Die große Frage ist also, wann und unter welchen Bedingungen die USA ihre 2.000 Soldaten aus Syrien abziehen werden, und wie sie Erdoğan dann von einer Offensive abhalten wollen.

Auf die Frage nach den Abzugsplänen gibt es in Washington so viele Antworten, dass nichts entschieden scheint. Präsident Trump widerspricht sich in seinen Tweets und Äußerungen ständig selbst – mal soll es schnell gehen, dann hat er angeblich nie gesagt, dass es schnell gehen würde, Syrien will er nicht ("nur Sand und Tod"), den IS auch nicht, den sollen aber andere bekämpfen (Iran, Russland, Türkei).

Dann wiederum will er nicht komplett abziehen, bis der IS verschwunden ist, die Kurden sollten geschützt werden, aber Ankara darf "den Terror" bekämpfen (Erdoğan meint die YPG, Trump den IS). Aus diesen von Unkenntnis gezeichneten verbalen Schnellschüssen und ohne den Ansatz einer Strategie versuchen Außenminister Mike Pompeo und Sicherheitsberater Bolton praktische Politik abzuleiten – ohne Erfolg.

Mit Freiheit und Gerechtigkeit hat das nichts zu tun

Dagegen lässt sich die Frage, wie die USA ohne Truppen vor Ort die Kurden schützen wollen, einfach beantworten: Sie können es nicht. PYD und YPG haben das längst erkannt und suchen ihr Heil jetzt andernorts – in Moskau und Damaskus. Der Abzug der USA macht den Weg frei für Putins Pläne und somit Assads Rückkehr in den Nordosten. Moskau möchte das Gebiet wieder unter vollständige Regime-Kontrolle bringen, die kurdische Selbstverwaltung zerschlagen, die PYD mit ein paar kulturellen Rechten abspeisen und die YPG in Syriens Streitkräfte integrieren.

Mit dieser Aussicht würde Erdoğan auf eine Offensive verzichten, so das Kalkül. Zumal diese innerhalb der türkischen Führung durchaus umstritten ist, denn die YPG-Einheiten sind östlich des Euphrats dank der Amerikaner besser ausgestattet und ein Angriff wie auf Afrin vor einem Jahr würde international Kritik und Solidarität mit den Kurden auslösen.

Putins Vision stößt in Ankara deshalb auf offene Ohren: Sollten Assads Truppen einrücken, würden die Volksverteidigungseinheiten abziehen, das Regime an der Grenze wirke wie ein Puffer zwischen PYD und PKK und Assad könne als einziger die "territoriale Einheit des Landes" sicherstellen, also eine kurdische Autonomie nachhaltig verhindern.

Womit wir wieder bei Assads Lieblingsrolle als "geringerem Übel" wären. Aus Sicht der PYD ist das syrische Regime besser als Erdoğan. Und Erdoğan arrangiert sich lieber mit Assad als mit den Waffenbrüdern der PKK. Damit bestätigt sich eine der Grundregeln des Konfliktes: Wenn sich in Syrien zwei Parteien streiten, profitiert stets Assad als lachender Dritter.

Die Kurden haben keine Wahl

Wie geht es also weiter in Rojava? Auf Bitten der YPG hat das Regime Anfang Januar Truppen nach Manbidsch geschickt, die einzige große Stadt unter kurdischer Verwaltung westlich des Euphrats. Seit Langem will die Türkei Manbidsch mithilfe von Rebellen unter ihren Einfluss bringen, Verhandlungen mit den USA, deren Truppen vor Ort sind, führten zu nichts. Jetzt haben sich Assads Soldaten zwischen die Türkei-treuen Rebellen und die kurdischen Volksverteidigungseinheiten gestellt, ein Einmarsch scheint abgewendet.

Sollte die Zusammenarbeit zwischen YPG und Regime in Manbidsch funktionieren, könnte Damaskus weitere Truppen nach Rojava entsenden und entlang der Grenze zur Türkei stationieren.

Gleichzeitig verhandelt die PYD unter russischer Vermittlung mit dem Regime. Solange die Amerikaner militärisch präsent sind, können die Kurden mehr fordern – ein unklarer, nicht vollständiger oder langsamer US-Abzug würde ihre Position gegenüber dem Regime und Russland stärken. Am Ende wird das Abkommen dennoch vor allem Damaskus' Interessen berücksichtigen, denn die entscheidenden Interventionsmächte Russland, Iran und Türkei wollen in Syrien alle einen starken Zentralstaat. Im Nordosten bedeutet das möglichst viel Macht für das Regime und möglichst wenig Rechte für die Kurden.

Diese haben ohne zuverlässige amerikanische oder europäische Rückendeckung keine Wahl. Da sich alle Welt mit Assads Herrschaft abgefunden hat, werden auch sie sich weiterhin mit dem Regime arrangieren. Mit kulturellen Zugeständnissen, kurdischsprachigen regimetreuen Medien und eigenem Sprachunterricht könnte die PYD ihr Gesicht wahren, mit einer schleichenden Übernahme durch das Regime und pseudo-dezentralen Strukturen könnte sie ihren Machtverlust kaschieren.

Der Traum von Autonomie ist für Syriens Kurden dann vorerst geplatzt. In den Amtsstuben und Klassenzimmern von Rojava werden die Bilder des PKK-Führers Öcalan abgehängt und die Assad-Porträts wieder aufgehängt werden. Mit Freiheit und Gerechtigkeit hat das alles nichts zu tun. Aber dafür scheint in Zeiten "kleiner" und "großer" Übel ohnehin kein Platz in Syrien.

Kristin Helberg

© Qantara.de 2019

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Leserkommentare zum Artikel: Assad ist der lachende Dritte

Der Kommentar der Autorin zur PYD/YPG, sie sei "ein Ein-Parteien-Regime, das Kritiker verfolgt, aber Frauen fördert", ohne jegliche Beweise anzuführen, zeugt von unsachlichem, unwissenschaftlichen und verleumdenden Sprech, sodass ich diesen Artikel nicht mehr ernst nehmen kann.

Marie M.28.03.2019 | 13:00 Uhr