Entfremdung vom Westen

Während die Demoskopie in Bezug auf die Wahlabsichten und die Beliebtheitswerte des politischen Spitzenpersonals eine hohe Volatilität ausweist, bei günstigeren Rahmenbedingungen im Zuge der Überwindung der Corona-Pandemie eine Trendwende somit nicht ausgeschlossen ist, sind die Meinungsbilder in Bezug auf die Außenpolitik und die internationalen Beziehungen stabiler. Zu diesem Themenfeld liegen zahlreiche Erhebungen vor. Die Beziehungen der Türkei zur Europäischen Union (EU) bilden dabei einen Schwerpunkt der Meinungsforscher.

Unterschiedliche Untersuchungen kommen in einer wesentlichen Frage zu einem ähnlichen Ergebnis: Rund zwei Drittel der Türkinnen und Türken unterstützen die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU. Doch lediglich 40 Prozent halten diese Perspektive für realistisch. Die Zahlen verdeutlichen die Frustration vieler Menschen in der Türkei über das eingefrorene Beitrittsthema.

 

Die wohl wichtigste Quelle für die systematische Analyse der öffentlichen Meinung zu Fragen der internationalen Politik ist die jährliche Studie der Istanbuler Kadir Has Universität. Unter dem Titel "Turkey Trends“ präsentiert Mustafa Aydin auf weit über hundert Seiten und mit vielen Tabellen aktuelle Stimmungsbilder zu mehr oder minder allen Aspekten der türkischen Außenbeziehungen. Die vorangeschrittene Entfremdung der Menschen in der Türkei vom Westen kann als der rote Faden bezeichnet werden, der sich durch das Tabellenwerk zieht.

Besonders aufschlussreich ist die mit "Bedrohung für die Türkei“ überschriebene Tabelle. Diese Liste führen in den zurückliegenden Jahren konkurrenzlos die Vereinigten Staaten von Amerika an. Demnach betrachten über 60 Prozent der Türken die westliche Führungsmacht als eine Bedrohung. Auf den Plätzen folgen – mit kleinem Abstand – Israel, Armenien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Nach der Studie hält einer von zwei Menschen in der Türkei – knapp über 50 Prozent - Deutschland für eine Bedrohung.

Ein Spiegelbild der Länder, die als bedrohlich gesehen werden, bildet die Liste der Verbündeten. Unangefochten an der Spitze liegt hier das benachbarte Aserbaidschan. Das erste westliche Land in der Hitliste der Freunde ist Deutschland auf Rang 11. Doch aus deutscher Sicht besteht wenig Grund zur Euphorie:  Lediglich 15 Prozent der Befragten betrachten das Land im Herzen Europas als einen Verbündeten.

Wie tief das Misstrauen gegenüber dem Westen in der türkischen Gesellschaft verwurzelt ist, zeigt eine aktuelle, vom German Marshall Fund geförderte Umfrage. Demnach sind 79 Prozent der Befragten der Ansicht, es sei das Ziel der europäischen Partner, die Türkei zu teilen und zu spalten. Knapp zwei von drei Türken sind zudem der Meinung, dass die von der EU im Zusammenhang mit den Beitrittsverhandlungen eingeforderten Reformen einer Kapitulation gleichkommen.  

Politisch ist die Türkei ein in hohem Maße polarisiertes Land mit zwei in grundsätzlichen Fragen über Kreuz liegenden Lagern. Auffällig ist, dass die öffentliche Meinung in wichtigen Fragen der Außenbeziehungen nicht in dieses Muster der Zweiteilung passt, es also in außenpolitischen Fragen weitaus größere Einstimmigkeit gibt als dies bei innenpolitischen Fragen der Fall ist.

Diese Beobachtung untermauert die These, dass selbst im Falle eines Regierungswechsels in Ankara bzw. einem Ausscheiden Erdogans aus der Politik die Grundzüge der türkischen Außenpolitik sich nicht ändern würden. Oder anders ausgedrückt: Die Entfremdung von Europa und dem Westen ist kein vorübergehendes Phänomen, sie hat längst tiefe Wurzeln in großen Teilen der türkischen Gesellschaft geschlagen. 

Ronald Meinardus

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