Die Tötung der Journalistin Shereen Abu Akleh
Das Gesicht einer Generation

Die renommierte Journalistin Dalia Hatuqa ist eine Kollegin und Freundin der getöteten Reporterin Shereen Abu Akleh beim Fernsehsender Al-Jazeera. Sie fordert die rückhaltlose Aufklärung des Vorfalls. Interview von René Wildangel

Frau Hatuqa, sehr viele Menschen haben Shereen Abu Akleh und ihre journalistische Arbeit seit ihrem Tod gewürdigt. Wie würden Sie die Kollegin beschreiben? 

Dalia Hatuqa: Shereen war eine palästinensische Christin aus Ost-Jerusalem. Sie hat zunächst Architektur in Amman studiert, dann Medienwissenschaften. 1997 begann sie ihre Arbeit für Al-Jazeera. Sie war eine der ersten Reporterinnen bei dem Sender und mit der Zweiten Intifada wurde sie zur Kriegsreporterin. Sie sammelte viel Erfahrung während ihrer Berichterstattung über fast drei Jahrzehnte und wurde zunehmend bekannter. Eine ganze Generation junger Palästinenserinnen und Palästinenser wuchs mit ihren TV-Reportagen über den Konflikt auf. Sie hinterlässt eine enorme Lücke. So jemanden gibt es kein zweites Mal. Natürlich gibt es gute Journalisten bei Al-Jazeera, aber sie war einfach ganz besonders.  

Inwiefern? 

Hatuqa: Sie war außergewöhnlich ausgeglichen, eine besondere Persönlichkeit. Auch wenn es gefährlich wurde, blieb sie weiter vor Ort. Sie in einer solchen Situation zu beobachten, ihre Ruhe, ihre Coolness – das war eine echte Inspiration. Natürlich ist es normal, Angst zu empfinden angesichts der massiven Gewalt und der vielen Gefahren, die sie erlebt hat, aber sie ist anders mit solchen Situationen umgegangen. 

Waren Sie Teil dieser Generation, die mit Ihr aufgewachsen ist?  

Hatuqa: Ich war schon über 20, als ich sie regelmäßig im Fernsehen sah. Sie war das Gesicht der furchtbaren Zeit der Zweiten Intifada, der Ausgangssperren, der israelischen Besetzung palästinensischer, unter Verwaltung der Autonomiebehörde stehender Städte im März 2002. Ich habe sie damals nicht als Vorbild gesehen, zumal meine eigene journalistische Karriere eher zufällig begann. Aber über die Jahre haben mich viele Menschen unterstützt, und sie war eine von ihnen. Wir haben immer über unsere Berichterstattung diskutiert. Sie war eine Kollegin, aber auch so viel mehr als das. Sie hatte viel mehr Erfahrung als ich, ich habe sie oft um Rat gefragt.  

Israelische Sicherheitskräfte gehen gegen palästinensische Trauergäste vor, die den Sarg der getöteten Journalistin Shereen Abu Akleh tragen (Foto: AFP/Getty Images)
Polizeieinsatz bei der Beerdigung: Der israelische Polizeieinsatz während der Bestattung der erschossenen Al-Jazeera-Reporterin Schereen Abu Akleh in Jerusalem ist von den USA und der EU scharf kritisiert worden. Die EU zeigte sich in einer Erklärung "entsetzt" über die Vorfälle während des Trauermarschs und verurteilte die "unverhältnismäßige Gewalt" und das "respektlose Verhalten" der Polizisten. Auch UN-Generalsekretär António Guterres reagierte "zutiefst beunruhigt". UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet nannte die Szenen "schockierend". Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zeigte sich "zutiefst erschüttert". Baerbock nannte es "traurig", dass die Bestattung "nicht in Frieden und in Würde stattfinden konnte". Bei dem Einsatz waren mehr als 30 Menschen verletzt worden.

"Sie konnte wahnsinnig gut mit Menschen"

An was erinnern Sie sich am meisten mit Blick auf den Menschen Shereen Abu Akleh? 

Hatuqa: Sie war trotz ihrer Berühmtheit sehr bodenständig, überhaupt keine Mediendiva. Auf der Straße wurde sie ständig angesprochen und machte dann geduldig Fotos mit allen. Ihre Persönlichkeit vor der Kamera war das eine, aber hinter der Kamera war sie vor allem extrem witzig. Sie liebte es zu lachen, auf Partys zu gehen, unterwegs zu sein. All die Härten, die sie erlebt hat, haben sie nie gebrochen - ob persönliche, etwa der frühe Tod ihrer Eltern, oder professionelle, all die Gewalt, die Menschenrechtsverletzungen, die Einzelschicksale, die sie aus nächster Nähe miterlebt hat.  

