden.

Recep Tayyip Erdogan and his wife at a Turgev function (source: turkeypurge.com)
Zu den wichtigsten Profiteuren der Beschlagnahme gehören die Stiftungen Türgev und Tügva, die seit der Zerschlagung der Gülen-Bewegung ihr Netz aus Wohnheime und Schulen deutlich ausgebaut haben. Türgev war 1996 von Erdoğan gegründet worden, noch heute sitzen sein Sohn Bilal und seine Tochter Esra im Vorstand.

Für die AKP seien die Cemaats die natürlichen Verbündeten, sagt ein Istanbuler Soziologe, der nicht namentlich genannt werden will. Schließlich hätten Erdoğan und viele andere AKP-Politiker selbst ihre Wurzeln in der Iskenderpasa-Bruderschaft, einem politisch besonders einflussreichen Ableger des Nakschbandi-Ordens. Seit dem Zerwürfnis mit Gülen setze Erdoğan daher auf Sufi-Bruderschaften wie die Süleymancilar oder die Ismailaga Cemaat, um die Lücke im Bildungswesen zu füllen.

Der informelle Pakt mit den Gülenisten

Erdoğan habe nie genug eigene Leute gehabt, um den Staat zu kontrollieren, erklärt der Politologe Svante E. Cornell in Stockholm. Nach seinem Machtantritt habe er sich daher mit Gülen verbündet, der seit den 1960er Jahren ein Netzwerk aus Wohnheimen, Schulen und Nachhilfeeinrichtungen aufgebaut hatte, deren frommen, aber modern ausgebildeten Absolventen für Erdoğan die idealen Kader waren, um Posten in Verwaltung, Justiz und Polizei zu besetzen.

Erdoğan teilte mit Gülen das Ziel, eine "fromme Generation" zu schaffen. Doch trotz ihrer ähnlichen Weltsicht und Zielsetzung, verschmolz die Gülen-Bewegung nie ganz mit der AKP. Anders als die AKP hatte sie ihre Wurzeln nicht im Nakschbandi-Orden, sondern in der Bewegung von Said Nursi. Vor allem aber war Gülen nie bereit, sich Erdoğan unterzuordnen, weshalb sich die beiden Männer 2013 überwarfen und die informelle Koalition mit der Gülen-Bewegung zerbrach.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Der Kampf um das Erbe der Gülen-Bewegung

Ein informativer Artikel, welcher zeigt, dass die türkische Bevölkerung stark zerwürfelt ist.
Gülens Einsatz für den interreligiösen Dialog und vor allem Bildung hat in der Türkei Früchte getragen. Wie im Artikel aufgezählt, gehörten viele Schulen, Universitäten, Krankenhäuser etc zur Bewegung, welche seit den 60er aus einer engagierten Gesellschaft entstanden ist. Dass dieses Netzwerk eine Riege gut ausgebildeter Menschen hervorbrachte sollte daher niemanden überraschen. Dass diese Menschen dann auch Posten im Staatsdienst einnahmen auch nicht. Von einer Unterwanderung zu sprechen ist nichtsdestotrotz zweifelhaft:
Im Jahre 2014 waren 12% der Erwerbstätigen in der Türkei Staatsbedienstete. Das macht je nach Quelle ca. 3,2 Mio Staatsbedienstete in der Türkei. Nun wurden nach dem Putsch 150.000 Staatsbedienstete aufgrund ihrer Verbindungen zum Gülennetzwerk entlassen. Das wären ca. 5% aller Staatsbediensteten. Da kann man nicht von einer Unterwanderung sprechen.
Ich bin deshalb der Meinung, das man einen Feind in der Türkei schaffen will um politisch und wirtschaftlich Vorteile zu erzielen. Der Prozess zum Putsch dauert noch an. Dass die Gülen Bewegung dahinter steckt ist bis heute nicht bewiesen. Trotzdem hat man, wie im Artikel erwähnt, durchweg Hunderttausende dafür schon bestraft. Dass die politische Führung der Türkei sich mit islamischer Tugend rühmt, obwohl es ungerecht handelt, stellt nicht nur das Demokratieverständnis der Türkei sondern auch den Islam in einem schlechten Licht dar.

David31.10.2017 | 03:30 Uhr

Die Zerschlagung des Gülen-Netzwerks war aus Gründen der Staatsräson notwendig, sonst wäre Erdogan - insbesondere von der Justiz - immer wieder attackiert worden. Die politische Rivalität zwischen beiden mächtigen Polen war zu groß - der gordische Knoten musste daher nicht entwirrt, sondern ganz zerschlagen werden. Der Putschversuch war ein Weckruf für ein solches politisches Tabularasa - ich glaube jeder hätte als Politiker (mit Machtinstinkt) ähnlich gehandelt, um eine solch gravierende Gefahr für das eigene politische Überleben und das der AKP abzuwenden.

Mehmet Özal31.10.2017 | 14:36 Uhr