"Die Kandidatin" von Constantin Schreiber

Jede Menge Einfältigkeitsmerkmale

Der Journalist und Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber warnt jetzt auch in Romanform vor dem Durchmarsch der Islamisten. Eine Rezension von Stefan Buchen

Eigentlich dürfte man keine Sekunde an dieses Buch verschwenden. Allein die herausgehobene gesellschaftliche Stellung des Autors zwingt dazu. Constantin Schreiber ist Sprecher der Nachrichtensendung "Tagesschau", seit Anfang des Jahres gehört er zum erlesenen Kreis derer, die die 20-Uhr-Ausgabe präsentieren dürfen, ein prominentes Gesicht also.  

Dem Verkauf von "Die Kandidatin" dürfte das nicht abträglich sein. Im Gegensatz zu seinen Sachbüchern "Inside Islam" und "Kinder des Koran", in denen er sich einschlägig positioniert hatte, musste sich Schreiber für seinen Islam-Roman eine Geschichte ausdenken. Dabei half ihm ganz offensichtlich der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, der in "Unterwerfung" (im französischen Original "Soumission“, erschienen 2015) ein künftiges, von einem muslimischen Präsidenten regiertes Frankreich zeichnete.

Schreiber hat den Einfluss von Houellebecq in einem Interview zwar heruntergespielt, aber die Parallelität ist doch auffällig. Mister Tagesschau lässt seine Geschichte natürlich in Deutschland spielen und macht eine muslimische Kanzlerkandidatin zur Hauptfigur.

“Vielfältigkeitsmerkmal Muslimin“

Sabah Hussein ist in Schreibers Zukunftsvision Kandidatin der "Ökologischen Partei" und hat beste Aussichten auf das Kanzleramt. In Deutschland werden demnach in rund fünfzehn Jahren "Vielfaltsmerkmale" Trumpf sein. Und Sabah Hussein nutzt mit eiskaltem Kalkül ihr "Vielfaltsmerkmal Muslimin", um in Deutschland beruflich und sozial aufzusteigen.

Ihren Hijab hat sie zwar abgelegt, aber sie bleibt ein Kind des Koran. Diskret trifft sie sich mit dem Imam einer Moschee in Neukölln und lässt sich von ihm beraten. Ihre Brüder sind in Clankriminalität verstrickt. Aber das vertuscht sie geschickt.

Bei einer Dienstreise in den Libanon besucht sie Flüchtlingslager, aus denen die Bundesregierung monatlich 5.000 Menschen nach Deutschland einfliegt. Sabah Hussein möchte das Monatskontingent auf 10.000 Flüchtlinge steigern. Muslimische Einwanderung erhöht ihre Wahlchancen.

Migranten sind eher jung und Gesetze verstärken den Trend: Jeder ab 16 Jahre, der einen Aufenthaltsstatus hat, darf in Schreibers Schreckensszenario wählen. Deutsche über 70 sind hingegen nicht mehr stimmberechtigt.  

Das Deutschland, in dem das ehemalige Flüchtlingskind Sabah Hussein aufsteigt, ist ein Paradies für Muslime. Durch weitreichende Quotenregelungen werden sie im Berufsleben begünstigt. In allen Unternehmen muss mindestens jeder vierte Mitarbeiter praktizierender Muslim sein.

Wenn die Quote nicht erfüllt wird, können Mitarbeiter "ohne Vielfaltsmerkmale" innerhalb einer Frist von sechs Wochen entlassen werden. Von der Begünstigung profitieren auch andere Gruppen "mit Vielfaltsmerkmal" wie Menschen mit "nichtweißer Hautpigmentierung" (sic), Homosexuelle und Frauen. Auf einer Kundgebung der "Ökologischen Partei" ruft ein junger Mann ins Megaphon: "Wollt Ihr absolute Diversität?". Die Menge antwortet mit dem erwartbaren "Ja!".

Buchcover: Constantin Schreiber, Die Kandidatin. (Foto: Hoffmann & Campe Verlag 2021).
Narrativ von einer vermeintlichen „Islamisierung“: „Merkmale der Satire hat der platte, unzweideutige Text nicht. Es ist die Zukunftsvision des Autors. Er habe die jetzige Situation einmal "weiterdenken" wollen, erklärt Constantin Schreiber in Beiträgen, die die Roman-Publikation begleiten. "Messerscharf", behauptet der Tagesschau-Sprecher, orientiere er sich an der Wirklichkeit und an gegenwärtigen Debatten, schreibt Stefan Buchen in seiner Rezension.

Keine Merkmale von Satire

"Wir wollen die totale Diversität", legt Sabah Hussein in einem Interview nach, damit kein Missverständnis aufkommt. Sie möchte, wenn sie Kanzlerin sein wird, die Errungenschaften ihrer Partei abrunden. Privilegierte weiße Stadtteile wie die Hamburger Elbvororte haben sich abgeschottet.

Die muslimische Kanzlerkandidatin plant, Einwanderer in genau solchen reichen Bezirken anzusiedeln. Sie weiß auch, wie staatliche Programme dieser Art finanziert werden können: Durch Verhängung einer "Weißensteuer".

