Die Realität dämpft Palästinas Fußballträume

Fußball als Hoffnungsträger

Palästina ist sportlich zwar in der Lage, in Asiens Fußball zu konkurrieren, aber Wachstum und Entwicklung werden durch die Situation in den Palästinensergebieten behindert. Die Explosion der Gewalt zwischen Israel und der Hamas im Mai hat die Situation noch verschlimmert. Hintergründe von John Duerden

Die Fußball-Nationalmannschaft Palästinas besiegte den Jemen am 15. Juni mit 3:0 und belegt damit in der zweiten Runde der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 aktuell den dritten Platz in der Gruppe D - hinter den sportlich deutlich höher eingeschätzten Teams aus Saudi-Arabien und Usbekistan.

Es war eine gute Leistung, die andeutete, was die Mannschaft leisten könnte, wäre sie nicht mit Herausforderungen und Hindernissen konfrontiert, mit denen ihre Gegner nicht zu kämpfen haben. Herausforderungen, die im Mai noch größer wurden.

Die Zwangsräumung von Häusern palästinensischer Familien aus Ost-Jerusalem und die Erstürmung der Al-Aqsa-Moschee durch israelische Streitkräfte entfachten einen Funken der Wut, der daraufhin im Gazastreifen zu einer Explosion der Gewalt führte. Zunächst feuerte die militante Hamas, die den Landstreifen an der östlichen Mittelmeerküste kontrolliert, Raketen auf Israel, was daraufhin mit Angriffen der israelischen Streitkräfte beantwortet wurde. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters wurden bis zum Tag des Waffenstillstands am 21. Mai auf israelischer Seite 13 Menschen getötet, bei den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen starben 256 Palästinenser.

Während der Kampfhandlungen geriet der Fußball für die zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens zur absoluten Nebensache. Dabei ist die Fußball-Nationalmannschaft eine der wenigen Institutionen Palästinas, die international anerkannt ist: 1998 nahm die FIFA die sechs Jahre zuvor gegründete Palestinian Football Association (PFA) in den Fußball-Weltverband auf. Als sich die Mannschaft 2015 erstmals für den Asien-Cup qualifizierte, feierten tausende Fans auf den Straßen von Gaza und im Westjordanland.

Fast drei Jahre lang war der Algerier Noureddine Ould Ali Cheftrainer von Palästinas Elf. (Foto: Ulrich Perdesen/News.com/Picture Alliance)
Sportliche Höchstleistungen unter schwierigsten Bedingungen: Allein die Spieler für die Nationalelf Palästinas zusammenzubekommen, ist kompliziert. Die Spieler der Premier League im Gazastreifen und im Westjordanland benötigen Ausreisegenehmigungen, um die israelischen Militärkontrollpunkte in den besetzten Gebieten zu passieren.

"Die Leidenschaft ist da, aber es gibt Hindernisse, die dafür sorgen, dass die Nationalmannschaft ihr volles Potenzial nicht ausschöpfen kann", sagte Noureddine Ould Ali der Deutschen Welle. Der 48-Jährige war im März nach einer 0:5-Niederlage gegen Saudi-Arabien nach knapp drei Jahren als Cheftrainer Palästinas entlassen worden. "Ob es nun Fußball ist oder etwas anderes: Ohne Frieden kann man nichts machen, und es gibt keinen Frieden in Palästina", so Ould Ali. "Die Palästinenser leben in keiner guten Situation. Die Menschen können sich nicht einfach frei bewegen. Und das macht den Fußball sehr schwierig."

Restriktionen behindern den palästinensischen Fußball

Allein die Spieler für das Team zusammenzubekommen, ist kompliziert. Die Spieler der Premier League im Gazastreifen und im Westjordanland benötigen Ausreisegenehmigungen, um die israelischen Militärkontrollpunkte zu passieren. Es kann dauern, bis sie diese erhalten - so sie denn überhaupt erteilt werden. Einreisegenehmigungen werden ebenfalls benötigt, da die PFA für die Nationalmannschaft auch auf palästinensische Fußballer zurückgreifen will, die im Ausland leben.

2014 forderte der damalige FIFA-Präsident Joseph Blatter Israel auf, für mehr Bewegungsfreiheit zu sorgen. Der stellvertretende PFA-Generalsekretär Mohammed Ammassi hatte damals nicht an einem FIFA-Kongress teilnehmen können, weil er den Gazastreifen nicht verlassen durfte. 

