Hatoums Arbeiten liegt oft eine Spannung zugrunde: Auf der einen Seite die rationalen Komponenten in Form versperrter Fenster, Karten oder des Galerieraums, die den Abdruck des Establishments tragen (Patriarchat, Kolonisierung oder Bürokratie). Auf der anderen Seite die viszeralen Komponenten, die den Besucher mit emotionalen Symbolen locken und die zu wirkmächtig sind, um rational erfasst zu werden – wie die Stickereien, die Nabulsi-Seife oder die Kufiya. Wie bei galvanischen Zellen treten beide Pole gegeneinander an und elektrisieren den Besucher.

Wenn man sieht, wie Hatoum Ikonen aus einem visuellen und psychologischen arabischen Reservoir entnimmt, sie verändert und damit Werke schafft, die sich einer Versöhnung mit sich selbst und ihrer Umgebung verweigern, wird deutlich, dass Hatoums Erfahrung als arabisch-palästinensische Frau eine bestimmende Rolle in ihrer Kunst spielt.

Der vereinnahmte arabische Schwarze Mann

Was die westliche Historiographie angeht, die den arabischen Schwarzen Mann in ihrem Werk neutralisieren möchte, um es leichter vereinnahmen zu können, so ist dies völlig normal. Westliches Kunstverständnis (wie jedes andere) suchte schon immer anderswo nach Lösungen für seine Probleme.

So erfand es eine längst untergegangene griechische Kultur in der Renaissance neu oder drückte seine Modernität mit formalen Verfahren als Ableitung aus afrikanischen und asiatischen Künsten aus, wobei das nur zwei Beispiele für dieses Phänomen sind. Diesmal ist Mona Hatoum die perfekte Kandidatin für diese Begegnung mit der Gewähr auf minimale Gegenseitigkeit.

Faszinierende Leichtigkeit

Hatoums Stellung als Exil-Palästinenserin hat zu ihrem Bekanntheitsgrad beigetragen, nicht obwohl, sondern weil man sogar behaupten kann, dass es diese Stellung war, die es ihr ermöglichte, die zeitgenössische Kunst aus gewissen Sackgassen herauszuholen, als sie sich in einer Szene wiederfand, deren Haltung gegenüber der arabisch-palästinensischen Lage einer Mischung aus Irrtum und Gleichgültigkeit entstammte. Sie war eine der wenigen Künstlerinnen, die neue Werkzeuge zu entwickeln vermochte, mit denen sie Anliegen ausdrücken konnte, die nur sie als dringlich erkannte.

Das bekannte Gefühl der Entfremdung in Hatoums Kunst ist fest in dem kollektiven Zustand nach Ausbruch des Sechstagekrieges (Naksa) verwurzelt und kann nicht als rein biographisch, individuell oder generisch postmodern abgetan werden. Und doch erscheint "militant" als ein zu plumpes Wort für Werke, die so subtil sind wie die von Mona Hatoum.

Im Unterschied zur "militanten" Kunst zeichnet sich ihre Kunst durch eine faszinierende Leichtigkeit aus, mit der sie sich selbst und ihre Ursachen hinterfragt. In Hatoums Händen verweisen selbst die intimsten palästinensischen Symbole auf universelle Anliegen und bewahren gleichzeitig ihre Singularität.

Letztlich scheint Hatoum nicht auf die Dissoziation einer arabischen Erfahrung von einer westlichen abzuzielen, sondern das zu suchen, was beiden gemein ist. Auf dass in der menschlichen Erfahrung als Ganzes das Gute vom Schlechten getrennt werde. Vielleicht aber möchte sie uns nur daran erinnern, dass solche Dissoziationen nicht so einfach sind, wie wir möglicherweise denken.

Yazan Loujami

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Aus dem Englischen von Peter Lammers

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