Die libanesisch-amerikanische Künstlerin Helen Zughaib

"Uns verbindet mehr, als uns trennt"

Die in Beirut geborene Künstlerin Helen Zughaib arbeitet mit ihrer Kunst seit dem 11. September daran, einem überwiegend amerikanischen Publikum positive Bilder von Arabern und dem Nahen Osten zu vermitteln. Yasmine Salam stellt sie vor.

Helen Zughaib zeigt die stille Würde ihrer Figuren im Alltagsgeschehen. Die Motive ihrer Bilder reichen vom hektischen Gedränge verschleierter Frauen in einem Raum bis hin zu einem Stillleben aus Schuhen, abgestellt auf einem islamischen Ornament. Diese kleinen, aber symbolischen Motive zeigen die zutiefst menschlichen Momente in schweren Konflikten oder Tragödien.

Der Betrachter wird von den leuchtenden Farben der Werke Zughaibs förmlich angezogen. Diese intensiven und lebhaften Farben auf ihrer Gouache-Leinwand sind keine ästhetische Ablenkung, sondern ergänzen Zughaibs zentrale Botschaft von Hoffnung und Zuversicht. Sie setzt bewusst auf helle Farben zur Darstellung eher finsterer Ereignisse. Insbesondere in ihrer jüngsten Kollektion "Arab Spring" (Arabischer Frühling) scheinen Blumen aus jeder Ecke ihrer Leinwand zu sprießen.

"Meine Arbeiten zu 'Arabischer Frühling' begann ich mit dem Motiv einer Blume, die für mich Hoffnung, Zuversicht und Gleichheit symbolisiert. Ich behielt das Blumenmotiv bei und schuf verschiedene Varianten in den folgenden sechs (und mehr) Jahren, in denen sich der 'Frühling' weiterentwickelte. Auch an den leuchtenden Farben hielt ich fest.

Mich fesselt der Begriff der Schönheit. Ich möchte schließlich den Betrachter meiner Werke für meine Geschichte gewinnen. Ich möchte, dass er Empathie empfindet, sich in die Lage des anderen versetzt, buchstäblich und bildlich. Wenn ein Kunstwerk anziehend oder gar schön ist, lassen sich die Menschen von seiner Schönheit einnehmen. Sie befassen sich dann intensiver mit dem Werk, sodass sie meine Botschaft hören können. Davon bin ich überzeugt. Das mag ein wenig subversiv sein, aber ich erreiche mit diesem Dialog schließlich mein Ziel, nämlich Empathie zu wecken und nach einer möglichen Lösung zu suchen."

Helen Zughaibs "di/as/pora"; Foto: Helen Zughaib
Ein Rinnsal aus Menschen in einen großen Strom verwandelt: Di/as/pora, ist ein Triptychon, daher auch die Trennstriche im Titel, die auf Auszug, Abschied und Flucht verweisen. "Es gibt zwei mögliche Szenarien: freiwillige Abreise oder die erzwungene, gefahrvolle Vertreibung und Flucht. Das ist ebenso eine persönliche Erzählung wie ein Verweis auf die aktuelle Flüchtlingskrise", sagt Helen Zughaib.

Masseneinwanderung und Diaspora

Eine maßgebliche Inspirationsquelle für Zughaibs Arbeit ist das Thema Masseneinwanderung und Diaspora. Für Zughaib hat dieses Thema eine persönliche und eine globale Dimension. Zweimal musste sie selbst vor Gewalt fliehen: einmal während des Kriegs mit Israel 1967 und erneut 1975 während des libanesischen Bürgerkriegs, der sich letztendlich zu einem Dauerkonflikt entwickelte.

Ein Werk in ihrer Reihe "Arabischer Frühling" ist solchen Schicksalswendungen gewidmet und trägt den Titel "di/as/pora".

"Di/as/pora, ist ein Triptychon, daher auch die Trennstriche im Titel, die auf Auszug, Abschied und Flucht verweisen. Wir sehen, wie sich ein Rinnsal aus Menschen in einen großen Strom verwandelt... Es gibt zwei mögliche Szenarien: freiwillige Abreise oder die erzwungene, gefahrvolle Vertreibung und Flucht. Das ist ebenso eine persönliche Erzählung wie ein Verweis auf die aktuelle Flüchtlingskrise.

