Die marrokanische Soziologin Fatima Mernissi

Mit dem Propheten für die Freiheit des Individuums

Die weltbekannte marokkanische Soziologin und Schriftstellerin Fatima Mernissi feiert im Oktober ihren 70. Geburtstag. Martina Sabra hat für Qantara.de die "Grande Dame" der marokkanischen Demokratiebewegung und des Dialogs zwischen Orient und Okzident in Rabat besucht.

Fatima Mernissi; Foto: AP
"Die Wissenschaftlerin und Essayistin schafft es, die Menschen zu informieren, sie zum Nachdenken anzuregen und sie gleichzeitig zu unterhalten", würdigt Martina Sabra die Marokkanerin Fatima Mernissi.

​​ Fatima Mernissi hat ein lustvolles Verhältnis zum wissenschaftlichen Denken. Ganz gleich, worüber sie schreibt – Frauenrechte in der arabischen Welt, die Angst des Westens vor dem Islam, die kulturelle Globalisierung: die marokkanische Wissenschaftlerin und Essayistin schafft es, die Menschen zu informieren, sie zum Nachdenken anzuregen und sie gleichzeitig zu unterhalten.

Ihre Bücher wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt, mehrfach erhielt sie hochrangige internationale Auszeichnungen für ihr Werk: unter anderem den europäischen Erasmus-Preis und den spanischen Preis des Prinzen von Asturien.

Verführung durch Sprache

Am Beginn dieser Karriere stand eine traditionelle Koranschule in Fès, wo Fatima Mernissi einen friedfertigen Islam kennenlernte. "Schreiben heißt Verführen", sagt die Schriftstellerin im Interview bei sich zuhause in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. "Und Verführung ist das Gegenteil von Gewalt. Das habe ich in der Koranschule gelernt. Was glauben Sie wohl, warum sind Bücher wie der Koran und die Bibel seit über tausend Jahren Bestseller? Ganz einfach: Weil sie auf die Verführung durch Sprache setzen und nicht auf Gewalt."

LDDF Karawane in Marrakesch; Foto: Martina Sabra
Fatima Mernissi unterstützt mit ihrem Namen und ihren Ideen aktiv demokratische Initiativen.

​​ Fatima Mernissi wuchs mit den islamischen Quellen und den mystischen, gewaltfreien Strömungen des marokkanischen Islams auf. Aber ihre Großfamilie war trotz aller Traditionsverbundenheit auch vorausschauend genug, sie auf eines der ersten modernen französisch-arabischen Gymnasien in Fès zu schicken. Die begabte Tochter nutzte die Chance: Sie bestand das Abitur, studierte Sozialwissenschaften, jobbte danach in England und Frankreich und gelangte schließlich in die USA, wo sie ein Doktorandenstipendium erhielt.

Gender Studies in Orient und Okzident

Es waren die 1960er Jahre, die Zeit der Bürgerrechtsbewegungen. Der Kampf der Frauenbewegung in den USA um gleiche Rechte und sexuelle Selbstbestimmung lehrte die junge Soziologin aus Marokko, dass Frauenunterdrückung kein Spezifikum der arabisch-islamischen Welt war.

Dennoch musste Fatima Mernissi erleben, dass man sie wegen ihrer nordafrikanischen und muslimischen Herkunft für besonders benachteiligt hielt. Fatima Mernissi wollte den verzerrten gegenseitigen Wahrnehmungen auf den Grund gehen: Sie machte die Diskurse über Gender und Frauen in Orient und Okzident zum Thema ihrer Doktorarbeit.

Sigmund Freud; Foto: Wikipedia
Standardwerk der interkulturellen Genderforschung: In ihrer Dissertation verglich Fatima Mernissi das Frauenbild des österreichischen Psychoanalytikers Sigmund Freud mit dem des mittelalterlichen islamischen Theologen Imam Al-Ghazali.

​​ Den Kern ihrer Dissertation bildete ein Vergleich zwischen dem Frauenbild des österreichischen Psychoanalytikers Sigmund Freud und dem des mittelalterlichen islamischen Theologen Imam Al-Ghazali. Wenn sie die Ergebnisse ihrer Studie heute lese, so Mernissi, verblüffe sie die Aktualität:

"Sigmund Freud behauptete, dass die Frau sich insgeheim einen Penis wünscht. Das ist idiotisch. Im Islam war man Jahrhunderte zuvor schon viel weiter. Der mittelalterliche Gelehrte Imam Al-Ghazali schrieb, dass der Mann die Frau um ihre Gebärmutter beneide. Statt Penisneid müsste man eigentlich man von Uterusneid sprechen."

