Diesen Geist des Friedens, der Zusammengehörigkeit, der Freiheit und der Verantwortung atmet die Nuit Sacrée und darin liegt auch die Kraft dieser Initiative. Die Anwesenden erleben einen Moment der Öffnung und der Spiritualität, vermittelt durch die Sprache von Musik und Gesang. Diese erreicht die Menschen sehr direkt und sehr tief. Es ginge darum zu verstehen, dass "niemand die Transzendenz für sich (alleine) besitzt", so Grzyboswki.

Der Imam und Leiter des Maison Soufi Abdelhafid Benchouk appelliert am zweiten Tag der Veranstaltung besonders dringend an die Medien und ihre Verantwortung: "Heutzutage besteht immer noch ein Defizit bei der Verbreitung solcher Initiativen in der Öffentlichkeit. Leider bekommen wir in unseren Fernsehern und auf unseren Radiosendern nicht genug von Aktionen dieser Art mit, die täglich stattfinden und sehr zahlreich sind. Um am interreligiösen Dialog teilzunehmen, gibt es so viele verschieden Vereinigungen, die enorme Arbeit leisten, doch keiner redet davon."

"Wir alle haben eine Wahrheit"

Der Rabbiner und Gründer der franko-amerikanischen Synagoge Kehilat Gesher, Tom Cohen, unterstrich nach einer durchwachten Nach anlässlich des jüdischen Festes Schawuot, welches an den Empfang der Zehn Gebote am Berg Sinai erinnert: "Wir alle, jede/r einzelne hier, haben eine Wahrheit. Das Problem entsteht in der Gesellschaft, wenn wir unsere Wahrheit für die Wahrheit nehmen. Wenn wir akzeptieren, dass jeder eine Wahrheit hat, bedeutet das, dass wir dem anderen entgegengehen müssen, um die Wahrheiten zu verstehen und um der Wahrheit näherzukommen."

Friede sei nicht die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, sondern etwas wie Fülle, so Cohen. "Mögen wir diese Fülle in unserem Leben haben."

Und der katholische Grzyboswki lud zu einer Minute des Schweigens im Gedenken der unzähligen bekannten und unbekannten Opfer von Gewalt und zum Gebet für den Frieden: "Für alle die Opfer der Islamophobie, die Opfer von jeglicher Form des Hasses, all die Opfer menschlicher Torheit, religiöser, politischer oder sonstiger Gewalt, um sie in unseren Herzen zu tragen - jeder auf seine Art. Mögen diese Akte der Gewalt für immer verschwinden."

Den krönenden Abschluss machte dann das Ensemble Derwish Spirit: Sakrale Gesänge in arabischer, türkischer und persischer Sprache der sufischen Tradition - begleitet von wirbelnden Derwischen - versetzten nahezu die ganze Kirche in Trance.

An den Schätzen der "anderen" Religion, Kultur und Weltanschauung Teil nehmen und an der eigenen Teil geben - das Rezept erwies seine volle Wirkkraft und die zauberhaften Bilder einer Friedensvision voller Farben, Bewegung und Schönheit werden die vielen Pilger so schnell nicht vergessen.

Zahra Nedjabat

© Qantara.de 2019

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