Die kurdische Art Rock Band Adir Jan

Regenbogen-Rock auf Kurdisch

Queere Poesie, kurdischer Folk, Sufi-Mystik und psychedelischer Art-Rock: Der in Berlin-Kreuzberg geborene kurdischstämmige Singer-Songwriter und Saz-Spieler Adir Jan vereint in seiner Musik unterschiedlichste Welten und bringt verschiedenste Communities zusammen. Von David Siebert

"Lasst Männer Männer lieben. Das einzige was zählt, ist die Liebe!", singt Adir Jan im Song "Keskesor" ("Regenbogen") mit wütender Stimme im kurdischen Kurmandschi-Dialekt. Seine elektrisch verstärkte Saz, eine orientalische Langhalslaute, auf Kurdisch Tembûr genannt, rankt sich dazu mit Rockbass, E-Gitarre und Percussion durch einen verschlungenen 9/8-Rhythmus, der einen hypnotischen Sog entfaltet. Der Song spielt auf den "Ehrenmord" an dem 17jährigen Roşin Çiçek an. Er wurde 2012 im kurdischen Diyarbakır im Südosten der Türkei von seinem Vater und zwei Onkeln umgebracht, weil er schwul war.

"Als ich davon las, ging mir das sehr nah. Aus dem Schmerz darüber, entstand das Lied", sagt Adir Jan. "Ich erzähle darin aber auch, dass es im Mittleren Osten und im Maghreb früher Homophobie in dieser Form nicht gegeben hat. Gleichgeschlechtliche Liebe war in diesen Gesellschaften lange akzeptiert." Warum sich das geändert hat? Daran sei der "weiße Mann" schuld: "Homofeindlichkeit wurde in diesen Regionen erst durch den Kolonialismus und Imperialismus verbreitet. Die Definition, wer Mann und wer Frau ist, wer mit wem zu schlafen hat, stammt aus den westlichen Staaten."

Adir Jan sitzt, einen Minztee schlürfend, im Café des Südblock, einem queeren alternativen Kulturzentrum am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg – umgeben von Touristen-Hostels, türkischen Gemüsehändlern und arabischen Shisha-Bars. In diesem multikulturellen Kosmos ist er in den 1980er Jahren als Sohn kurdischer Einwanderer aufgewachsen. In dem kurdischen Kulturverein um die Ecke tanzte er als Jugendlicher in einer Volkstanzgruppe und tauchte dort tiefer in die Sprachen und Musikkulturen der Heimat seiner Eltern ein.

"Cosmopolitan Kurdesque"

Später war er jahrelang Aktivist in kurdischen Verbänden, aber auch bei GLADT, einem Verein türkeistämmiger Schwuler und Lesben. Parallel dazu arbeitete er viel und studierte gleichzeitig auf Lehramt – bis er einen Burn-Out bekam. "Ein Glücksfall", sagt er, der habe ihn gezwungen sich darauf zu besinnen, was ihm wirklich wichtig sei: "Die Musik."

Adir Jan suchte nach musikalischen Mitstreitern und fand sie z.B. in dem Gitarristen Conny Kreutzer und dem Percussionisten Hogir Göregen, die bis heute seinen Songs mit Rocksounds, Wah-Wah-Effekten und wirbelnden kurdischen Trommelbeats bereichern. Dann rief er im Südblock die queere Orient-Konzertreihe Zembil – übersetzt "Weidenkorb" – ins Leben, die schnell Kultstatus erlangte.

Mittlerweile wurde sie aus Platzgründen in den legendären Berliner Club SO36 verlegt. Auf dem Programm: Der Liedermacher selber, Gastmusiker mit orientalischen Wurzeln, ein lasziv-androgyner Bauchtänzer und DJs. Das Publikum reicht von Hipstern aus aller Welt über türkisch-, kurdischstämmige und weiße Berliner verschiedenster sexueller Orientierungen bis hin zu queeren Geflüchteten – spät am Abend tanzen hier auch mal alle gemeinsam Hand in Hand kurdischen Volkstanz im Kreis.

