Die neue Kunstszene Zentralasiens

Liebe aus den Weiten der Steppe

Zentralasien erinnert sich seiner alten Kultur. Ein Prozess, der von der künstlerischen Avantgarde ins Rollen gebracht wird. Keine leichte Aufgabe, denn immerhin haben manche Nationen der Region rund anderthalb Jahrhunderte Fremdbeherrschung abzuschütteln. Von Jesko Schmoller

In ihren Videoproduktionen bedient sich die kasachische Künstlerin Almagul Menlibaeva der schamanistischen Symbolik ihrer Vorfahren; Foto: Polyzentral 2006
In ihren Videoproduktionen bedient sich die kasachische Künstlerin Almagul Menlibaeva der schamanistischen Symbolik ihrer Vorfahren

​​Die Steppe brennt. Wo sich eben noch grüne Hügel über den Horizont wellten, da versperrt jetzt eine brausende Feuerwand die Sicht. Davor drei Gestalten, zwei junge Frauen, ein alter Mann, von deren nackten Körpern das Leuchten der Flammen zurückgeworfen wird. So stehen sie da, in einem Moment einen Pferdeschädel im Arm wiegend, im nächsten ihr ganzes Menschsein in den Himmel hinausbrüllend.

Dann ist der Film vorbei. Die Namen der Mitwirkenden des Produktionsteams laufen über die Leinwand, das Licht geht an und da ist sie: Almagul Menlibaeva, Filmemacherin aus Kasachstan. Selbstbewusst blicken die schrägen Augen aus dem hübschen, runden Gesicht. "Was ich in meinem Video darstellen wollte, ist die Geburt des neuen Menschen."

Das klingt zwar nach Nietzsche, hat aber einen anderen Hintergrund. Wie die übrigen Nationen Zentralasiens standen die Kasachen lange Zeit unter russischer und später sowjetischer Oberherrschaft. Besonders die Sowjets griffen brutal in die Gesellschaftsstrukturen der in ihren Augen rückständigen Turkvölker ein, die zwischen Schwarzem Meer und China lebten.

Extrem hart traf der sowjetische Hammer die Religionen, da sie das aufgeklärte Menschenbild des Kommunismus zu verschandeln drohten. Die Moscheen wurden nach und nach geschlossen, die "abergläubischen" Praktiken des Schamanismus abgeschafft.

Kreativität durch Zensur

Zu eben dieser schamanistischen Tradition aber möchte Menlibaeva zurückfinden. Glücklicherweise ist sie nicht ganz verloren gegangen, sondern konnte auch unter den fremden Machthabern fortbestehen; wenn auch nicht an der Oberfläche. "Die sowjetische Zensur hatte auch einen positiven Aspekt", erklärt die Kasachin verschmitzt. "Die Künstler wurden kreativer und kleideten ihren religiösen Ausdruck einfach in Symbole."

Menlibaeva ist nicht die einzige Repräsentantin der neuen Kunstszene Zentralasiens, die im März auf Einladung des Kampnagel-Theaters die Stadt Hamburg besuchte, um dem deutschen Publikum ihre Kultur näher zu bringen. Wer Ovlyakuly Khodjakuly nicht kennt, würde nicht vermuten, dass er daheim die Renaissance der Tradition verkörpert. Der Ziegenbart, die Kahlrasur, die langen Rastazöpfe am Hinterkopf.

​​Ein Krawallmacher? Vielleicht. Ein Punk? Bestimmt. Aber doch kein Regisseur. Irrtum! Seit 1986 ziehen seine Produktionen die Menschen ins Theater. Und das nicht nur in seiner Heimat Turkmenistan.

Hätte Khodjakuly seine künstlerische Karriere vor dem Auftauen der restriktiven Kulturpolitik – Gorbatschows Glasnost – begonnen, sie wäre wohl bald wieder beendet gewesen. "Die Beamten des Kulturministeriums warfen mir damals vor, bourgeoise Dialoge zu propagieren. Irgendwie habe ich die kommunistische Ideologie nie so richtig verstanden." Die Augen des Turkmenen lächeln freundlich.

"Zurück zu unseren Wurzeln"

Das Jahr 1991 brachte den zentralasiatischen Republiken Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kasachstan schließlich die Unabhängigkeit. Wie ein Kartenhaus war die innerlich marode Sowjetunion in sich zusammengefallen. Doch wohin nun steuern?

"Zurück zu unseren Wurzeln", gab Khodjakuly den Kurs vor. So lautet auch die Devise für seine Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Anna Mele. Als "King Lear" kommt der eigenwillige Turkmene dieses Jahr noch nach Polen und auf das "Internationale Monodrama Festival" in Kiel.

Mit Mele wird die Shakespeare’sche Tragödie zu einer Geschichte aus 1001 Nacht und der verrückte König zum Kalifen. Ohne zu zögern stellte Khodjakuly das Stück in die Tradition des alttürkischen Theaters, in der ein einzelner Schauspieler gleichzeitig Erzähler, Clown und Puppenspieler ist. Bei Mele wirkt der rasante Rollenwechsel wie eine Persönlichkeitsspaltung. Ein idealer Lear eben.

Die neue alte Kultur Zentralasiens ist etwas, das sich sehen lassen kann. Sie ist durchdrungen von Werten, die man so im Westen nicht findet, wie die Videokünstlerin Menlibaeva meint. "Das Erbe meiner zentralasiatischen Heimat ist die Großmütigkeit und die tiefe Liebe für die Menschen. Das ist etwas, was wir dem Westen geben können, und die Zeit wird kommen, in der er genau dies benötigen wird."

Jesko Schmoller

© Qantara.de 2006

Qantara.de

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