Der Titel rekurriert auf den großen italienischen Humanisten und Theoretiker Leon Battista Alberti, der das perfekte Bild als "Fenster" zur Welt beschrieb. Diese Metapher bestimmte bis ins 19. Jahrhundert die räumliche Gestaltung und Perspektive der westlichen Malerei. In Twelve Windows beschwört Hatoum Albertis Metapher ironisierend.

Ihre zwölf aussichtslosen Fenster blicken auf eine abstrakte Heimat aus Farben, bei der alle Perspektiven blockiert sind. Jedes Fenster verweist mit seinem Muster auf die Vorstellung einer palästinensischen Stadt, ohne diese zu zeigen. Vielleicht weil sie nicht mehr existiert oder weil wir uns nicht vor Augen zu führen vermögen, was aus ihr geworden ist. Die verbliebenen Trümmer werden mit einem folkloristischen Symbol abgeschirmt, das Wärme und Geborgenheit evoziert, während es uns insgeheim erstickt. Letztlich können alle Fenster Hatoums zusammen keinen einzigen Lufthauch hereinlassen. Der Galerieraum bleibt fensterlos.

Die feministische Dimension ist auch hier wesentlich. Die Stickerei galt schon immer als untergeordnetes Handwerk, dem das Attribut "Kunst" vorenthalten wurde. Ganz im Gegensatz zur Malerei, Bildhauerei oder Architektur. Doch zu diesen Kunstformen blieb Frauen der Zutritt historisch verwehrt.

In diesem Kontext baut Hatoum auf den Ideen der politischen Aktivistin und Schriftstellerin Alice Walker auf, die unter anderem eine Neubewertung solcher Dekorationsgegenstände als einziges Zeugnis eines unterdrückten Talents forderte, das sich mit einfachsten Mitteln ausdrücken musste.

Mona Hatoums "12 windows"; Quelle: dailyartfair.com
Fenster mit Blick auf eine verlorene palästinensische Stadt: 2012 arbeitete Hatoum mit geflüchteten Frauen gemeinsam an der Herstellung traditioneller palästinensischer Stickereien, deren unterschiedliche Muster auf die jeweiligen Regionen Palästinas verwiesen. Die fertigen Stickereien hängte sie wie Wäsche in der Galerie auf. Was zunächst fast banal wirkt, entfaltet nach Lesen des Titels seine Magie: "Twelve Windows".

Im arabischen Kontext, in dem Frauen vor dem 20. Jahrhundert in der künstlerischen oder historiographischen Praxis nur eine Nebenrolle spielten, ist die Stickerei eine alternative Methode zur Darstellung der Geschichte – nicht als Abfolge von männergemachten politischen Ereignissen, sondern durch körperliche Verbundenheit mit Farben und Mustern, die Familien mit ihrem Land verknüpfen.

Die Hängung der Tücher erinnert an das Bild einer Mutter oder Frau, die die Tücher an der Zeltwand eines Flüchtlingslagers zum Trocknen aufhängt. Ihr einziges verbliebenes Fenster zu einer verlorenen Heimat ist die "Sicherheit" ihrer häuslichen Umgebung. Doch wie die Wäschestücke verbleibt diese buchstäblich in einem endlosen Schwebezustand.

Seife als Sinnbild eines Landes

Neben den Alltagsgegenständen ist Hatoums Werk von einer weiteren typisch arabischen Obsession geprägt: den Landkarten. In Werken wie Hot Spot oder 3D Cities erinnert Hatoums Verhältnis zu Karten an den Geographielehrer in dem Theaterstück Abendgala für den 5. Juni des syrischen Dramatikers Saadallah Wannous aus dem Jahr 1967, der heimlich Ausschnitte, die der Karte der arabischen Welt entrissen wurden, in seiner Schublade aufbewahrt, in der Hoffnung, ihnen ein neues Leben zu verleihen oder zumindest zu verstehen, warum und wie wir diese verloren haben.

In Present Tense (1996) reproduzierte Mona Hatoum die mit dem Oslo-Abkommen neu entworfene Karte, indem sie Perlen in mehr als zweitausend Stücke handgemachter Nabulsi-Seife presste. Die Wirkmacht des Werkes liegt in dem prägnanten Duft der Seife, der das Gedächtnis der arabischen Besucher auffrischt und gleichzeitig verstört. Ihre Frische dringt in die leblosen sterilisierten Poren des weißen Galerieraums ein, übertritt dessen vermeintliche Neutralität, genau wie sie gegen die Bedeutung der ihr auferlegten Karte verstößt, die sich ohnehin auflösen wird, sobald sich die Seife auflöst.

Wenn der Seife als Sinnbild des Landes Grenzen gewaltsam auferlegt werden, versperrt sich dieses Land der Logik seines Besetzers und reagiert anders als vorgesehen: Der intuitive Geruchssinn überwindet den eher rationalen Sehsinn, befreit die Idee der Heimat von Karten und Ländern und wird zu etwas, das wir in der Luft wahrnehmen, das uns umgibt und in unsere Körper strömt.

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