Wehrs Wörterbuch soll nun helfen, bei der Wortwahl "den Ton zu treffen", der die arabischen Leser anspricht. Das Projekt wird mit Regierungsgeld gefördert. Und die Hamburger Jüdin Hedwig Klein soll für das Arabisch-Lexikon nun Einträge beisteuern. Das geschieht tatsächlich, wie aus Briefen hervorgeht, die in Schaades Nachlass aufbewahrt sind.

So wertet Hedwig Klein Werke der neueren arabischen Literatur für das Lexikon aus. Sie verzeichnet Wortbedeutungen auf Zetteln und schickt diese per Post an die Redaktion. Für jeden Zettel bekommt sie 10 Pfennige Honorar. Wehrs Leute loben "die ausgezeichnete Qualität" ihrer Beiträge. "Allerdings ist es natürlich völlig unmöglich, dass sie später unter den Mitarbeitern genannt wird", schreibt ein Beteiligter am 8. August 1941 an Arthur Schaade.

Ihre Mitarbeit bewahrt sie am 6.12.1941 vor der Deportation nach Riga, für die sie die Hamburger Sicherheitspolizei vorgesehen hat. Denn fünf Tage zuvor schreibt Schaade an die Behörden, dass "Wehrmacht und Kriegspropaganda in hohem Maße an der Fertigstellung des Werkes interessiert sind". Fräulein Klein sei für die Mitarbeit an dem Lexikon "hervorragend qualifiziert". "Leider reicht die Zahl der vorhandenen arischen Mitarbeiter nicht aus", so Schaade weiter. Ihr Beitrag sei nun "dadurch in Frage gestellt, dass ihr die Verschickung nach dem Osten droht."

Deportiert und ermordet

Schaade hat zunächst Erfolg. Seine ehemalige Doktorandin entgeht der Deportation. Ein halbes Jahr später kann er nichts mehr ausrichten. Am 11. Juli 1942 wird Hedwig Klein mit dem ersten Zug, der von Hamburg nach Auschwitz fährt, abtransportiert. Das Konzentrations- und Vernichtungslager hat sie nicht überlebt. Auch ihre Schwester, Mutter und Großmutter werden ermordet.

In einem für seine Zeit ungewöhnlichen Akt des Erinnerns lässt Wirtschaftsgeograph Carl August Rathjens sich im Sommer 1947 vom Amtsgericht Hamburg als Hedwig Kleins "Abwesenheitspfleger" einsetzen.

Dann lässt er ihre Doktorarbeit in 56 Exemplaren drucken. Am 15. August 1947 wird Hedwig Klein offiziell zum "Doktor der Philosophie" erklärt.

Eingangd es Konzentrationslagers Auschwitz; Quelle: picture-alliance/AP
Am 11. Juli 1942 wird Hedwig Klein mit dem ersten Zug, der von Hamburg nach Auschwitz fährt, abtransportiert. Das Konzentrations- und Vernichtungslager hat sie nicht überlebt. Auch ihre Schwester, Mutter und Großmutter werden ermordet.

Physisch anwesend waren in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik am Orient-Seminar der Hamburger Universität Andere. Zum Beispiel der Islamwissenschaftler Berthold Spuler. Während des Krieges war das NSDAP-Mitglied führender Mitarbeiter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete. Er half dabei, Muslime für den Krieg an Deutschlands Seite zu mobilisieren, auch unter sowjetischen Kriegsgefangenen.

Von 1948 bis 1980 war Berthold Spuler ordentlicher Professor für Islamkunde in Hamburg. Als Studenten im November 1967 ein Transparent enthüllten mit dem Spruch „Unter den Talaren der Muff von1000 Jahren“, rief Spuler: "Sie gehören alle in ein Konzentrationslager!"

Und Hans Wehr? Er musste nach dem Krieg vor eine Entnazifizierungskommission. Zu seiner Entlastung schrieb er am 20. Juli 1947: "Eine jüdische Fachgenossin, Frl. Dr. Klein aus Hamburg, konnte ich 1941 vor dem Abtransport nach Theresienstadt (sic) retten, indem ich sie für eine angeblich kriegswichtige Arbeit, eben für das arabische Wörterbuch, bei der Hamburger Gestapo anforderte." So steht es in seiner Entnazifizierungsakte. Wehr wurde als "Mitläufer" eingestuft und musste 36,40 DM "Sühnegeld" und Verfahrenskosten bezahlen.

Sein Wörterbuch, das bei der Übersetzung von "Mein Kampf" helfen sollte, war vor Kriegsende nicht mehr gedruckt worden. Es erschien 1952. Im Vorwort dankt Wehr u.a. einem "Fräulein Dr. H. Klein" für ihre Mithilfe. Über ihr Schicksal verliert er kein Wort. Der "Wehr", wie das "Arabische Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart" kurz genannt wird, ist heute das meistbenutzte Arabisch-Lexikon auf der Welt. 2011 wurde die 5. Auflage neu gedruckt.

Näheres zu "Fräulein Dr. H. Klein" erfährt der Leser dort immer noch nicht. Auf Anfrage teilte der Harrassowitz-Verlag mit, dass eine Neuauflage in Planung sei. Der Verlag wolle den Bearbeiter fragen, ob er darin einen Hinweis "auf das zweifelsfrei tragische Schicksal Fräulein Kleins" geben könne.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2018

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Leserkommentare zum Artikel: Die Arabistin, die niemand kennt

Herzlichen Dank an Stefan Buchen für seinen Artikel! Steht zu hoffen, dass in der neuen, sechsten Auflage des Wehr endlich ein Hinweis zu lesen sein wird.

Mathias Rösel21.04.2018 | 08:59 Uhr