Wissenschaftlich betrachtet ist die Abgrenzung zwischen dem Text und dem, was seine Interpreten daraus machen, problematisch. Der Text spricht nicht für sich und setzt sich nicht selbst in die Praxis um, sondern der Mensch tut dies gemäß seinem Verständnis.

Vom vierten Kalifen Ali ist ein berühmter Ausspruch überliefert, der exemplarisch für einen solchen interpretationsbasierten Ansatz steht: "Der Koran ist eine Schrift zwischen zwei Buchdeckeln, die nicht spricht; es sind die Menschen, die mittels seiner sprechen." Das bedeutet, der Text ist nicht herabgekommen, um isoliert von der Realität zu existieren. Vielmehr tritt er in eine Interaktion mit ihr, wobei dem Menschen die Vermittlerrolle zukommt. Je stärker bei diesem ein tolerantes Bewusstsein heranreift, desto mehr tritt auch die dem Text immanente Toleranz in Erscheinung. Und je weniger er sich der Würde und der Ebenbürtigkeit aller Menschen ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit bewusst ist, desto einseitiger und intoleranter wird sein Verständnis des Textes sein.

So wird ein Terrorist den Dschihad als einen religiös motivierten Krieg begreifen. Und die im Koran vorgeschriebene Bekämpfung der fitna, also der "Zwietracht" innerhalb der islamischen Gemeinde, wird er in einen Kampf gegen die Ungläubigen umdeuten. Derlei Interpretationen finden sich – in der Textexegese wie in der Praxis – auch bei den anderen monotheistischen Buchreligionen.

IS-Kämpfer in Syrien; Foto: imago/Zuma Press
"Die Al-Azhar muss erkennen, dass der Terrorismus durchaus mit kulturellem, materiellem, gesellschaftlichem und politischem Niedergang sowie dem Fehlen von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit zusammenhängt, dass aber eben auch die Ansätze und Methoden, den Koran zu interpretieren und ihn zu lehren, ihren Anteil daran haben", schreibt Hefny.

Dass Islam und Terrorismus in einem Atemzug genannt werden, ist der Tatsache geschuldet, dass man mit ihm meist nur diejenigen Muslime assoziiert, die Terror praktizieren, wie etwa die Anhänger des IS und ähnlicher Gruppierungen. Begünstigt wird dies nicht zuletzt dadurch, dass solche Gruppierungen sich auf die sakralen Schriften des Islams wie auch auf die Praxis von Muslimen im Laufe der Geschichte berufen.

Den Taten des IS jeden Bezug zum Islam abzusprechen, wird das Problem sicherlich nicht aus der Welt schaffen. Erst müsste die Frage geklärt werden, in welcher Wechselwirkung der Islam (in seiner im Koran fixierten Form) und die Muslime stehen, die daraus gemäß ihrem individuellen Verständnis eine alltagstaugliche Praxis ableiten. Und die Al-Azhar ihrerseits müsste in ihren Lehrplänen eine Verknüpfung von Koranexegese mit sozialanthropologischen Ansätzen festschreiben.

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