Der Koran und die Unterdrückung der Frauen

Die Disseration die 1975 unter dem Titel "Geschlecht, Ideologie, Islam" erschien, wurde in 30 Sprachen übersetzt und gilt heute als Standardwerk der interkulturellen Genderforschung von den USA bis Malaysia. Allein auf Deutsch wurde das Buch dreimal nachgedruckt. Und auch ein weiteres Werk von Mernissi, das 1987 in Frankreich erschien, gilt als Klassiker: Der "politische Harem".

Die zentrale These des Buches ist, dass der Koran an sich keine Frauenunterdrückung rechtfertige. Frauenfeindlich seien vielmehr die männlichen Religionsgelehrten, die den Koran über tausend Jahre lang in ihrem Sinn ausgelegt und zur Unterdrückung der Frauen missbraucht hätten.

​​ "Der politische Harem" wurde weltweit in zahlreiche Sprachen übersetzt, doch in Marokko gab es das Buch jahrelang nur unterm Ladentisch zu kaufen. "Ich hatte den konservativen Religionsgelehrten und den Mächtigen die Show gestohlen", erklärt Fatima Mernissi.

"Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer absoluten Monarchie, die ihren Herrschaftsanspruch auf den Islam gründet. Und dann kommt eine Frau daher, und behauptet: Wer gegen die Freiheit des Individuums ist, sei gegen den Propheten Muhammad. Das konnte sich der Polizeistaat unter Hassan dem Zweiten nicht bieten lassen."

Bahnbrechende Initiativen für sozialen Wandel

Trotz Polizeistaat konnte Fatima Mernissi aber auch unter Hassan dem Zweiten relativ unbehelligt agieren. Neben ihrer diplomatischen Rhetorik schützten sie ihre Herkunft aus einer wohlsituierten Grundbesitzerfamilie und eine Anzahl Verwandter in einflussreichen Positionen.

Fatima Mernissi nutzte ihren Namen und ihre Stellung aktiv, um demokratische Initiativen zu unterstützen. Ihr bevorzugtes Instrument wurden dabei seit Ende der 1980er Jahre die sogenannten "ateliers d'écriture", Schreibworkshops mit unabhängigen Autorenkollektiven.

Mehrere Workshops unter Leitung von Mernissi führten zu bahnbrechenden Publikationen: Folteropfer schrieben sich ihr Leid von der Seele, Menschenrechtler prangerten den sexuellen Missbrauch von Schulkindern an, Bürgerinitiativen in Südmarokko berichteten über Basisdemokratie, Teppichweberinnenerzählten von ihren Träumen.

Verlust der Medienherrschaft

Schulkinder in Marokko; Foto: Martina Sabra
"Schreiben heißt Verführen, und Verführung ist das Gegenteil von Gewalt. Das habe ich in der Koranschule gelernt", sagt Mernissi.

​​ Mittlerweile ist in Marokko eine neue Generation herangewachsen, die sich mehr für das Internet als für Bücher interessiert. Die Schreibworkshops sind jedoch weiterhin gefragt, und Fatima Mernissi verfolgt mit großem Interesse die sozialen Medien. Sie geht davon aus, dass youtube, twitter und co. langfristig zu mehr Demokratie in den arabischen Ländern führen werden, weil die Mächtigen das Monopol über die wichtigsten Ressourcen verlieren: Kommunikation und Information.

Wenn Fatima Mernissi gerade nicht im weltweiten Netz unterwegs ist oder andere beim kreativen Schreiben unterstützt, arbeitet sie an ihrem eigenen neuen Buch. "Warum der Islam dem Westen Angst macht" lautet der Arbeitstitel eines großen neuen Essays, der 2011 auf Englisch in den USA erscheinen soll.

Zum zehnten Jahrestag der Anschläge des 11. September wird das Buch in den USA sicher für Zündstoff sorgen. Vor dem Hintergrund der jüngsten Debatten über den Islam und die Muslime in Deutschland wünscht man sich, dass dieses Buch möglichst bald auch ins Deutsche übersetzt wird.

Martina Sabra

© Qantara.de

Mernissi wuchs in einem Harem auf und studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Sorbonne in Paris, danach wurde sie in den USA an der Brandeis University promoviert. Derzeit lehrt sie als Soziologin an der Universität Rabat.

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

Qantara.de

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