Sie konnte wahnsinnig gut mit Menschen. Sogar als sie für ein paar Monate in das Washington-Büro von Al-Jazeera abgeordnet war – ich war damals auch in D.C . – wurde sie auf der Straße erkannt und machte Selfies mit den Leuten. Ich höre immer noch ihre Stimme: “Dalia, take me shopping!” Sie hat die ganze Zeit rumgealbert.  

Was wissen wir über die Umstände der Tötung?  

Hatuqa: Als sie am 11. Mai erschossen wurde, war sie für eine Reportage in Jenin. Sie trug eine blaue Weste mit der Aufschrift “Journalist” und einen Helm. In einem der Videos, das aus der Nähe aufgenommen wurde, hört man, wie jemand vor einem Scharfschützen warnt. Dann versucht Ali Al-Samudi, Shereens Kollege, den Standort zu verlassen und wird in den Rücken geschossen. Man hört, wie Shereen ruft: “Ali ist verletzt.” Andere Kollegen vor Ort haben ebenfalls berichtet, dass ein Scharfschütze gezielt auf die Journalisten geschossen hat, sowie auf alle, die versuchten sich Shereen zu nähern, nachdem sie schon verletzt am Boden lag. 

Diese Augenzeugenberichte stehen im Kontrast zu dem, was die israelische Regierung, allen voran Ministerpräsident Bennett, nahegelegt hat: dass palästinensische Kämpfer für ihren Tod verantwortlich sein könnten. Allerdings konnte die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem ziemlich schnell nachweisen, dass ein als vermeintlicher Beleg gepostetes Video eines palästinensischen Schützen an einer ganz anderen Stelle aufgenommen wurde, fast 300 Meter entfernt. Mittlerweile haben wir viele Hinweise, dass die israelische Armee für Shereens Tod verantwortlich ist.

Die israelische Regierung hat ihr Narrativ mehrmals geändert, auch was eine mögliche Untersuchung angeht. Erst wurde gesagt, man werde ermitteln, dann hieß es, die Palästinensische Autonomiebehörde würde Beweismittel zurückhalten. Allerdings macht es nicht viel Sinn, die Beweismittel ausgerechnet jenen zu übergeben, die höchstwahrscheinlich für die Tat verantwortlich sind - insbesondere da praktisch keine von der israelischen Armee durchgeführte Untersuchung belastbare Ergebnisse produziert hat. 

 

 

Keinerlei Respekt für Palästinenser

Auf ihren Tod folgten dann die verstörenden Bilder von der Beerdigung in Jerusalem. Israelische Sicherheitskräfte prügelten auf die Sargträger und die Trauernden ein und konfiszierten palästinensische Fahnen.  

Hatuqa: Auch hier gab es schnell ein israelisches Narrativ: Einige Menschen hätten den Sarg gegen den Willen der Familie und entgegen einer Abmachung mit der Polizei an sich gerissen. Ihr Bruder hat das bestritten. Letztlich geht es hier um etwas anderes: Israel duldet keinerlei palästinensische Präsenz in Jerusalem. Und das gilt anscheinend auch für Tote. Die Sicherheitskräfte waren so aufgebracht beim Anblick der palästinensischen Fahnen, dass sie auf die Trauernden einprügelten. Einer der Sargträger, der verzweifelt versuchte, den Sarg hoch zu halten, wurde geschlagen und anschließend verhaftet, wir wissen immer noch nichts über seinen  Verbleib. 

Viele Menschen, die die Szenen gesehen haben, waren entsetzt. Könnten die Ereignisse eine Art Wendepunkt markieren?  

Hatuqa: Vielleicht war es für viele ein Schock – für mich nicht. Die israelische Armee zeigt keinerlei Respekt für Palästinenserinnen und Palästinenser, weder für lebende noch für tote. Israel hat sich schon mehrfach geweigert, palästinensische Leichname zurückzugeben und die Familien so daran gehindert, sich von ihren Verwandten zu verabschieden. Die jüngste Geschichte von Omar Assad ist ein weiteres Beispiel. Er starb nach seiner Festsetzung durch die israelische Armee. Die Soldaten haben dem alten und geschwächten Mann eine Augenbinde angelegt, ihn gefesselt und in einer zugigen Bauruine praktisch sterben lassen. Als man ihn fand, hatte er Abschürfungen am Handgelenk. Seine Familie hat bis heute keine Gerechtigkeit erfahren. Die israelische Armee kündigt Untersuchungen an, aber maximal kommt es zu Disziplinarmaßnahmen. Ansonsten passiert gar nichts. Warum sollte es diesmal anders sein?  

Es gab viele Forderungen nach einer internationalen Untersuchung. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock erklärte, es “sei wichtig, dass ihr Tod transparent aufgeklärt werde.” Gibt es dafür überhaupt eine Chance? 

