Spätestens da, so belegen es die erhaltenen Dokumente, denkt Hedwig Klein nur noch an Flucht. Aber verfolgten deutschen Juden stehen die Türen ins Ausland keineswegs offen. Ihre einzige Chance, ein Visum zu bekommen, liegt in ihrer beruflichen Qualifikation. Die verzweifelte Hamburgerin schickt per Post Hilferufe ins Ausland.

Hilfe bekommt Hedwig Klein schließlich vom Hamburger Wirtschaftsgeographen Carl August Rathjens. Nach vergeblichen Anläufen in Frankreich und den USA wendet sich Rathjens an einen befreundeten Arabisch-Professor in Bombay. Dieser lädt die deutsche Wissenschaftlerin nach Indien ein. Die britischen Kolonialbehörden stimmen zu.

Ausgestattet mit dem indischen Visum verlässt sie Hamburg am 19.08.1939 an Bord des Dampfers Rauenfels. Zwei Tage später schreibt sie ihre hoffnungsfrohe Karte an Rathjens. Aber dann wird die Fahrt nach Indien jäh gestoppt. Bei einem Zwischenhalt in Antwerpen bekommt der Dampfer den Befehl, innerhalb von vier Tagen einen deutschen Hafen anzulaufen.

Das Schiff kehrt um, zurück nach Hamburg. Der Grund ist der deutsche Überfall auf Polen am 1. September – der Beginn des Zweiten Weltkriegs.

5. Auflage des Wörterbuchs Arabisch-Deutsch von Hans Wehr im Harrassowitz-Verlag
Hans Wehr bringt das "Arabische Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart" 1945 zu Ende – es erscheint aber erst sieben Jahre später. Auch ins Englische übersetzt gilt es bis heute als eines der besten Arabisch-Wörterbücher der Welt. Näheres zum Schicksal "Fräulein Dr. H. Klein" erfährt der Leser dort jedoch immer noch nicht.

Hedwig Klein erleidet jetzt "die ganze Quälerei", wie Rathjens sich später ausdrücken wird, die alle deutschen Juden nach Kriegsbeginn durchmachen, vom Tragen des "Judensterns" bis zur Vertreibung aus ihrer Wohnung und Zwangseinweisung in ein "Judenhaus".

Auch Wirtschaftsgeograph Rathjens wird wie ein Staatsfeind behandelt. Er war wegen "politischer Unzuverlässigkeit" bereits 1933 aus seiner Beamtenstellung beim Hamburgischen Weltwirtschafts-Archiv entlassen worden. Anfang 1940 sperrt die Hamburger Sicherheitspolizei ihn einen Monat ins KZ Fuhlsbüttel und verhört ihn. Nur mit Glück kommt er aus der "Schutzhaft" wieder frei.

Der Kontakt zu Hans Wehr

Ihr alter Professor Arthur Schaade versucht noch einmal, etwas für Hedwig Klein zu erreichen. Er bringt „seine Wissenschaftlerin“ in Kontakt mit dem Arabisten Hans Wehr in Greifswald. Wehr ist 1940 in die NSDAP eingetreten. In einem Aufsatz empfiehlt er der Reichsregierung, sich "die Araber" zu Verbündeten gegen England und Frankreich und auch gegen die Zionisten in Palästina zu machen.

Die Reichsregierung, namentlich das Auswärtige Amt, sieht in Wehr jedoch vor allem aus einem anderen Grund einen wichtigen Mann. Er arbeitet an einem Wörterbuch für zeitgenössisches Arabisch. Dieses Hilfsmittel betrachten die Orientspezialisten des Auswärtigen Amtes als unerlässlich, um eine gelungene Übersetzung des Werkes "Mein Kampf" von Adolf Hitler zu verfassen. Die bis dato erstellten Übersetzungen hatten sich nämlich als unzulänglich erwiesen.

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Leserkommentare zum Artikel: Die Arabistin, die niemand kennt

Herzlichen Dank an Stefan Buchen für seinen Artikel! Steht zu hoffen, dass in der neuen, sechsten Auflage des Wehr endlich ein Hinweis zu lesen sein wird.

Mathias Rösel21.04.2018 | 08:59 Uhr