Beides habe ich selbst erlebt. Kurioserweise lässt sich dieses Werk von links nach rechts betrachten (wie von mir ursprünglich beabsichtigt), aber auch von rechts nach links, so wie die arabische Sprache geschrieben und gelesen wird. Darauf wies mich letztens ein Kollege während der Ausstellung hin."

Helen Zughaibs "Abaya Picasso"; Foto: Helen Zughaib
Picasso verhüllt: "Ich benutzte die Abaya in einigen Werken ironisch, in anderen Werken humoristisch und in wieder anderen Werken aufklärerisch. Ich wollte die vorgefassten Vorstellungen ausräumen, die mit der Abaya verbunden sind", so Helen Zughaib.

Ein weiteres wichtiges Element in Zughaibs Werken ist die Abaya, also das traditionelle islamische Überkleid für Frauen. Seit einem kritischen Zeitpunkt in den arabisch-amerikanischen Beziehungen nimmt die Abaya eine Schlüsselrolle in ihren Bildern ein.

"Ich malte die Abaya erstmals nach dem 11. September und den Kriegen im Irak und in Afghanistan. Damals begann in den Massenmedien die negative Stereotypisierung von Arabern, arabischstämmigen Amerikanern und Muslimen.

Ich benutzte die Abaya in einigen Werken ironisch, in anderen Werken humoristisch und in wieder anderen Werken aufklärerisch. Ich wollte die vorgefassten Vorstellungen ausräumen, die mit der Abaya verbunden sind; beispielsweise in der damals begonnenen Reihe 'Changing Perceptions' (Wechselnde Wahrnehmungen).

In dieser Bildergruppe kombinierte ich Mondrian und die Abaya, Picasso und die Abaya, Roy Lichtenstein und die Abaya, Matisse und die Abaya.... und versuchte, diese Stereotypen, von denen viele sehr negativ sind, umzukehren, indem ich Elemente in meinen Bildern aus Ost und West zusammenführte."

Kunst geht dorthin, wo Politik nicht hingehen kann

Auf die Frage, welche Rolle ihre Kunst bei der Überbrückung der kulturellen und intellektuellen Kluft zwischen Ost und West einnimmt, antwortete Zughaib: "Ich denke, dass Kunst dorthin geht, wo Politik nicht hingehen kann. Kunst macht Unsichtbares sichtbar und verleiht Stimmlosen eine Stimme.

Kunst schafft in jeder Form – ob Musik, Tanz oder Literatur – die Grundlage für einen Dialog. Sie hilft uns, einander Schritt für Schritt näher zu kommen, sodass wir letztlich herausfinden, dass uns mehr verbindet, als uns trennt. Sie tut dies auf mehr oder weniger subtile Weise, aber letztlich in der Hoffnung, dass wir einander zu respektieren lernen oder es zumindest schaffen, Unterschiede zu akzeptieren oder anzuerkennen."

Zughaib wehrt sich zwar gegen das Etikett einer "politischen  Künstlerin", aber sie scheut sich nicht, die Bedeutung der menschlichen Seite der arabischen politischen Aufstände und Konflikte anzusprechen.

"Die meisten Menschen können den 'Arabischen Frühling' und seine Folgen in seiner Bedeutung gar nicht richtig einordnen. Das gilt ebenso für die kleinen Siege im Sinne von Gleichheit und Wandel wie für die großen Tragödien mit Blick auf Krieg und Vertreibung. Tausende wurden getötet, Tausende wurden gezwungen, ihre Häuser und Familien zurückzulassen, Tausende suchten in neuen Ländern Zuflucht – und stießen dort oft auf Ablehnung.

Als Künstlerin fühle ich mich verpflichtet, die menschliche Seite dieser Misere zu zeigen. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Geschichte lebendig zu halten und sie vor dem Vergessen zu bewahren. Ich möchte die Geschichte auf eine ganz persönliche Ebene bringen. So zeige ich beispielsweise einen Kinderschuh, eine kleine Geste der Hoffnung, und wecke damit vielleicht die Empathie, die ich mit meinen Werken anstrebe."

Yasmine Salam

© Raseef 22

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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