Die sechsjährige Sajida leidet unter einer seltenen Bluterkrankung. Als sie eine in Libyen nicht erhältliche Knochenmarktransplantation brauchte, wollte ihr Vater mit ihr nach Europa. "Ich habe mehrfach ein Visum beantragt, es wurde aber immer abgelehnt", erzählt er. "Sie hatten wohl Angst, ich könnte die Kosten für die Behandlung nicht tragen."

2016 beschloss er, mit seiner Tochter in einem kleinen Schlauchboot nach Europa zu fahren. Nach 33 Stunden auf dem Meer griff sie ein Schiff der italienischen Küstenwache auf und brachte sie nach Sizilien, wo das Mädchen die lebensrettende Behandlung erhielt.

Andere haben weniger Glück und überleben es nicht, das Mittelmeer in schäbigen Booten zu überqueren. Dennoch wollen immer mehr Libyer weg von Gewalt und Gesetzlosigkeit. Sie hoffen auf Asyl in Europa.

Libyen – das Tor zu Europa

Das Paradoxe ist, dass Libyen in der europäischen Geschichte als Tor zu Afrika gesehen wurde. Nun sehen die Afrikaner es als Tor zu Europa. Auch wenn die EU und das Gaddafi-Regime Gegner waren, arbeiteten sie doch in einigen Bereichen zusammen, etwa bei der Überwachung und Einschränkung der illegalen Einwanderung.

Im Chaos nach Gaddafis Sturz war keine politische Macht in der Lage, zum effektiven Regierungspartner für die EU zu werden. Libyen ist heute ein Transitland mit durchlässigen Grenzen und ineffektiven Behörden.

Der libysche, auf Migration spezialisierte Journalist Zuhier Abusrewil meint, "Libyer können Afrikaner verstehen, die für ein besseres Leben nach Europa fliehen wollen." Deshalb teilen sie die Sorgen der Europäer nicht.

Die Migration hat große Nachteile, findet der Journalist: "Libyen ist leidtragend, weil es weitgehend auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen ist." Jetzt wollen Ausländer nicht mehr in Libyen bleiben. Die Löhne sind gestiegen, es mangelt an Arbeitskräften.

Das größte Problem aber ist das organisierte Verbrechen. Menschenschmuggler erwirtschaften hunderte Millionen von Euro. Lokale Banden haben sich mit bewaffneten libyschen Milizen und Mafia-Cliquen aus Italien und Malta zusammengetan.

Das nach der NATO-Intervention entstandene Machtvakuum hat die Sicherheit untergraben und eine lukrative illegale Branche hervorgebracht. Mit den EU-Standards, auf die die Menschen nach Gaddafis Sturz gehofft hatten, hat der libysche Alltag wenig zu tun. Nun definiert diese Ungleichheit die Sicht der Libyer auf Europa.

Moutaz Ali und Walid Ali

© Zeitschrift Entwicklung und Zusammenarbeit 2020

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