Erst durch eine solche ließe sich die – mal tolerante mal intolerante – Lesart des Korans aus ihrem jeweiligen historischen Kontext heraus verstehen, ließe sich herausarbeiten, dass der Terrorismus primär ein vom Menschen gemachtes Problem ist, nicht ein dem Koran immanentes; dass es sich dabei also um ein im wissenschaftlichen, kulturellen und sozio-ökonomischen Sinne menschliches Konstrukt handelt. Eine solche Herangehensweise wäre nicht nur Aufgabe der Al-Azhar, sondern der Gesellschaft insgesamt.

Die Etablierung einer historisch basierten Lesart der Glaubensinhalte und ihrer praktischen Umsetzung wäre ein möglicher Lösungsansatz für die notorischen Kontroversen um die Al-Azhar und ihre historische Rolle. Es steht außer Frage, dass die Al-Azhar über die Jahrhunderte hinweg eine tragende Rolle bei der Tradierung der religiösen Wissenschaften wie auch bei der Bewahrung der arabischen Sprache gespielt hat, nicht zuletzt während der Kolonialzeit.

Zwischen klischeeartiger Kritik und bedingungsloser Gefolgschaft

Diese stolze Vergangenheit sollte uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass außer der Al-Azhar kein anderes Bildungssystem existierte und somit auch kein Vergleich möglich ist. Erst mit der Einführung eines staatlichen Schulwesens durch Mohammed Ali im 19. Jahrhundert entstanden in Ägypten zwei parallele Bildungssysteme. Davon war und ist das azharitische System bis heute das rückwärtsgewandtere und hermetischere, wie aufgeklärte Vertreter der Al-Azhar selbst einräumen.

Ein flüchtiger Blick auf Leben und Werk des berühmten ägyptischen Reformtheologen Mohammed Abduh genügt, um jenen Befund zu bestätigen. Dieser wurde nicht müde, die Lehrpläne und ihre Rückwärtsgewandtheit zu kritisieren, und zahlreiche andere Gelehrte innerhalb der Al-Azhar haben es ihm gleich getan.

Innenhof der Al-Azhar Universität; Foto: picture-alliance/ZB
Verblichener Glanz: "Die stolze Vergangenheit der Al-Azhar sollte uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass außer der Al-Azhar kein anderes Bildungssystem existierte und somit auch kein Vergleich möglich ist. Erst mit der Einführung eines staatlichen Schulwesens durch Mohammed Ali im 19. Jahrhundert entstanden in Ägypten zwei parallele Bildungssysteme. Davon war und ist das azharitische System bis heute das rückwärtsgewandtere und hermetischere, wie aufgeklärte Vertreter der Al-Azhar selbst einräumen", so Hefny.

Ich habe unter Studierenden derjenigen Al-Azhar-Fakultät, von der es heißt, sie sei die aufgeschlossenste, eine Umfrage durchgeführt, deren Ziel es war herauszufinden, wie sie zu der traditionellen Praxis stehen, unterworfene Bevölkerungsgruppen vor die Wahl zwischen drei Optionen zu stellen: zum Islam zu konvertieren, die Kopfsteuer zu entrichten oder gewaltsam bekämpft zu werden.

Konkret lautete meine Frage: "Was wäre, wenn Ägypten plötzlich zu einer Großmacht würde, die sich quantitativ und qualitativ auf Augenhöhe mit den USA befände?" Die überwältigende Mehrheit antwortete, in einem solchen Fall müssten "wir" den Islam propagieren und verbreiten. Daraufhin fragte ich weiter: "Und was, wenn die anderen es ablehnen würden, den Islam anzunehmen?" Dann, so die Studierenden, müssten sie der Kopfsteuer unterworfen werden. Sollten sie sich dieser verweigern, würden "wir" sie bekämpfen müssen.

Da möchte man sich doch fragen, worin eigentlich der Unterschied zwischen der Mentalität jener Studierenden und der IS-Ideologie besteht. Ist dieser Unterschied etwa nur gradueller Natur und spricht der IS lediglich das aus, was im Unterbewusstsein der Mehrheit der Muslime schlummert? Wenn dem so ist, dann stehen wir vor einem ernsten Problem, das wir nicht einfach so aus der Welt schaffen, indem wir den Kopf in den Sand stecken.

Es muss differenziert werden zwischen der notwendigen Verteidigung einer Institution, der wir Liebe und Ehrfurcht entgegen bringen und deren Verdienste wir anerkennen, und der ebenso notwendigen Diagnose eines zivilisatorischen Rückschritts, der ganz Ägypten mit Blindheit geschlagen hat und von dem die Al-Azhar Teil ist.

Die Folgen des wissenschaftlichen Niedergangs

Es würde ihr keineswegs zum Nachteil gereichen, ihren wissenschaftlichen Niedergang einzugestehen, der sich in der Folge des allgemeinen materiellen und geistigen Niedergangs Ägyptens ereignet hat, und die Krankheit sowie ihre Ursachen klipp und klar zu benennen. Denn wenn die Al-Azhar krank ist, welche andere Bildungseinrichtung in Ägypten ist dann überhaupt in guter Verfassung? Letztendlich sind sie doch alle vom selben Übel befallen, höchstens vielleicht mit graduellen, aber nicht mit kategorischen Unterschieden.

Für mich stehen die schwarz-weiß-malerischen Attacken gegen die Al-Azhar auf derselben Stufe wie die bedingungslose Gefolgschaft ihr gegenüber. In beiden Fällen überwiegen Emotionen gegenüber rationalem Denken, ja vielleicht auch materielles Kalkül gegenüber Lösungswillen. Die Muslime müssen sich bewusst werden, dass sie eine Verantwortung für das Bild des Islams tragen. Ob der Islam mit Terrorismus assoziiert wird oder nicht, hängt allein von ihrem Verhalten, ihrer zivilisatorischen Reife und ihrem Beitrag zur Wissenskultur ab.

Die Al-Azhar muss erkennen, dass der Terrorismus durchaus mit kulturellem, materiellem, gesellschaftlichem und politischem Niedergang sowie dem Fehlen von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit zusammenhängt, dass aber eben auch die Ansätze und Methoden, den Koran zu interpretieren und ihn zu lehren, ihren Anteil daran haben. Auch wenn die Al-Azhar für den erstgenannten Aspekt nicht verantwortlich sein dürfte, so ist sie es ganz sicher maßgeblich für den letztgenannten.

Assem Hefny

© Qantara.de 2017

Übersetzt aus dem Arabischen von Rafael Sanchez

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