Für Ould Ali machen die Reisebeschränkungen eine ohnehin schon schwierige Aufgabe noch komplizierter. "Palästina muss eine gute Perspektive haben, um sich zu verbessern. Aber das ist schwierig, wenn der Alltag hart ist. Es ist ja schon eine Herausforderung, überhaupt ein Team zusammenzubekommen", sagt der Ex-Nationalcoach. "Einige Spieler können nicht einfach nach Palästina ein- oder ausreisen, weil sie jedes Mal eine Genehmigung brauchen. Und die ist schwer zu bekommen."

Das betraf auch Ould Ali selbst, der aus Algerien stammt. "Jedes Mal brauchte ich eine Erlaubnis, und oft hinderten mich die israelischen Streitkräfte daran, nach Palästina zu fahren. Ich musste an Kontrollpunkten vier, fünf, sechs, acht Stunden oder länger warten. Das ist kein Problem, mit dem andere Cheftrainer zu kämpfen haben. Aber ich hatte mir dieses Leben und diesen Job ja ausgesucht."

Machte sich für Palästinas Fußball stark: Ex-FIFA-Präsident Blatter (l.) 2015 mit Palästinenser-Präsident Abbas (r.) (Foto: Mohamed Torokmah/Reuters/Picture Alliance)
Palästinas große Hoffnung: "Das Team steht für das palästinensische Volk für die Chance, einen Sieg zu fühlen. Es ist fast die einzige Möglichkeit, Hoffnung zu schöpfen und ein Zeichen zu senden, dass das palästinensische Volk noch existiert - in einer Zeit, in der die Welt uns vergisst", betont die PFA-Funktionärin Ihsan Ramadan.

Gewalt macht alles schlimmer

Mit Blick auf die WM-Qualifikation im Juni 2021 hat der militärische Konflikt im Mai die ohnehin schon schwierige Situation weiter verschlechtert. So wurde Mittelfeldspieler Muath Al-Zaanin nach Medienberichten durch einen Luftangriff getötet, die Häuser der Spieler Mohammed Balah und Mohammed Saleh wurden zerstört. "Die psychologischen Folgen waren massiv, Spieler verloren ihr Zuhause, Familienmitglieder kamen ums Leben", sagt Ihsan Ramadan von der PFA.

Es geht aber nicht nur um die Nationalmannschaft. Wenn Schiedsrichter und Offizielle nicht in der Lage sind, an lokalen Spielen in Gaza oder im Westjordanland teilzunehmen, werden die Partien abgesagt. Die Bombardierungen stoppten alle Fußballaktivitäten, auch auf internationaler Ebene. "Alle diese Hindernisse beschränken die Chance von Spielern, Trainern und auch Schiedsrichtern, mehr internationale Erfahrung zu sammeln", so PFA-Funktionärin Ramadan, "ob durch Reisen ins Ausland zu Ausbildungscamps oder durch den Empfang ausländischer Experten, die dabei helfen wollen, den Fußball in Palästina weiterzubringen." 

WM ist keine Option, der Asien-Cup schon

In Asien gibt es nur vier direkte Qualifikationsplätze für die Weltmeisterschaft 2022. Für Palästina - aktuell auf Platz 104 der FIFA-Weltrangliste geführt - bestand nie die realistische Chance, vor asiatischen Fußball-Schwergewichten wie Südkorea, Japan oder Australien zu landen. Die ersten beiden der insgesamt vier Qualifikationsrunden für die WM in Katar gelten allerdings gleichzeitig auch als Qualifikation für den Asien-Cup 2023 in China. Es wäre ein Riesenerfolg, wenn das Team Palästinas zum dritten Mal in Folge an dem kontinentalen Turnier teilnehmen würde. "Die Qualifikation für den Asien-Cup ist derzeit eine der Hauptaufgaben für die Mannschaft. Wir hoffen auf gute Ergebnisse", sagt Ramadan.

Auch die palästinensischen Fußballfans stehen nur so lange hinter ihrer Mannschaft, wie die Ergebnisse stimmen. "Wenn das Team verliert, sind die Leute frustriert und fordern einen Trainerwechsel", sagt Ihsan Ramadan. Allerdings seien die palästinensischen Fans insgesamt treuer als andere: "Das Team steht für das palästinensische Volk für die Chance, einen Sieg zu fühlen. Es ist fast die einzige Möglichkeit, Hoffnung zu schöpfen und ein Zeichen zu senden, dass das palästinensische Volk noch existiert - in einer Zeit, in der die Welt uns vergisst."

Noureddine Ould Ali stimmt dem zu. "In Palästina spendet nur der Fußball Glück. Die Fans lieben das Spiel, und es ist so wichtig für sie", sagt der Ex-Nationaltrainer. "Wenn die Mannschaft ein Spiel gewonnen hat, spüren die Spieler, dass sie den Menschen ein wenig Glück geschenkt haben. Aber es ist hart - und es wird immer härter."

John Duerden

© Deutsche Welle 2021

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