Hatuqa: Ich glaube nicht, dass die Forderungen internationaler Politiker einen Unterschied machen. Nicht mal die Tatsache, dass Shereen amerikanische Staatsbürgerin war. Die US-Regierung zeigt an der Stelle kein Rückgrat, von den Europäern erwarte ich es auch nicht. Wie gesagt, es gab schon viele vergleichbare Fälle, auch ähnlich prominente, aber keine Aufklärung. Leider ist auch die Aufmerksamkeit schon fast wieder weg. Die Berichterstattung dreht sich längst wieder um andere Themen. Da erwarte ich wenig. 

Die Journalistin Dalia Hatuqa (Foto: privat)
Ohne Druck von außen keine Aufklärung: "Macht Schluss mit dem Eiertanz und sagt der israelischen Regierung eindeutig: Das ist ein ernsthafter Fall, wir wollen eine Untersuchung und Ergebnisse sehen,“ sagt die Journalistin Dalia Hatuqa. "Aber das würde nur gehen, wenn mehrere EU-Staaten hier gemeinsam und konsequent agieren.“ Die renommierte Journalistin hat unter anderem in Time Magazine, Foreign Affairs, der Washington Post und bei CNN ihre Beiträge veröffentlicht. Das erste Mal traf sie Shereen Abu Akleh vor zehn Jahren in Washington. Zuletzt waren beide Kolleginnen beim Fernsehsender Al-Jazeera. 

Aufklärung nur durch Druck von außen

Nur wenige Tage nach dem Tod von Shereen wurden in Berlin Demonstrationen verboten, die an Flucht und Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948 aus Anlass des von den Palästinensern begangenen “Nakba-Tag” erinnern sollten. Fehlt es an Empathie, wenn es um die schmerzhaften Erfahrungen der Palästinenser geht? 

Hatuqa: In Deutschland gibt es hier ein Problem, das ist klar. Als friedliche Demonstranten trotz des Verbots auf die Straße gingen, wurde ihnen der Slogan “Free Palestine” untersagt. Er gilt dann als potentiell antisemitisch. Was macht das für einen Sinn? Wenn man Freiheit für eine Nation fordert, heißt das doch nicht, dass man der anderen Seite etwas wegnehmen, oder sie schädigen will. Es geht hier um Gerechtigkeit für Palästinenser, denn auch sie verdienen Gerechtigkeit.  

Ich bin mir der deutschen Geschichte sehr bewusst. Aber sie sollte eine Verpflichtung sein, sich überall für Menschenrechte und Würde einzusetzen. Und das schließt auch die Palästinenser ein! 

Deutschland sagt ja immer noch, es setze sich für eine “Zweistaatenlösung” ein – aber konkret wird nichts getan, um Unrecht zu stoppen. Letztlich sind es nur Worte, Lippenbekenntnisse, wenn es hoch kommt eine verbale Verurteilung. Warum sollte die israelische Regierung also ihren Kurs ändern und ernsthafte Untersuchungen zulassen? Warum sollte sie die Besatzung und die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen beenden? Es gibt keinerlei Druck in diese Richtung, Israel erhält Militärhilfen aus den USA und aus der EU und die Beziehungen sind hervorragend.  

Was könnte denn die deutsche Außenministerin tun, wenn sie eine transparente Untersuchung will? 

Hatuqa: Ich weiß nur, dass es so, wie es derzeit läuft, nicht funktioniert. Ohne den gezielten Druck von außen wird es nicht gehen. In diesem konkreten Fall würde ich sagen: Macht Schluss mit dem Eiertanz und sagt der israelischen Regierung eindeutig: Das ist ein ernsthafter Fall, wir wollen eine Untersuchung und Ergebnisse sehen. Aber das würde nur gehen, wenn mehrere EU-Staaten hier gemeinsam und konsequent agieren.  

Was können die Palästinenser selbst tun, um mehr Aufklärung und Rechenschaft zu erreichen? 

Hatuqa: Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) muss dringend eine unabhängige Institution beteiligen, um die Beweismittel zu analysieren. Das muss schnell gehen. Die PA hat bereits erklärt, dass sie den Fall beim Internationalen Strafgerichtshof eingereicht hat, damit er als potentielles Kriegsverbrechen untersucht wird. Die Zivilgesellschaft sollte auch in diese Richtung Druck ausüben. Die Medien müssen den Fall aufarbeiten und weiter recherchieren. Alle müssen ihren Teil zur Aufklärung beitragen. Ihre Tötung war ungerecht – wie jede Tötung – einfach unerträglich ungerecht. Wir dürfen nicht zulassen, dass Shereens Fall in Vergessenheit gerät. 

Interview  von Rene Wildangel

© Qantara.de 2022

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