"Cosmopolitan Kurdesque" nennt Adir Jan seine Musik: "Kurdische Musik ist mein größter Einfluss. Aber ich versuche mich von Wurzeln jeglicher Art unabhängig zu machen." Früher hörte er auch viel türkische, indische und arabische Pop-, Kunst- und Volksmusik sowie psychedelischen Rock und Flamenco. "Dazu kommen die Einflüsse meiner Mitmusiker. All das schlägt sich ein meinen Liedern nieder."

Pathos und gewitzte poetische Sprachbilder

Inhaltlich sind seine Songs stark von persönlichen Erfahrungen geprägt: Es geht um verflossene Liebhaber, die Sehnsucht nach universeller Liebe, die heterosexuelle Kategorisierungen sprengt, sowie den Tod des eigenen Vaters. Aber auch um Politik: Zum Beispiel wenn er in "Şengal" den Völkermord des IS an den Jesiden und die Tatenlosigkeit der Weltgesellschaft beklagt.

Der letzte Song auf seiner Debüt-CD "Leyla" covert er ein Lied des türkischen Sufi-Mystikers Yunus Emre. "Ich bin kein Sufist", meint Adir Jan, aber die Sufi-Lehre vom Einssein mit der Welt finde sich durchaus in seinen Songs: "Wenn ich von Liebe spreche, ist jede Art von Liebe gemeint: Die Liebe zu einer Blume, zu einem Baum, zu Dir, zu allen!"

Logo Adir Jan
Persönlich und politisch-provokant: Inhaltlich sind Adir Jans Songs stark von persönlichen Erfahrungen geprägt: Es geht um verflossene Liebhaber, die Sehnsucht nach universeller Liebe sowie den Tod des eigenen Vaters. Aber auch um Politik: Zum Beispiel wenn er in „Şengal“ den Völkermord des IS an den Jesiden und die Tatenlosigkeit der Weltgesellschaft beklagt.

Seine Texte schreibt Adir Jan hauptsächlich auf Kurdisch. Dazu gibt es türkische, arabische und griechische Einsprengsel. Deutsch allerdings kaum, das klinge "gesungen oft zu hart". Dafür erklärt er bei Konzerten dem Publikum vor jedem Lied kurz den Inhalt. Im Booklet von "Leyla" sind Übersetzungen auf Englisch abgedruckt. Sie lassen viel Pathos aber auch gewitzte poetische Sprachbilder erkennen: Z. B. wenn der kurdische Newroz-Feiertag mit Anspielungen auf die alttestamentarische "verbotenen Frucht" von Adam und Eva verbunden wird, freilich in einer homosexueller Variante, oder ein blühender Garten mit dem Regenbogen – dem Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung.

"Die Hoffnung in der Hölle"

Alles in allem eine provokante Mischung: "Selbst wenn ich mich nicht als politisch bezeichnen würde – meine Lieder würden trotzdem politisiert werden", meint Adir Jan. "Alleine die Tatsache auf Kurdisch zu singen, ist für viele Menschen bereits ein Politikum – in der Türkei war die kurdische Sprache und Musik viele Jahre verboten!"

Trotzdem sind ihm bei seinen Konzerten – vom Kreuzberger Myfest über den Berliner Karneval der Kulturen bis hin zu Folk-Festivals – bis auf eine Ausnahme keine negative Reaktionen begegnet: "Das überrascht mich selbst."

Damit seine CD, auf die er jahrelang hingearbeitet hat, ihren Weg auch in die Türkei findet, hat er sie extra auch auf einem türkischen Label veröffentlicht. Ein Auftritt dort wäre ein Traum für ihn: "Natürlich habe ich auch Befürchtungen, was den jetzigen Machthaber in der Türkei angeht. Aber ich bekomme immer wieder Nachrichten, in denen die Leute fragen: 'Wann kommst du, wann spielst du bei uns?'. Einer schrieb sogar: 'Du bist die Hoffnung in der Hölle'!"

Neu ist Adir Jans Musikmix nicht: Flirts zwischen Orientsounds und psychedelischem Rock gab es schon viele. In seiner Kreuzberger Variante mit kurdisch-kosmopolitischen Einschlag und queerpolitischer Poesie ist er aber ausgesprochen originell, mutig und erfrischend.

David Siebert

© Qantara.de 2019

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