Merkmale der Satire hat der platte, unzweideutige Text nicht. Es ist die Zukunftsvision des Autors von "Inside Islam". Er habe die jetzige Situation einmal "weiterdenken" wollen, erklärt Schreiber in Beiträgen, die die Roman-Publikation begleiten. "Messerscharf", behauptet der Tagesschau-Sprecher, orientiere er sich an der Wirklichkeit und an gegenwärtigen Debatten.

"Die Kandidatin ist ein kühner Roman von politischer Sprengkraft und visionärer Relevanz", schreibt der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe in seiner Presseinformation. Fragen, ob es innerhalb des Verlages Bedenken gegen die Veröffentlichung des Textes gegeben habe, etwa wegen seiner ungenügenden literarischen Qualität, lässt Hoffmann und Campe unbeantwortet.

Verlag und Autor wissen natürlich, dass sie sich im Notfall hinter dem Schleier der "Fiktion" verstecken können. Es ist ja alles nur Phantasie, vielleicht sogar Kunst. Vorsorglich hat Schreiber in Interviews platziert, dass er einiges "überzeichnet" habe und es in dem Buch auch "satirische Ansätze" gebe.

Islamisierung durch die Hintertür

Der Schleier ist aber verdammt dünn. Man kann leicht hindurchblicken und sieht dann, wie im Roman das Leben in Deutschland schleichend islamisiert wird. In Kapitel 10 werden freitags die Straßen von Berlin-Neukölln von Männern mit "Vielfaltsmerkmal“ abgesperrt, die keine Polizisten sind. Sie ermöglichen den Bewohnern das Gebet auf dem Asphalt, die Geschlechter getrennt durch den Mittelstreifen. Islamkenner Schreiber versäumt nicht zu präzisieren, dass sie "in Richtung der Kaaba in Mekka" niederknien.

“Verhindern, dass Deutschland von einer Islamistin regiert wird“

Eine Bundespolizistin hat schließlich genug. Sie nimmt sich ein Gewehr und schießt auf Sabah Hussein, verletzt die Kanzlerkandidatin lebensgefährlich. Diese Attentäterin, eine "blonde ostdeutsche Frau", war bei der Polizei auf viele Kollegen getroffen, "die das Spiel der Politik ebenso durchschaut hatten wie sie".

Vor Gericht steht die Attentäterin zu ihrer Tat. "Weil ich verhindern wollte, dass Deutschland von einer Islamistin regiert wird", sagt sie auf die Frage der Staatsanwältin, warum sie auf Sabah Hussein geschossen habe.

"Wieso tut denn eine sogenannte christliche Partei nichts dagegen? Warum setzen sich junge deutsche Menschen für den Hijab ein, für Islamkunde in der Schule, für mehr Moscheen, mehr Minarette, für noch mehr Muslime, die kommen? Wir steuern auf den Untergang zu", rechtfertigt sich die Attentäterin vor Gericht. "Es geht nicht um Vielfalt, Nein, es geht um die Übernahme unseres Landes!"

Denise Stein, die blonde Attentäterin, hat Pech. Die Richterin ist eine Muslimin, die in ihrer schwarzen Robe und dem schwarzen Hijab "wie eine Iranerin im Tschador" wirkt. Ein Befangenheitsantrag gegen die Richterin scheitert. Die muslimische Richterin sei besonders geeignet, in diesem Fall, in dem es um "Rassismus und ein klares Hassverbrechen" gehe, Recht zu sprechen, entscheidet das Gericht.

Die Attentäterin wird verurteilt und die angeschossene Hauptfigur gesundet. Die Geschichte endet kurz vor Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Die Kanzlerkandidatin betet bis kurz vor 18 Uhr auf dem Teppich, den sie in ihrem Büro ausgerollt hat. Sabah Hussein weiß, was sie im Fall ihres Sieges sagen wird: "Dies ist der Anfang eines neuen Deutschlands!"

Man könnte fragen, wie glaubwürdig es ist, wenn der neue Mr. Tagesschau, Hautfarbe weiß, sich "kritisch" mit den Auswüchsen der Diversitätspolitik auseinandersetzt. Aber das scheint eher nachrangig. Literaturgeschichtlich knüpft "Die Kandidatin" an vielgelesene Schundromane der Zwanziger und Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts an, in denen ebenfalls an die Ängste und den Hass des Publikums appelliert und vor "der Übernahme unseres Landes" gewarnt wird.

Das scheint in der Rezeption unterzugehen. Das Buch wurde in zahlreichen Qualitätsmedien positiv besprochen, etwa im "Tagesspiegel" und im "Hamburger Abendblatt". "ZEIT", "WELT" und "Berliner Zeitung" brachten Interviews mit dem Autor. Die Marketing-Maschine läuft gut. Geschichten über das angeblich untergehende Abendland kommen gut an.

Aber Constantin Schreiber behauptet, er wolle zum Nachdenken anregen. Sein Roman sei auch eine Warnung vor dem Rechtsextremismus. Allen Ernstes.

Stefan Buchen

© Qantara 2021

Constantin Schreiber, Die Kandidatin, Hoffmann & Campe Verlag 2021, 208 Seiten.

Der Rezensent arbeitet als Fernsehjournalist für das ARD-Magazin "Panorama".

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