Hatoums Kufiya stellt allerdings keine dieser Fragen. Es ist ein stilles Objekt. Es existiert und provoziert einfach. Die Fragen erwachsen vielmehr aus unserem plötzlichen Unbehagen gegenüber einem Objekt, das uns als ebenso bekannt wie harmlos galt. Doch die Kraft von Hatoums Werk liegt gerade in seinem Vermögen, sich jeder Erklärung zu widersetzen und stattdessen seine Bedeutung instinktiv, telepathisch und doch kristallklar zu kommunizieren.

Mona Hatoum lehrt uns wieder, wie wir Dinge betrachten sollten: Es gibt keine unschuldigen Objekte. In allen kann sich eine Machtdynamik und sinistere Gewalt verbergen, die sich unvermittelt entlädt. Hatoum ist eine Meisterin darin, den latent schlummernden Schwarzen Mann in den Dingen zu wecken und ihn ohne Vorwarnung auf uns loszulassen, sodass wir erschrecken wie Kinder, denen eine Lektion erteilt wird.

Exil und Gewalt

Was wäre, wenn zwei Teetassen wie siamesische Zwillinge miteinander verschmölzen? Alles, was man dazu braucht, ist ein Blick auf T42 (1999). Anfangs meint man fast, Teetassen seien schon immer so gewesen. Dabei sind Hatoums Teetassen ebenso beklemmend wie zerbrechlich. Sie atmen etwas vom emotionalen Druck auf Familientreffen oder von schmerzhaften einseitigen Gesprächen.

Es ist unmöglich, zu zweit gleichzeitig daraus zu trinken. Stets nimmt einer alles. Es sei denn, der andere beschließt, auf die Gewalt des Objekts seinerseits mit Gewalt zu reagieren, indem er eine Tasse auf die Gefahr hin herausbricht, die andere zu verlieren oder irreparabel zu beschädigen oder gar beide zu zerstören.

Albtraumhafte Züge entwickelt das Werk, wenn wir erfahren, dass sein Titel T42 nicht nur ein Wortspiel und eine Referenz auf den Schlager Tea for Two ist, sondern auch der Name eines Kampfpanzers.

Mona Hatoums  Keffieh (Kufiya); Quelle: artsy.net
Still und provokant: In Keffieh (Kufiya) sind Haarlocken von Hatoum in das emblematische „Palästinensertuch“ eingewoben und kräuseln sich wie giftiges Unkraut. Das Ergebnis ist verstörend und lässt viele Deutungen zu: Vielleicht symbolisiert es die gefährliche Weiblichkeit, die eine nationale Ikone überwuchert. Und haben Frauen die Kufiya nicht schon immer zulasten ihres eigenen Leibs und Lebens für Männer gemacht?

In einem Artikel über Hatoum sieht der Exil-Palästinenser Edward Said in diesen Objekten eine Bindung an eine nicht länger existierende Heimat. Das Exil übt Gewalt auf das Gedächtnis aus, sodass Alltagsgegenständen die Narben und Ängste ihrer Benutzerin aufgezwungen werden, die sie nach ihren eigenen Vorstellungen nachbildet: launisch, verletzt und zwischen fernen Welten gefangen:

"Häuslichkeit transformiert sich so zu einer Reihe von bedrohlichen und gänzlich unwirtlichen Objekten, deren neuer und offenbar nicht häuslicher Gebrauch darauf harrt, definiert zu werden. Es sind unerlöste Dinge, deren Verzerrungen nicht zur Reparatur oder Überarbeitung zurückgeschickt werden können, da die alte Adresse zwar unerreichbar vorhanden ist, aber dennoch annulliert wurde (....). Das Gedächtnis beharrt immer wieder darauf, dass diese Objekte uns bekannt waren, aber irgendwie nicht mehr sind, obwohl die Erinnerungen unermüdlich an ihnen festhalten."

Fenster zur Welt

2012 arbeitete Hatoum mit geflüchteten Frauen gemeinsam an der Herstellung traditioneller palästinensischer Stickereien, deren unterschiedliche Muster auf die jeweiligen Regionen Palästinas verwiesen. Die fertigen Stickereien hängte sie wie Wäsche in der Galerie auf. Was zunächst fast banal wirkt, entfaltet nach Lesen des Titels seine Magie: Twelve Windows. Plötzlich wird jedes der quadratischen Tücher zu einem Fenster mit Blick auf eine verlorene palästinensische Stadt.

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